Schwer vermittelbare oder beschlagnahmte Tiere aus schlechter Haltung im Tierheim Lengerich
Volle Zwinger trotz Hunde-Boom

Lengerich/Tecklenburger Land -

Trotz Hunde-Boom: Im Tierheim am Setteler Damm sind zurzeit fast alle Zwinger belegt. Einige Hunde sind „Langzeitinsassen“, die nicht vermittelt werden können oder sollen. Andere werden wohl schon bald ein neues Zuhause finden. Insgesamt 17 erwachsene Hunde sind in der Obhut des Tierheims, dazu acht Deutsch-Drahthaar-Welpen. Aktuell hat das Tierheim nur noch Platz für ein oder zwei absolute Notfälle.

Sonntag, 02.05.2021, 16:42 Uhr aktualisiert: 03.05.2021, 17:42 Uhr
Omi und Opi werden nur im Duo vermittelt. Die beiden zehn und 15 Jahre alten Dackel hängen so sehr aneinander, dass sie nicht getrennt werden sollen, sagt Tierheimleiterin Cornelia Backhaus.
Omi und Opi werden nur im Duo vermittelt. Die beiden zehn und 15 Jahre alten Dackel hängen so sehr aneinander, dass sie nicht getrennt werden sollen, sagt Tierheimleiterin Cornelia Backhaus. Foto: Anke Beimdiek

Sissy läuft nicht mehr richtig rund, für Herz und Kreislauf braucht sie Medikamente und kann Fremden gegenüber schon mal knurrig sein. Angesichts ihres beinahe biblischen Alters von 21 Jahren ist all das vielleicht auch kein Wunder.

Die hochbetagte Jack-Russell-Dame lebt im Tierheim Tecklenburger Land in Lengerich und soll sich auf ihre alten Tage nicht noch einmal an ein neues Umfeld gewöhnenmüssen, erzählt Ulla Mertin , Vorsitzende des Tierschutzvereins Lengerich/Westerkappeln. Die Hündin hat zudem längst eine passende Bezugsperson gefunden: eine 91-jährige Dame, die Sissy täglich zur Gassi-Runde abholt.

Im Tierheim am Setteler Damm, das in Trägerschaft des Tierschutzvereins ist, sind zurzeit fast alle Zwinger belegt. Einige Hunde sind „Langzeitinsassen“, die wie Sissy nicht vermittelt werden können oder sollen. Andere werden wohl schon bald ein neues Zuhause finden. Insgesamt 17 erwachsene Hunde sind in der Obhut des Tierheims, dazu acht Deutsch-Drahthaar-Welpen, die bald vermittelt werden sollen. Aktuell hat das Tierheim nur noch Platz für ein oder zwei absolute Notfälle.

Ähnlich voll sind die Katzengehege. 39 ausgewachsene Tiere leben im Tierheim, dazu noch mehr als 20 Kitten, und weiterer Nachwuchs kommt in Kürze. Platz ist höchstens für bis zu 80 Samtpfoten. Viele Katzen seien „Beifang“ von Jägern, die mit Lebendfallen Raubwild wie Füchsen nachstellen, sagt Ulla Mertin. Im Tierheim werden sie normalerweise schnellstmöglich kastriert.

Reichlich Platz gibt es aktuell nur im Bereich für Kleintiere. Wenn die letzten Kaninchen demnächst zu ihren neuen Besitzern ziehen, steht dieser Bereich vorerst sogar leer.

In der Corona-Pandemie sind viele Menschen deutlich mehr zu Hause – und wollen ihren Haushalt um ein vierbeiniges Mitglied erweitern. Besonders Hunde sind gefragt. Manche Tierheime wurden regelrecht überrannt. Schon zu Beginn der Krise hatten einige keine vermittelbaren Hunde mehr. Außergewöhnlich groß ist auch die Nachfrage bei den Züchtern. „Der deutsche Markt ist leer gefegt“, sagt Tierheimleiterin Cornelia Backhaus . Für Welpen würden teilweise Preise von bis zu 2500 Euro gezahlt, berichtet sie und ergänzt kopfschüttelnd: „Dafür bekommt man sogar schon ein Pony.“

Aber wie passen dazu die vollen Zwinger im Tierheim in Lengerich? In den vergangenen Monaten seien zwar mehr herrenlose Tiere als üblich vermittelt worden, sagt Ulla Mertin. Platzprobleme gab es nicht – bis vor einigen Wochen mehrere Hunde, die aus schlechter Haltung befreit wurden, nach Lengerich kamen.

