Lienen
Aus Eislöchern sprudelt Quellwasser

Mittwoch, 02.01.2008, 18:01 Uhr

Lienen . Während sich im Tecklenburger Land der Winter rar macht, sieht es am anderen Ende der Welt anders aus. Anne Schulte-Hillen , die seit einigen Monaten in Ulaanbaatar (Mongolei) als Koordinatorin und Fachschaftsberaterin arbeitet, muss sich etwas wärmer anziehen. Jetzt fallen die Temperaturen schon ‘mal unter -20 Grad Celsius. Sie schreibt von ihren Erlebnissen und Eindrücken im tiefsten Asien:

„Ich begebe mich zurück zum Fluss, der in zahlreichen Mäandern, begleitet von lichtem Weiden- und Espengebüsch, Ulaanbaatar und danach über andere Flüsse dem Baikalsee in Russland zustrebt.

Ich klettere zu meinem Häuschen hinauf, wo der Gefrierpunkt durch den donnernden Ofen schon beachtlich (+8,9 Grad Celsius) überschritten ist. Ein ordentlicher Glühwein lässt mich aber an mehr als +25 Grad glauben. Ins warme Bett gekuschelt, dessen Anfangskälte auf der Stelle eine weitere Portion Glühwein erfordert, entschlummere ich, einen Reisebericht über Afrika lesend, in die herrliche Stille der eiskalten Nacht. Draußen liegen, ganz bereift, die beiden Hunde Hans und Lisa und träumen von Essensresten und altem Brot, die ihnen vom gütigen ewigen, blauen Himmel und Mutter Erde gewiss auch morgen beschert werden.

Zurzeit habe ich nur zwei Nachbarn. Eine Familie, meine unmittelbaren Nachbarn, wohnt dauerhaft in einer Jurte, die andere, Burjaten, in einem kleinen Holzhaus am Flüsschen. Von dessen Quelle – wie alle heiligen Orte mit Chadags behangen – holen wir das Wasser.

Jetzt im Winter geht das so: Man nimmt sich ein Beil, schlägt an einer Stelle ein Loch ins Eis, heraus sprudelt kristallklares Wasser. Man füllt den Kanister, verschließt ihn und kommt mit klammen Fingern wieder in der Hütte an, wo es nur schwer gelingt den angefrorenen Deckel aufzudrehen.

Weiter oberhalb des Flusses hat eine weitere Nomadenfamilie ihr Winterlager. Zwei Jurten für die Menschen und ein Pferch für die Schafe und Ziegen sowie ein großer Heuvorrat, der in diesem Jahr wegen der großen Frühlings- und Sommertrockenheit nicht an Ort und Stelle geerntet werden konnte, sondern für viel Geld im Norden der Mongolei gekauft werden musste. Zum Winterlager ziehen die schwarzen, braunen und weißen Schafe bei Sonnenuntergang. Still, eng beieinander, wie ein wogender, schwarz-weiß-brauner Teppich bewegen sich die Tiere ins Tal, wo sie im Pferch, vor Wölfen möglicherweise geschützt, die Nacht verbringen. Würdevoll und eins nach dem anderen trotten trittsicher die knochigen Rinder über schmale Pfade die steilen Felshänge hinab.

Dann legt sich Dämmerung übers Land, die Mondsichel schaut anfangs freundlich, rotgolden-warm über die runden Bergkuppen und überzieht die beschneiten und unbeschneiten Berghänge mit weichem, diffusem Glanz. Später steht der Mond dann höher; kalt und fahlgelb ergießt sich sein Licht übers Land und arbeitet die scharfen Ränder der Berghänge, Bachbetten und Bäume heraus. Myriaden von blinkenden Sternen betrachten die im Frost erstarrte Welt. Unter meinen Schritten knirscht der trockene Schnee. Sonst ist nichts zu hören und nichts zu sehen.

Auch tags erscheint die Natur leer. Doch wenn man genauer hinschaut und horcht, dann regt sich doch etwas. Vor dem Fenster lärmen in der Sonne ein paar dick aufgeplusterte Spatzen. Andere Singvögel sind Kohlmeisen und ein Vögelchen mit weißer Brust und schwarzem Überaugenstreif. Drei Elstern kommen immer angeflogen, wenn ich Hans und Lisa füttere.

Ich klettere mal wieder in den Bergen herum. Kein Laut. ,Brrrr!‘ Etwa 20 Steppenhühner fliegen plötzlich, laut krakeelend, aber dennoch schwerfällig auf. Sie entschweben in eine andere Senke, wo die krautige Steppenflora dichter ist und die Hühner Nahrung und sicheren Unterschlupf finden. Den brauchen sie auch, denn beim Höhergehen zu einem der vielen Gipfel – alle natürlich mit einem Ovoo – schaut von einer Felsspitze ein Steppenadler zu mir herüber und erhebt sich schließlich ganz ruhig und majestätisch in spiraligen Flugbewegungen in den Himmel. Bange drängt sich der Hund an meine Beine. Der Adler fliegt fort. Das dumpfe ,Kraaah“ eines Raben durchzieht das Tal.

Im warmen Sonnenschein sitze ich auf einem Stein und beobachte ein Ziesel, ein rattengroßes Erdeichhörnchen. Im Sommer flitzten sie in großen Mengen durch die Steppe. Das sieht sehr komisch aus. Aufrecht stehen sie und halten Ausschau, ob sie vielleicht jemand fressen will. Fühlen sie sich bedroht, sausen sie zu ihren Bodenlöchern, vergewissern sich noch einmal der Gefahr und verschwinden – hier eins, dort eins und da und dort ebenfalls – in ihren Bau. Jetzt im Winter schlafen sie. Nur hin und wieder kommen sie heraus, trippeln hierhin und dorthin. Die vielen Spuren verraten ihr Gehusche.

Plötzlich ist die Temperatur draußen auf minus 26 Grad gefallen. Der Ofen hat die Hütte auf mollig warme 15 Grad plus erwärmt. Ich sitze am Fenster, trinke meinen Kaffee und schaue nach draußen. Vor dem Häuschen ist ein Stück Steppenboden eingezäunt, ein kleines, störungsfreies Steppenparadies. Die zahlreichen, ganz kleinen Spuren im Schnee verraten, dass es bewohnt ist. Im Sonnenschein putzt sich ein Hamster das Fell, schaut mich mit kugelrunden, schwarzen Augen durch das Küchenfenster an, knabbert ein wenig an einem Kräutlein und begibt sich gemächlich wieder in seine kleine, vermutlich warme Höhle.

Hinter der Bergkette verschwindet die Sonne. Die Dämmerung hüllt das Land liebevoll ein, bevor die kalte Nachtschwärze von ihm wieder Besitz ergreift.“

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