Konflikte um das Bier im Tecklenburger Land
Ohne Saft und Geschmack

Tecklenburger Land -

Im 18. Jahrhundert führten die Preußen in der Grafschaft Tecklenburg mit der Akzise eine neue Steuer ein. Folgen hatte das nicht zuletzt für den Bierkonsum und -ausschank. Ernst Albrecht Friedrich Culemann hielt als Zeitzeuge fest, was die Bevölkerung dazu sagte.

Sonntag, 10.01.2021, 16:27 Uhr aktualisiert: 12.01.2021, 14:56 Uhr
Grundriss des Brauhauses auf dem Domänengut Kirstapel bei Lienen um 1750
Grundriss des Brauhauses auf dem Domänengut Kirstapel bei Lienen um 1750 Foto: Sammlung Spannhoff

Mit Bier war immer schon Geld zu verdienen – nicht nur für die Brauer, sondern auch für die Obrigkeit. Anders als heute stellte das alkoholische Getränk früher aber kein Genussmittel, sondern einen wichtigen Bestandteil der Ernährung dar. Um dieses „flüssige Brot“, das zwar einen viel geringeren Alkoholgehalt als heute, aber immer noch antibakterielle Wirkung aufwies, kam es im 18. Jahrhundert im Tecklenburger Land zum Konflikt.

Seit 1707 gehörte die Grafschaft Tecklenburg faktisch zum brandenburgisch-preußischen Staatsverband. Wenige Jahre später bestieg 1713 mit dem „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. (1688 bis 1740) ein junger König den Thron, der für die Reformen seines Staatswesens finanzielle Mittel benötigte. Um etwa sein stehendes Heer unterhalten zu können, führte er auch in der Grafschaft Tecklenburg in den 1720er-Jahren eine besondere Steuer ein: die sogenannte Akzise.

Diese ist als eine Art Umsatzsteuer zu verstehen. Sie wurde auf Handelsgüter und heimisch produzierte Waren erhoben, allerdings nur in den Städten, weil sich hier die Warenströme kanalisieren ließen und die praktische Einnahme leichter durchzuführen war. Um diese Abgabe selbst in weitgehend ländlich geprägten Gebieten gewinnbringend einführen zu können, mussten dort Dörfer zu Städten erhoben werden.

Als 1727 in der alten Stadt Tecklenburg die Akzise eingeführt wurde, stattete der König in diesem Zug ebenfalls den Flecken Lengerich mit Stadtrechten aus. Auch Westerkappeln wurde 1738 zur Stadt erklärt. Der Nachteil für die in den Dörfern und Bauerschaften lebende Bevölkerung bestand nun darin, dass der Großteil der Bedarfs- und Handelsgüter nur in den Städten erworben werden konnte.

Zum Einzugsbereich von Lengerich gehörten etwa Ladbergen, Leeden und Lienen. Die Bewohner dieser Kirchspiele mussten also in dieser „Akzise-Stadt“ einkaufen. Doch gerade hinsichtlich der Bierversorgung kam es dabei zu Konflikten. Darüber berichtet der preußische Kriegs- und Domänenrat Ernst Albrecht Friedrich Culemann (1711 bis 1756), der vom 24. November bis 10. Dezember 1750 die Grafschaft Tecklenburg bereiste und dabei ein umfangreiches Protokoll anfertigte. Im Zuge dessen befragte er die örtliche Bevölkerung nach Missständen.

Als er wissen wollte, wie es mit der Bierversorgung bestellt sei, schlug ihm herbe Kritik an der staatlichen Steuerpolitik entgegen. Die Einwohner von Leeden gaben an, dass vier Schankkrüge vorhanden seien. Diese müssten Bier und Branntwein aus Lengerich holen, was ihnen sehr lästig sei, weil es zeitaufwendige Wege seien, die sie von ihrer Arbeit abhielten. Zudem könnten sie keine Knechte verdingen, wenn sie das teure Bier nicht selbst brauen dürften.

Culemann notierte: „Sie sähen wohl, daß ihnen die Accise-Verfaßung entgegen sey, allein ihrer einfältigen Meinung nach könte durch Abstellung der Accise und Anordnung einer Kopfsteuer (. . .) allen Beschwerden wegen der Accise und des Commercii abgeholffen werden.“

Die Bauern Leddes, die drei Schankkrüge hatten und das Bier aus Tecklenburg zu beziehen hatten, sagten ähnliches aus. Die Lotteraner meinten zudem, dass es eine große Erleichterung für die ländliche Bevölkerung sei, „wenn sie selbsten sich den Haußtrunck dünne-Bier brauen dürffen.“ Die Wersener zeigten an, „daß sie zwey Krüge hätten, welche das Bier aus Cappeln nehmen müsten, so aber (obwohl es teuer sei), nicht tranckbar sey.“ Sie seien deswegen übel dran, würden krank, „besonders müste manche Krahm-Frau in das Graß beißen“. Wöchnerinnen bekamen also ebenfalls Bier zur Stärkung.

Die Einwohner von Westerkappeln betonten, dass das Bier, das sie aus der Stadt holen müssten, „gar zu schlecht sey, und keinen Safft noch Geschmack habe“. Gerade zur Erntezeit entbehrten sie aber des Getränks sehr. Insgesamt kritisierten sie die Akzise, die nur die Händler und Kaufleute „von der Armen Unterthanen Schweiß und Bluth reich“ machte und auch dem König keine übermäßigen Einnahmen brächte, weshalb sie für deren Abschaffung plädierten.

Auch die Lengericher Bauern, die vier Krüge in Wechte und einen in Ringel hatten, wollten lieber das Malz zum Brauen versteuern und das Bier dann selbst brauen. Die Ladberger meldeten, dass in ihren vier Schänken nur selten Bier zu bekommen sei, „besonders bey der Erndte-Zeit, da das Bier gar gern sauer werde, so dann müsten sie Waßer sauffen, erkrancken und crepiren.“ Sie erklärten ebenfalls, „die accise vom Maltz zu bezahlen, wenn ihnen nur erlaubt werden könte, zur Erndte-Zeit oder im Fall der Noth ein Trunck dünne -Bier zu brauen.“ In Lienen gab es acht Bier-Zapfer. Auch sie brachten das Problem vor, dass sie „keine Knechte kriegen und behalten könnten, weil die Leute kein Waßer sauffen wolten.“

Zwar musste die Landbevölkerung noch bis nach dem Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) warten, aber schließlich wurde für sie die verhasste Akzise in eine feste Abgabe umgewandelt, wie August Karl Holsche 1788 in seiner Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg berichtet.

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