Landgericht verhandelt gegen 37 Jahre alten Mann aus Lengerich
„Befehle von Stimmen im Kopf“

Lengerich/Münster -

Stimmen im Kopf – ein Problem, das den Angeklagten schon einige Jahre plagte. „Sie haben befohlen, etwas Schlechtes zu tun“ sagte der Lengericher am Dienstag vor dem Landgericht. Dort muss er sich wegen Mordes verantworten. Der Mann gab zu, am 1. März einen 55 Jahre alten Ibbenbürener erstochen zu haben – auf Befehl. Der Angeklagte soll in einer psychiatrischen Klinik untergebracht werden.

Dienstag, 22.09.2020, 18:34 Uhr aktualisiert: 22.09.2020, 19:37 Uhr
In diesem Mehrfamilienhaus an der Schultebeyringstraße hat sich die Tat ereignet.
In diesem Mehrfamilienhaus an der Schultebeyringstraße hat sich die Tat ereignet. Foto: Jens Keblat

„Bring ihn um. Sonst bringen wir dich um“. Die Stimmen in seinem Kopf hätten ihm „befohlen“, den Mann umzubringen. Der 37 Jahre alte Angeklagte aus Lengerich gestand, am 1. März einen 55 Jahre alten Ibbenbürener erstochen zu haben. Die Tat ereignete sich in der Wohnung eines Bekannten an der Schultebeyringstraße in Lengerich . Dieser und ein weiterer Bekannter wurden Zeugen der Bluttat.

Vor der Zweiten Großen Strafkammer des Landgerichtes muss sich der Lengericher wegen Mordes verantworten. Zum Auftakt war die umfangreiche Anklage vorgestellt worden. Am Dienstag beleuchtete das Gericht den Werdegang des Angeklagten. Über seinen Verteidiger hatte der 37-Jährige zunächst mitgeteilt, sich nur zu seiner Person, nicht aber zur Tat äußern zu wollen.

Rückblick auf das Leben des Angeklagten

Der Angeklagte tat sich schwer aus seinem Leben zu erzählen. Geboren in Lengerich als viertes von insgesamt sechs Kindern besuchte er zunächst die Grundschule und wechselte später auf die Hauptschule. Weil er viel Mist gemacht habe, landete er zunächst auf einer Förderschule, später auf einer Schule für Lernbehinderte. Dort machte er 1999 seinen Abschluss. Der Vorsitzende Richter musste dem Lengericher immer wieder helfen, Lebensdaten richtig einzusortieren. Eine Lehre als Maler und Lackierer brach der Angeklagte „nach Stress mit dem Meister“ ab, jobbte als Hilfsarbeiter in vielen Stellen. 2002 verurteilte ihn das Jugendschöffengericht zu zwei Jahren Haft – Rauschgiftdelikte und Diebstähle. Nach dem Gefängnis beendete er erfolgreich eine Ausbildung als Anlagen- und Maschinenführer. Er arbeitet gut 15 Monate in dem Beruf. „Dann bin ich kriminell geworden“, führte der 37-Jährige vor Gericht aus. Am Arbeitsplatz wurde er festgenommen wegen schweren Raubes und räuberischer Erpressung – drei Jahre und neun Monate Haft verhängte das Landgericht für die Taten. Nach der Haftzeit folgte eine Drogentherapie.

Stationäre Aufenthalte in der LWL-Klinik

Gut zwei Jahre lebte der Mann planlos im Elternhaus in den Tag hinein, hielt sich mit Nebenjobs so gerade über Wasser. Zwischenzeitlich gab es kürzere stationäre Aufenthalte in der LWL-Klinik, weil „ich immer wieder verschiedene Stimmen gehört hatte“. Mit Medikamenten sei es ihm „besser“ gegangen. Dennoch entschied er sich für eine andere „Therapie“: „Wenn ich Kokain genommen habe, ging es mir auch besser“. Das Rauschgift finanzierte er mit kleineren Diebstählen oder versuchte sein Glück am Spielautomaten, wie der Lengericher die Ausführungen des Vorsitzenden Richters bestätigte. Der Rauschgiftkonsum, zum Teil unterstützt durch Alkohol, sei immer intensiver geworden, weil die Stimmen ihn vermehrt aufgefordert hätten, „etwas Schlechtes“ zu tun.

So auch am 1. März – dem Tattag. Er habe sich mit dem Mieter am Feuerwehrhaus getroffen. Gemeinsam seien sie zu dessen Wohnung gegangen, wo auch der ihm bekannte Ibbenbürener – das spätere Opfer – mit seinem Motorrad vorfuhr. Gemeinsam mit einem weiteren Bekannten seien nach Rauschgiftgeschäften mehrere Pfeifchen Kokain geraucht worden.

Tatzeugen sollen aussagen

 „Streit – Stimmen - zugestochen – Filmriss“ so fasste ein Polizeibeamter als Zeuge die erste Einlassung des Lengerichers zusammen. Er hatte nach der Tat die Wohnung verlassen und war zur Polizeiwache gegangen. Dort gab er an, in eine Messerstecherei verwickelt gewesen zu sein.

Schon zu Beginn des Verfahrens hatte die Staatsanwältin wegen der wohl zu vermutenden paranoiden Psychose beantragt, den Angeklagten in einer psychia­trischen Klinik unterzubringen. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt. Dann hört das Gericht unter anderem die beiden Tatzeugen.

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