Prozess wegen tödlicher Messerstiche
„Befehl von Stimmen im Kopf“

Lengerich/Münster -

Im Prozess gegen einen 36 Jahre alten Lengericher, der am 1. März einen 55 Jahre alten Ibbenbürener erstochen haben soll, haben Verteidigung und Staatsanwaltschaft ihre Plädoyers gehalten. Beide beantragen die Unterbringung des Angeklagten in einer psychiatrischen Einrichtung.

Donnerstag, 01.10.2020, 18:51 Uhr aktualisiert: 02.10.2020, 08:46 Uhr
Noch am Tatabend hatte die Kriminalpolizei mit der Sicherung der Spuren im Haus an der Schultebeyringstraße begonnen.
Noch am Tatabend hatte die Kriminalpolizei mit der Sicherung der Spuren im Haus an der Schultebeyringstraße begonnen. Foto: Jens Keblat

Ein kurzes Kopfschütteln – das war‘s. So reagierte der 36 Jahre alte Lengericher auf die Frage des Vorsitzenden, ob er als letztes Wort noch etwas sagen wollte. Zuvor hatten die Staatsanwältin und der Verteidiger in ihren Plädoyers die Unterbringung des Angeklagten in einer psychiatrischen Einrichtung beantragt. Das Urteil will die Zweite Große Strafkammer am Landgericht am 7. Oktober verkünden.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hatte das Gericht das Gutachten des Sachverständigen gehört. Dieser erläuterte die psychische Entwicklung des 36-Jährigen, der am 1. März in der Wohnung eines Bekannten an der Schultebeyringstraße einen 55 Jahre alten Ibbenbürener erstochen haben soll. Die Kammer hatte zuvor einem Antrag der Verteidigung stattgegeben.

Der Vorsitzende Richter betonte in der Begründung, der Angeklagte habe sich umfangreich öffentlich zu dem Tathergang eingelassen. Zudem hätten weitere Zeugen das Geschehen in öffentlicher Verhandlung dargestellt. Zum Schutz des Angeklagten sei es deshalb nicht notwendig, etwaige psychische Störungen öffentlich zu erörtern.

Zu Beginn des Verhandlungstages hatte ein 46 Jahre alter Mitgefangener eine Auseinandersetzung in der Gemeinschaftszelle geschildert. Demnach hat der Angeklagte offenbar grundlos einen weiteren Mithäftling ins Gesicht geschlagen. „Der ist wie ein Berserker auf den Mann losgegangen“, sagte der Zeuge. Der Angeklagte habe erst aufgehört, als das Wachpersonal gekommen sei, dass der Zeuge über die „Alarmampel“ gerufen habe. „Da war alles voller Blut.“

Der Lengericher räumte die Schläge ein, die ihm von „Stimmen im Kopf und Geistern“ befohlen worden sein sollen, „sonst hätte der mich geschlagen.“ Der Verteidiger verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass er bereits am 6. März für seinen Mandanten die vorläufige Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung beantragt habe.

In ihrem Plädoyer hatte die Staatsanwältin die Forderung nach Unterbringung des Angeklagten in einer psychiatrischen Einrichtung unterstrichen. Der Lengericher habe seit Beginn seines Lebens mit unterschiedlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Letztlich habe er „suchtaffin“ Drogen und Alkohol konsumiert – auch am Tattag. „Das Kokain hat ihm letztlich die Einsicht in sein Tun versperrt.“

Der Gutachter habe dargelegt, dass eine Behandlung der Psychose dringend angezeigt sei. Anderenfalls stelle sich nicht die Frage ob, sondern wann wieder etwas passieren werde. Der Sachverständige halte es deshalb für sinnvoll, die „Behandlung gleichsam zu erzwingen“. Dieses könne nur in einer geschlossenen Einrichtung funktionieren.

Der Verteidiger sagte, sein Mandant habe über den Gutachter den Wunsch geäußert, untergebracht zu werden. „Das ist schon sehr selten.“ Es sei zudem sein Wunsch, wieder „gesund zu werden, egal, wie lange dies dauert.“ Der Lengericher habe einen hohen Leidensdruck gespürt, betonte der Verteidiger. Er habe sich unmittelbar nach der Tat bei der Polizei gestellt, weil ihm bewusst geworden sei, dass „das, was er getan hat, nicht in Ordnung war“. Der Zwang habe offenbar nachgelassen, als er die Wohnung verlassen hatte, in der die Bluttat geschehen war.

Der Gutachter habe ausgeführt, dass er keinen Bezug zur Persönlichkeit des Angeklagten herstellen konnte, weil diese durch „die Psychose überlagert wird“. Die Behandlung der Krankheit könnte es möglich machen, den grundlegenden Ursachen auf die Spur zu kommen. „Die Unterbringung ist für meinen Mandanten das Einzige, was ihm Hilfe verspricht.“

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