Ingeborg Mildenberg überlebte als Einzige ihrer Familie den Holocaust
Nach Konvertierung als Nonne im Krankenhaus

Lengerich -

Als einziges Mitglied ihrer Familie hat Ingeborg Mildenberg den Holocaust überlebt. Geboren wurde sie am 24. September 1920 in Lengerich. 1939 verließ sie Deutschland, ging nach Schottland und später in die USA. Dort konvertierte die Jüdin zum katholischen Glauben und wurde Ordensschwester.

Donnerstag, 24.09.2020, 12:56 Uhr aktualisiert: 24.09.2020, 17:42 Uhr
Ingeborg Mildenberg auf einem Foto aus dem Jahr 1938.                     
Ingeborg Mildenberg auf einem Foto aus dem Jahr 1938.                      Foto: Sammlung Möllenhoff, Schlautmann,Münster

Heute vor 100 Jahren, am 24. September 1920, wurde in Lengerich Ingeborg Mildenberg geboren, zweite Tochter des jüdischen Viehhändlers und Fleischers Julius Mildenberg und seiner Frau Rosa, die damals an der Bahnhofstraße 9 lebten. Als 29-jährige Frau schrieb Ingeborg Mildenberg: „Ich wurde geboren in Deutschland und wuchs dort auf, wurde erzogen im jüdischen Glauben, den ich lebte. Ich hatte eine vierjährige Grundschulzeit und vier Jahre der höheren Bildung. Aber wegen der Nazi-Gesetze konnte ich die weiterführende Schule nicht beenden. Aufgrund der Nazi-Unterdrückung verließ ich 1939 meine Heimat und emigrierte nach Glasgow, Schottland, bis zu meinem Visum für die Einwanderung in die USA, das mir im August 1940 gewährt wurde.“

Zu dieser Fluchtgeschichte kann man ergänzen, dass Ingeborg Mildenberg schon 1937 Lengerich verlassen hatte. Ihre Eltern hofften, dass ihre Tochter in einer größeren Stadt wie Münster mit weniger Diskriminierungen aufwachsen würde. Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 gelang es ihr, nach Kent in England zu gelangen; anschließend arbeitete sie als Hausmädchen in Glasgow. Da ihr Onkel Hermann bereits in New York lebte, reiste sie am 7. November 1940 an Bord der „Samaria“ von Liverpool dorthin.

Zu Beginn des nächsten Jahres ging Ingeborg Mildenberg nach Dayton, Ohio; zunächst für zwei Jahre als Hausmädchen, und anschließend für eine Ausbildung zur Krankenschwester am St. Ann’s Hospital in Columbus, Ohio. In dieser Zeit kam sie mit Schwestern des Ordens „Sisters of St. Francis of Penance and Christian Charity“ (Franziskanerinnen der Buße und der christlichen Nächstenliebe) in Kontakt und war offensichtlich von dieser Lebensform so berührt, dass sie sich am 12. Juli 1946 taufen ließ und zum Katholizismus konvertierte.

Es folgten einige Jahre der weiteren Unterweisung im katholischen Glauben, bis sie am 5. September 1949 in Stella Niagara, New York, in den Orden eintrat und Nonne wurde; nach Ablegung der ewigen Gelübde trug sie fortan den Namen Sister Mary Erica.

Nach ihrem Tod am 21. Oktober 1993 in Buffalo, New York, veröffentlichte ihr Orden diesen Nachruf: „Es folgten vierzig Jahre der Hingabe als Krankenschwester, zwanzig davon in St. Mary’s, Nelsonville, und siebzehn in Buffalo. Ihre letzte Aufgabe war in Roswell Park. Es folgten private Pflichten, bis eine Krankheit ihren Ruhestand erzwang. Schwester Erica war eine zurückhaltende Person, aber sogar heute noch erinnert man sich dankbar an sie als ‚die kleine Schwester, die nachts das Krankenhaus leitete.‘ Das war in Nelsonville und nur Gott weiß, wie viele Babys sie zur Welt gebracht hat, wie vielen Bergarbeitern und ihren Familien sie geholfen hat.“

Ingeborg Mildenberg war die einzige Überlebende aus der Familie Julius Mildenberg. Ihre Eltern sowie ihre beiden Schwestern Resi und Ruth wurden von den Nationalsozialisten ermordet.

Die Projektgruppe Stolpersteine in Lengerich möchte am 9. November um 10 Uhr für Ingeborg Mildenberg, ihre Familie sowie für Mitglieder der Familien Meyer, Abrahamson und Kaufmann insgesamt 15 Stolpersteine verlegen.

 

Der Text über Ingeborg Mildenberg basiert auf dem Buch: Bernd Hammerschmidt, Die Mildenbergs – eine jüdische Familie aus Lengerich, Norderstedt 2020. Das Buch ist beim Tourismusbüro im Alten Rathaus erhältlich oder kann über den Buchhandel bestellt werden.

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