Ein Amtsveterinär hatte rund 20 Tiere beschlagnahmen lassen. Die Hunde lebten eingepfercht in Transportboxen, berichtet Cornelia Backhaus. Eine Mutterhündin, die als „Gebärmaschine“ missbraucht worden sei, habe wegen Entkräftung sogar eingeschläfert werden müssen.

Die Schattenseite des lukrativen Hundebooms. „Zwei Klicks im Internet und schon hat man ein Haustier“, weiß die Tierheimleiterin. Nicht immer kämen die Tiere aber von verantwortungsbewussten Züchtern, sondern stammten auch aus solchen sogenannten Qualzuchten. Zu dem Leid der Elterntiere kämen mitunter Krankheiten, ausgeprägte Futtermittelallergien und Gendefekte bei den Welpen.

Auch aus dem Ausland werden wegen der großen Nachfrage viele Hunde illegal nach Deutschland importiert. Die häufig ungeimpften Tiere könnten hier zum Tollwut-Risiko werden, warnt Tierschützerin Ulla Mertin. Werden die Hunde entdeckt, isoliert sie das Veterinäramt deshalb für mindestens drei Wochen in strenger Quarantäne komplett von ihrer Umwelt. Eine zusätzliche Qual für die mitunter bereits traumatisierten Vierbeiner.

„Menschen, die sich ein Haustier zulegen wollen, sind nicht schlecht beraten, wenn sie ein Tierheim ansteuern“, ist Cornelia Backhaus überzeugt. Anders als zweifelhafte Züchter und Händler würden dort alle Probleme und Eigenheiten eines Tieres „offen auf den Tisch“ gelegt.

Das betrifft zum Beispiel Hunde, die als potenziell gefährlich gelten und für die es in Nordrhein-Westfalen strenge Auflagen für die Halter gibt – angefangen bei der Leinenpflicht bis hin zum unter Umständen erforderlichen Sachkundenachweis. Einige Kommunen verbieten die Haltung gefährlicher Hunderassen ganz. Manchmal sei das selbst Hundehaltern gar nicht bewusst, sagt Cornelia Backhaus. Aktuell sucht das Tierheim in zwei Fällen zudem ein neues Zuhause für Hunde, die nicht getrennt, sondern nur als Duo abgegeben werden sollen. Auch das macht die Vermittlung nicht leichter.

Das Tierheim kann zurzeit nur nach vorheriger Terminabsprache besucht werden. Über einen Fragebogen versuchen die Mitarbeiter, sich im Vorfeld ein Bild von den Lebensumständen der potenziellen Tierhalter zu machen. Mitunter zerschlägt sich der Wunsch nach einem vierbeinigen Begleiter schnell. „Manchmal stellt sich bald heraus, dass der Vermieter gar keine Haustiere duldet“, berichtet Ulla Mertin. Auch Angebote, Tiere im Lockdown für drei, vier Wochen zu übernehmen, lehnt das Tierheim ab. Das wäre, wie Cornelia Backhaus betont, „ein Super-GAU für die Hunde“.

Nicht alle Tierheimtiere finden ein neues Zuhause. Es gibt Langzeit-Kandidaten, die das Tierheim nicht mehr verlassen. Ein Rüde lebt schon seit mehr als zehn Jahren am Setteler Damm. Nach zwei gescheiterten Versuchen soll er nicht mehr vermittelt werden. Auch für Hunde mit hochgradigen Allergien oder anderen aufwendig zu behandelnden Leiden wird das Heim wohl die letzte Station bleiben. Wer diesen Tieren dennoch helfen möchte, könne eine Patenschaft übernehmen, sagt Ulla Mertin. Das ist ab fünf Euro monatlich möglich.

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