Notrufe ohne genaue Positionsangabe
Feuerwehr darf Handys nicht orten

Lienen/Rheine -

Personen, die sich in der Natur befinden und ärztliche Hilfe per Mobiltelefon rufen, per Handy orten? Seit 2011 dürfen die Rettungskräfte das nicht mehr - aus Datenschutzgründen. Wenn es um Minuten geht, bleibt nur der Umweg über die Polizei, die nach wie vor eine Ortung vornehmen darf.

Dienstag, 09.06.2015, 12:06 Uhr

Dieter Krawitz, Leiter der Kreisleitstelle in Rheine, bedauert, dass die Feuerwehr Handys bei Unfällen aus Gründen des Datenschutzes nicht mehr orten darf.
Dieter Krawitz, Leiter der Kreisleitstelle in Rheine, bedauert, dass die Feuerwehr Handys bei Unfällen aus Gründen des Datenschutzes nicht mehr orten darf. Foto: Sven Rapreger

Mark S. (Name v. d. Red geänd.) macht mit seinem Mountainbike gern ausgedehnte Touren. Auch gern mal querfeldein. Und kürzlich – der 28-jährige Eschendorfer war diesmal allein unterwegs – ist es passiert: In einer plötzlichen Wegbiegung rutschte er auf dem losen Schotter aus und verletzte sich empfindlich am rechten Knie. An Weiterfahren war nicht zu denken. Zum Glück hatte er sein Handy dabei und rief den Rettungsdienst an. „Wo sind sie denn?“, fragte die Stimme am Telefon. Ja, wo war er eigentlich? Irgendwo zwischen Rheine und Bevergern. Genauer konnte er es nicht sagen. Sein Mobiltelefon dürfen die Helfer von der Feuerwehr nicht orten. Aus Datenschutzgründen.

Bis 2011 nutzten die Feuerwehren ein Computerprogramm der Björn-Steiger-Stiftung, um Mobiltelefone zu orten. Auslöser für die Gründung der Stiftung ist vor vielen Jahren der tödliche Unfall eines Kindes gewesen: Auf dem Heimweg vom Schwimmbad wird der Schüler Björn Steiger am 3. Mai 1969 von einem Auto erfasst. Passanten alarmieren sofort nach dem Unglück Polizei und Rotes Kreuz.

Trotzdem dauert es fast eine Stunde, bis der Krankenwagen eintrifft. Björn stirbt nicht an seinen Verletzungen, er stirbt am Schock. Anfangs sollen flächendeckend aufgestellte SOS-Notrufsäulen eine schnelle Alarmierung der Rettungskräfte ermöglichen. Später kommen Initiativen zur Luftrettung und ein Computerprogramm zur Handyortung hinzu. Seit 2011 ist dies jedoch nicht mehr möglich, weil Datenschützer Bedenken haben.

Die Rettungskräfte haben den mit dem Rad verunglückten Mark M. schließlich doch gefunden. Dafür waren sie allerdings auf die Unterstützung der Polizei angewiesen, die weiterhin Handys orten darf, um Verbrechen zu verhindern oder aufzuklären. Der Einsatz dieser Technik muss jedoch vorher genehmigt werden. Das kostet Zeit, die in Notfällen kostbar ist.

Dieter Krawietz , Leiter der Kreisleitstelle Rheine, die die Rettungseinsätze im Kreis Steinfurt koordiniert, bedauert, dass seine Helfer keine Handys mehr orten dürfen. „Ein bis zweimal im Monat kommen solche Fälle schon vor“, schätzt er. Der Umweg über die Polizei sei umständlich.

Nicht nur bei Unfällen, sondern auch bei Schlaganfällen, Herzinfarkten oder schweren Blutungen können oft Sekunden über Leben und Tod entscheiden. Früher konnte die Feuerwehr bei einem Notruf zumindest ungefähr herausfinden, wo sich der Hilfesuchende befand, indem die Funkzellen, wo ein Handy eingeloggt war, ausgewertet wurden.

Es blieb aber immer noch ein Suchradius von fünf bis sechs Kilometern. „Aber heute müssen wir unter Umständen noch viel weiträumiger suchen“, gibt Krawietz zu bedenken.

Solange die Gesetzgebung sich nicht ändert, darf die Kreisleitstelle Handys nicht orten. Eine Besserung ist erst ab 2018 in Sicht: Dann müssen neue Pkw mit eCall ausgestattet werden, ein System, das im Falle eines Unfalls automatisch einen Notruf absetzt. „Mountainbikern oder Herzinfarktpatienten wäre damit aber nicht geholfen“, gibt Krawietz zu bedenken.

Für Smartphones gibt es Apps, mit denen man selbst aktiv seinen Standort an Rettungskräfte übermitteln kann. Auch soll sich zurzeit eine einheitliche kostenlose App für diesen Dienst bei der Bundesregierung in der Entwicklung befinden. Aber auch bei fortschreitender Handy-Dichte im digitalen Zeitalter bleibt Raum für ganz „analoge“ Projekte: In Ochtrup wurden zum Beispiel vom dortigen Heimatverein Notrufplaketten an Sitzbänken im Außenbereich angebracht. Wenn hier ein Unfall passiert, können Helfer zur nächsten Bank laufen, dort die Nummer ablesen und der Feuerwehr übermitteln. Die weiß dann genau, wo sie ihre Rettungskräfte hinschicken muss.

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