Gerhard Schowengerd trifft das Mädchen, dem er das Leben gerettet hat
„Wir haben geweint und gelacht“

Lienen-Kattenvenne -

Was Gerhard Schowengerd in Gedanken schon als „Routine“ abgehakt hat, beschert ihm knapp drei Jahre später einen der emotionalsten Momente seines Lebens. Der Kattenvenner trifft in Berlin die 17-jährige Amerikanerin, der er mit seiner Stammzellenspende ermöglicht hat, ihre Blutkrebserkrankung zu überwinden. „Sie hat mich angeschaut, gelacht, mir die Hand gegeben, Hallo gesagt, gelacht und geweint und dann haben wir uns in den Armen gelegen“, beschreibt der 56-Jährige diesen Augenblick.

Freitag, 13.06.2014, 08:18 Uhr

Wenige Minuten zuvor hat er sich noch „entweder als Schwerverbrecher oder als Superstar“ gefühlt. Auf dem Weg ins Berliner Umspannwerk muss er durch ein Medien-Großaufgebot hindurch. „Angekündigt war das nicht“, lacht er heute darüber. Eingeladen hat die DKMS (Deutsche Knochenmarkspenderdatei) zum „World Blood Cancer Day“. Gerhard Schowengerd ist aufgeregt. In wenigen Augenblicken wird er der jungen Frau gegenüberstehen, die seine Stammzellenspende erhalten hat.

Rückblende: Im Juni 2011 klingelt sein Mobiltelefon. Der Kattenvenner ist auf der Arbeit, als sich die DKMS meldet. Nach Feierabend wird sich die Organisation noch einmal melden, wird vereinbart. „Das konnte nur eine Nachuntersuchung sein“, erinnert sich der Maschinenschlosser. Drei Mal hat er das schon mitgemacht, seit er sich Anfang der 1990er Jahre hat typisieren lassen. Damals wurde für eine 17-Jährige ein Stammzellenspender gesucht. „ Dyckerhoff zahlte damals die Kosten für jeden Mitarbeiter“, blickt er zurück.

An diesem Juni-Abend ist es keine Routine. Gerhard Schowengerd soll sich weiter untersuchen lassen. „Die erste Frage war allerdings, ob ich bereit wäre, zu spenden“, hat er den Gesprächsverlauf nicht vergessen. Für ihn keine Frage: „Ich habe mich typisieren lassen, also stehe ich auch dazu, wenn ich helfen kann, einem anderen Menschen das Leben zu retten“, gibt es für ihn nur das „Ja“.

Was auch daran liegt, dass ein Kollege und Freund von ihm rund zehn Jahre zuvor an Leukämie gestorben ist. „Es war kein Spender zu finden“, kommt es ihm bedrückt über die Lippen.

Im Sommer 2011 wird keine Zeit verloren. Weitere Untersuchungen werden vorgenommen, Es passt alles. Am 26. August um 7 Uhr liegt der Kattenvenner in einer Klinik in Hameln auf dem OP-Tisch. Aus dem Beckenkamm werden ihm Stammzellen entnommen. „1,3 Liter insgesamt, in drei Partien“, erzählt er.

„Als ich langsam aus der Narkose erwache fragten die Ärzte schon, ob ich angerufen habe, wohin die Spende geht“, schmunzelt er bei der Erinnerung. Weder Spender noch Ärzte erfahren vorher von der DKMS, wo der Empfänger lebt. In Amerika – mehr erfährt Gerhard Schowengerd nicht. Wenige Tage später die Ergänzung, dass es ein 14-jähriges Mädchen ist.

Am 25. November teilt ihm die DKMS mit, dass es der Empfängerin nach der Spende besser geht. Vier Monate später der nächste Hinweis: Die Genesung schreitet fort. Da hat sich der 56-Jährige schon über die DKMS an das Mädchen gewandt. „Alles anonym, keine Namen, keine Adresse, gar nichts“, erzählt er von diesem Brief Anfang Dezember. Einen Schokoladen-Weihnachtsmann hat er gekauft und Lübecker Herzen – „Was schenkt man einer 14-Jährigen?“

Im Januar oder Februar antwortet ihm die Mutter des Mädchens „und bedankt sich 1000 Mal“. Dann hört Gerhard Schowengerd nichts mehr. Zwei Jahre nach seiner Spende wendet er sich an die DKMS mit der Bitte, dass er die Empfängerin seiner Stammzellen gerne kennenlernen würde. „Nur wenn beide Seiten das wollen, vermittelt die DKMS den Kontakt“, erläutert er das Prozedere.

Im Oktober des vergangenen Jahres erhält der Maschinenschlosser die Adresse des Mädchens, das im US-Bundesstaat Washington lebt. „Sie hat gelacht, als sie erfahren hat, dass sie männliche DNA erhalten hat“, erinnert sich der 56-Jährige an die ersten Brief- und SMS-Kontakte.

Beide wollen sich sehen. Dazu kommt es dann vor wenigen Wochen in Berlin , beim „World Blood Cancer Day“. Gerhard Schowengerd und Tabatha Hindman liegen sich in den Armen.

Kontakt halten wollen sie beide. Ob und wie das klappt – der Kattenvenner zuckt mit den Schultern. „Sie hat Danke gesagt, das ist viel mehr wert als irgendetwas Materielles“, strahlt er. Ob per Brief oder SMS, „jeder soll sein Leben leben“, sagt Gerd Schowengerd. An einem Tag im Jahr werden die Gedanken wohl in beide Richtungen über den Atlantik gehen: Spender und Empfängerin haben beide am 5. Januar Geburtstag.

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