Tag des Gedenkens an Nazi-Opfer: Die Lengericherin Leonore Kaufmann
Spur verliert sich im KZ Sobibor

Lengerich -

1902 wurde Leonore Kaufmann in Lengerich geboren. 36 Jahre später ist sie das letzte Mal in ihrer Heimatstadt. Anschließend musste sie in die Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn bei Koblenz. Von dort wird sie am 15. Juni 1942 mit etwa 250 weiteren Patienten ins KZ Sobibor gebracht. Dort verliert sich ihre Spur.

Mittwoch, 27.01.2021, 12:08 Uhr aktualisiert: 27.01.2021, 12:10 Uhr
Leonore Kaufmanns Elternhaus an der Bahnhofstraße 17.
Leonore Kaufmanns Elternhaus an der Bahnhofstraße 17. Foto: Sammlung Kiepker/Klaus Adam

Heute begehen wir in Deutschland den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Eines dieser Opfer war die Jüdin Leonore Kaufmann , die am 13. Dezember 1902 in Lengerich zur Welt kam.

Ihre Eltern, der Viehhändler Salomon Kaufmann und seine Frau Selma, wohnten damals an der Bahnhofstraße 17. Leonore besuchte nach der vierjährigen Grundschule bis 1920 das Städtische Lyzeum in Osnabrück; danach hielt sie sich – offenbar wegen gesundheitlicher Probleme – für einige Monate zu Hause auf. Nach einer Zwischenstation an einer Schule in Stuttgart legte sie schließlich 1923 das Abitur an der Annette von Droste-Hülshoff-Schule in Münster ab. Ein Jahr später begann sie ihr Jurastudium – zunächst in Münster, später in Freiburg – und wurde schließlich im Juli 1929 zur Rechtsreferendarin ernannt.

Der folgende Ausbildungsabschnitt in Hamm und bei Gerichten in Münster ist geprägt einerseits durch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten ihrer Eltern, sodass sie überwiegend ihre Wohnung in Lengerich behalten musste; andererseits musste sie ihre Ausbildung immer wieder aus gesundheitlichen Gründen unterbrechen – auf einem ihrer Beurlaubungsanträge lautete der Grund „nervöse Erkrankung“. Letztendlich musste sie auf das Zweite Staatsexamen verzichten und wurde im September 1933 aus dem Staatsdienst entlassen.

Wie sie sich in den folgenden Jahren als jüdische Frau wirtschaftlich über Wasser gehalten hat, ist leider nicht bekannt. Ihr Vater starb im November 1935. Nach Jahren in Berlin kehrte sie am 7. März 1938 nach Lengerich zurück, musste sich aber bald darauf in stationäre Behandlung in die Heil- und Pflegeanstalt Düsseldorf-Grafenberg begeben. Im Herbst 1938 weilte sie zum letzten Mal in Lengerich, bevor sie am zweiten Weihnachtstag 1938 zur weiteren Behandlung in die Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn bei Koblenz kam.

Nun trafen sie die nationalsozialistischen Rassegesetze mit voller Härte: das elterliche Grundstück an der Bahnhofstraße in Lengerich musste sie verkaufen, der Amtsarzt bezeichnete sie als schizophren und beantragte ihre Sterilisation. Auf Grund ihrer juristischen Ausbildung konnte sie persönlich Widerspruch einlegen; dieser wurde allerdings vom Erbgesundheits-Obergericht Köln abgewiesen. Da sie in der Heilanstalt aber „keinen Schaden anrichten“ konnte, wurde die Sterilisation zunächst aufgeschoben.

Wie mag sie sich in der Heil- und Pflegeanstalt gefühlt haben? Dieser Frage ist eine ehemalige Schülerin des Hannah-Arendt-Gymnasiums nachgegangen und hat einen fiktiven Brief geschrieben, den Leonore an ihren Bruder Richard im Sommer 1938 geschrieben haben könnte:

„Liebster Bruder Richard,

Ich möchte mich gleich bei Dir entschuldigen, da ich Deiner Bitte, direkt nach meiner Ankunft hier in der Anstalt zu schreiben, nicht nachkommen konnte.

Die Bedingungen waren anders als erwartet. Man behandelt mich nicht wie einen Menschen. Ich bin eine „Geisteskranke“, eine Belastung.

Du hast mich noch nie wie eine solche behandelt, was ich gerade in Zeiten wie diesen sehr zu schätzen weiß. Nach langem Gebettel haben sie mir endlich Briefpapier zur Verfügung gestellt.

Sie wollten mich sterilisieren, Richard! Du erinnerst dich bestimmt noch an an unsere Gespräche über meinen Kinderwunsch. Sie wollten es mir nehmen, da sie dachten, meine Kinder würden dieselben Gespenster sehen wie ich. Ich habe mich jedoch mit aller Kraft gewehrt. Mein Wissen durch meinen Beruf als Gerichtsreferendarin ist mir nützlich geworden. Ich habe es geschafft! Sie lassen mir meine Fruchtbarkeit.

Es ist hier unerträglich. So eingesperrt . . . Ich vermisse meine Arbeit, mein Zuhause, mein gesamtes Leben! Auch vermisse ich das viele Lachen mit dir. Ich schaffe es noch irgendwie hier raus.

Bitte schreib mir bald zurück.

Liebste Grüße Leonore.“

Am 15. Juni 1942 wurde Leonore Kaufmann zusammen mit etwa 250 weiteren Patienten aus Bendorf-Sayn über verschiedene Stationen nach Sobibor in Polen deportiert. Sie gilt als verschollen, da der Tag ihrer Ermordung nicht bekannt ist – wir wissen aber, dass Kranke in Sobibor bald vergast wurden.

Am 24. November 2020 hat die Projektgruppe im Heimatverein Lengerich Stolpersteine für Leonore Kaufmann und 14 weitere jüdische Opfer aus Lengerich verlegen lassen. Der seinerseits erstellte Flyer ist bei der Tourist-Information im Alten Rathaus kostenlos erhältlich; zudem ist die kleine Broschüre in der Hauptstelle der Stadtsparkasse Lengerich während der Öffnungszeiten zu bekommen.

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