Vor 200 Jahren wurde das spätere Textilhaus Müller in Westerkappeln gegründet / Filiale auch in Lengerich
Ein Haus mit Geschichte

Westerkappeln/Lengerich -

Vor genau 200 Jahren im Sommer 1820 nahm die Geschichte eines Gebäudes ihren Anfang mit der Gründung eines Gemischtwarenladens, aus dem das Textilhaus Müller hervorgegangen ist.

Sonntag, 02.08.2020, 17:00 Uhr aktualisiert: 02.08.2020, 17:44 Uhr
Auf eine lange Geschichte blickte das Textilhaus Müller zurück. Nach 175 Jahren war Schluss.
Auf eine lange Geschichte blickte das Textilhaus Müller zurück. Nach 175 Jahren war Schluss. Foto: Archiv Kultur- und Heimatverein

Generationen von Westerkappelnern haben hier eingekauft. Der Theologe und Hitler-Gegner Martin Niemöller lebte unter dieser Anschrift. Und etliche Jahrzehnte später entstand in dem Gebäude eine Ladenpassage, die bei der Eröffnung in kleinen Gemeinden wie Westerkappeln ihresgleichen suchte. Das Wohn- und Geschäftshaus an der Großen Straße 17 hat eine lange Geschichte, die auch eng mit Lengerich verwoben ist. Es steht für eine Zeit, in der familiengeführter Einzelhandel einträgliche Gewinne abwarf und es üblich war, sich in Textilgeschäften vor Ort einzukleiden. Vor genau 200 Jahren im Sommer 1820 nahm diese Geschichte ihren Anfang mit der Gründung eines Gemischtwarenladens, aus dem das Textilhaus Müller hervorgegangen ist.

Das Gebäude, in dem sich das alles abspielte, sei „ein hochinteressantes und wertvolles Zeugnis der Ortsgeschichte“, sagt Heinz Schröer vom Kultur- und Heimatverein. Seit 1985 steht das Haus unter Denkmalschutz. Bei historischen Führungen kommt die Sprache nicht selten auf das eindrucksvolle Wappen im Giebel und das stilisierte „G“ im Portal des Wohnhauses.

Gerd Müller hat seinen Ausverkauf gemacht und dann sind wir reingegangen.

Hans-Dieter Bensmann

Bei der Brandkatastrophe im Jahr 1779, die viele Gebäude im Dorf vernichtete, wurde auch das spätere Geschäftshaus Müller zerstört. Die Inschrift im Wappen verrät, dass es im nächsten Jahr wieder aufgebaut wurde – diesmal aus Stein, was für den Kappelner Ortskern mit seinen zahlreichen Fachwerkbauten durchaus ungewöhnlich war, sagt Heinz Schröer. Das Haus war damals im Besitz einer Krämerfamilie mit Namen Honsel, berichtete Heimatforscher Friedrich Hunsche vor 50 Jahren in einem Zeitungsartikel zum 150. Jubiläum des Textilhauses.

Was hat dann das prunkvolle „G“ über dem Eingang zum Wohnhaus zu bedeuten? Heinz Schröer stellt diese Frage gerne bei Vorträgen über die historische Entwicklung des Ortskerns. Und nur echte Kenner der Kappelner Geschichte wissen die Antwort. Die Gründung des Geschäfts geht auf Ludwig Graes zurück, der um 1820 wohl von Bissendorf nach Westerkappeln kam und die Witwe Honsel heiratete. Erst eine Generation später taucht erstmals der Name Müller in den Geschäftschroniken auf. Eine Tochter von Ludwig Graes heiratete in zweiter Ehe den Bergmann Gustav Müller. Er übernahm nach dem Tod des Schwiegervaters die Geschäfte. Die Erinnerung an den Gründer blieb aber lange wach: Bis ins 20. Jahrhundert war der Textilhandel als Graes-Müller bekannt.

Sophie Müller geborene Graes war übrigens zunächst mit dem Wundarzt Huss verheiratet, der früh starb. Heinz Schröer vermutet, dass eine Abbildung im Barockwappen den medizinischen Beruf des Mannes symbolisieren soll. Der andere Teil könne ein Hinweis darauf sein, dass hier einst die Thurn-und-Taxis-Post, die von Rheine nach Osnabrück fuhr, einen Ausspann hatte, schrieb Hunsche 1970. Heute hat die Deutsche Post ihre Westerkappelner Filiale in dem Gebäude.

Gustav und Sophie Müller, die das Geschäft bis in die Anfangsjahre des 20. Jahrhunderts führten, hatten fünf Kinder. Einer ihrer Enkel war der Theologe Martin Niemöller, der als Kind seine Großeltern oft in den Herbstferien besuchte und später nach dem Ersten Weltkrieg kurze Zeit mit seiner Ehefrau in dem Haus unterkam.

Zwei Weltkriege überstand das Geschäft weitgehend unbeschadet. In den Nachkriegsjahren wurde es mehrfach aus- und umgebaut. Die Wirtschaftswunderjahre sorgten für klingelnde Kassen. Es ging aufwärts. Als 1970 das 150-jährige Bestehen gefeiert wurde, hatte das Textilhaus Filialen in Lengerich und Ibbenbüren.

Gerhard Müller, der mittlerweile verstorbene Ururenkel des Gründers Ludwig Graes, führte das Geschäft bis zum Ende des vergangenen Jahrtausends weiter. Auf zwei Etagen verkaufte er Textilien. Im ersten Stock gab es Herrenmode.

Als in Lengerich im Jahr 1963 ein von den Brüdern Udo und Volker Kohnhorst erbautes Wohn- und Geschäftshaus an der Münsterstraße 40/42 fertiggestellt worden war, eröffnete Gerd Müller darin eine Filiale. Dort bezog er auch eine Wohnung. Er war nicht nur ein erfolgreicher Geschäftsmann. Bekannt ist zudem, dass Gerd Müller eine ähnliche Leidenschaft für den Fußball in sich trug wie der gleichnamige „Bomber der Nation“ vom FC Bayern.

Das Textilgeschäft an der Münsterstraße betrieb der Westerkappelner viele Jahre, bis er sein Gewerbe in das Gebäude, wo einst der Papiermarkt existierte, in die Bahnhofstraße verlagerte.

Als dort Schluss war, ging Gerd Müller zurück ins Stammhaus nach Westerkappeln. Nach mehr als 175 Jahren kam dann das Geschäfts-Aus. „Gerd Müller hat seinen Ausverkauf gemacht, und dann sind wir reingegangen“, erinnert sich Hans-Dieter Bensmann. Seit etwa 21 Jahren betreibt er eine Lotto-Toto-Annahmestelle sowie einen Tabak- und Zeitschriftenhandel im Gebäude an der Großen Straße 17. Gemeinsam mit dem Elektriker Horst Rehmeyer und der Bäckerei Wellmann sorgte er dafür, dass aus dem in die Jahre gekommenen Textilhaus eine belebte Ladenpassage wurde. Zwischenzeitlich hatten auch die Westfälischen Nachrichten im ersten Stock ein Redaktionsbüro. „Jetzt bin ich der letzte Mohikaner“, sagt Hans-Dieter Bensmann schmunzelnd. Denn nach dem Umzug der Bäckerei Wellmann ins Cappeln-Carré gibt es selbst in dem traditionsreichen Geschäftshaus Leerstand. Trotzdem: Rathaus und Banken würden weiter für Laufkundschaft sorgen: „An der Großen Straße ist immer was los.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7518329?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F175%2F
Nachrichten-Ticker