Musiker Kai Strauss und die Folgen von Corona
Rücklagen sind fast aufgebraucht

Lengerich -

Über 20 Jahre hat Kai Strauss auf der Bühne gestanden und sich als Blues-Gitarrist einen sehr guten Namen in der Szene erworben. Doch seit einem Jahr geht (fast) nichts mehr. Die Corona-Pandemie hat den Solokünstler voll erwischt. Seine neue CD stürmt die Bestenliste. Wie geht der Künstler mit all dem um?

Dienstag, 23.02.2021, 16:53 Uhr aktualisiert: 24.02.2021, 12:24 Uhr
Den Humor hat Kai Strauss nicht verloren und nimmt seine Gitarre im Weinhaus, in dem er als Aushilfe arbeitet, zur Hand.
Den Humor hat Kai Strauss nicht verloren und nimmt seine Gitarre im Weinhaus, in dem er als Aushilfe arbeitet, zur Hand. Foto: Michael Baar

Im Herbst oder Winter wieder auf der Bühne stehen. „Das habe ich im vergangenen Sommer gedacht, viele Kolleginnen und Kollegen auch“, sagt Kai Strauss. Doch daraus ist nichts geworden. „Wir hoffen seit Monaten, dass es in zwei, drei Monaten wieder losgeht. Aber inzwischen bin ich vorsichtiger geworden mit dieser Prognose.“ Die Enttäuschung ist dem Lengericher Gitarristen anzuhören.

Neue CD auf Platz 1 der Blues-Bestenliste

Seit über 20 Jahren steht er auf der Bühne. Dann das abrupte Aus im vergangenen März. Im Sommer hat er mit seiner Band noch wenige Auftritte gehabt. „Alles unter Coronaschutz-Auflagen, was nur an wenigen Orten möglich ist“, erinnert er sich. Im Moment gibt es nur noch den Livestream montags ab 20 Uhr aus der Lagerhalle in Osnabrück. Rund 60 Minuten kann er sich seiner Leidenschaft, dem Blues, hingeben.

Der Initiator der Blues Session im Gempt-Bistro hat dort eine treue Fangemeinde aufgebaut. Die muss warten, bis sie den 50-Jährigen dort wieder auf der Bühne erleben darf. Ein Online-Konzert von zuhause, daraus macht er keinen Hehl, „ist nicht mein Ding“. Der Kontakt zum Publikum ist für ihn essenziell, wenn es um Musik geht. 90 Prozent seiner Auftritt sind live, „mindestens“.

Ein Online-Konzert von zuhause ist nicht mein Ding.

Kai Strauss

Auch wenn die Bühnenpräsenz im Moment nicht möglich ist, gibt es Neues vom Blues-Gitarristen. Ende vergangenen Jahren ist seine neue CD „In my Prime“ auf den Markt gekommen. Die hat sofort die Bestenliste des Vereins „Preis der Deutschen Schallplattenkritik“ gestürmt. Nicht zum ersten Mal. „Dieses Album ist ein echter Leckerbissen“, schreibt die Jury zu diesem Silberling.

Das Projekt ist nicht von der Corona-Pandemie inspiriert worden. „Für 2020 stand ohnehin eine neue CD auf der To-do-Liste“, erzählt er. Auch wenn Kai Strauss ein absoluter Bühnenkünstler ist – „so alle ein, eineinhalb Jahre muss man eine CD machen“, erläutert er. Corona habe nur dafür gesorgt, dass das Projekt etwas vorgezogen wurde. „Sobald es die Hygienevorgaben zuließen“, dieser Hinweis ist ihm wichtig.

Und auch wenn sein Album die Nummer Eins der Bestenliste ist. „Von den Tantiemen kann man nicht leben“, lacht er. Dazu seien die Verkaufszahlen viel zu niedrig. Eine CD sei immer gut bei Auftritten, weil Veranstalter Wert darauf legen, nicht nur den Auftritt zu präsentieren.

Von den Tantiemen der CD kann man nicht leben

Finanziell, das räumt er offen ein, hat ihn die Pandemie hart getroffen. „Aber da geht es mir wie vielen Kolleginnen und Kollegen.“ Die Soforthilfe für Soloselbstständige und Kleinstbetriebe sei im vergangenen Jahr „schnell und unbürokratisch“ geflossen. 9000 Euro waren das. „Die Ernüchterung kam drei Wochen später, als mitgeteilt wurde, das Geld dürfe nur für Betriebskosten ausgegeben werden“, erinnert er sich. Mangels Auftritten werde er den Großteil zurückzahlen und versteuern müssen.

Die Überbrückungshilfe 1 habe er „zum Großteil“ erhalten. Für einen Zeitraum von drei Monaten weniger als 3000 Euro. „Das war‘s bis jetzt“, ist er mit der Addition seiner Einnahmen während der Corona-Pandemie schnell fertig. „Man muss Abstriche machen“, dass ist Kai Strauss klar. Aber die über 100 Auftritte im Jahr fehlen ihm sehr. Klar habe er in den vergangenen Jahren „etwas auf die Seite gelegt“. Aber das reiche für ein halbes bis ein ganzes Jahr. 90 Prozent, so schätzt er, sind davon weg.

Meine Rücklagen sind zu etwa 90 Prozent aufgebraucht.

Kai Strauss

Zeit zum Üben hätte er genug. Aber es gebe Phasen, da sei ihm nicht danach. „Im Moment bin ich ziemlich aktiv, spiele ein bis zwei Stunden am Tag Gitarre“, strahlt er. Allerdings nicht vormittags. Seine beiden Kinder sind dann im Homeschooling. Wenn er dann seine Gitarre anschließe, käme das nicht so gut, schmunzelt er.

Momentan hat er vormittags ohnehin nicht unbegrenzt Zeit. Seit Mitte November ist der Blues-Musiker als Aushilfe im Weinhaus am Kirchplatz beschäftigt. „Ich hatte einen Zettel ausgehängt und Kai hat sich gemeldet“, erzählt Inhaber Jörg Tiede, wie es zu dem Kontakt gekommen ist. Für ihn ist es eine „Win-win-Situation, weil ich eine Aushilfe gesucht habe und Kai das gut macht“.

Ungeplanter Nebeneffekt dieser Tätigkeit: „Ich habe einige Weißweine entdeckt, obwohl ich früher fast nur Rotwein getrunken habe.“

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