Hartwig Schulte
Plötzlich Asyl in der Kirche

Lienen -

Von 1985 bis 2005 hat sich der damalige evangelische Pfarrer Hartwig Schulte (69), der mit seiner Familie im Pfarrhaus am Kirchplatz lebt, um Flüchtlinge in Lienen gekümmert.

Samstag, 19.12.2015, 14:12 Uhr

Hartwig Schulte. 
Hartwig Schulte.  Foto: -ws-

Er erinnert sich: „Eine Stunde, nachdem wir im Jahre 1985 aus dem Sommerurlaub zurückgekommen waren, standen zwei junge Männer vor unserer Tür. Sikhs. Sie gehörten einer nordindischen Religionsgemeinschaft an. In den 80er Jahren gab es dort gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Sikhs und Hindus. Einer der beiden jungen Männer ist später – glaube ich – im Osnabrücker Land geblieben. Was mit dem anderen geschah, weiß ich nicht. Beide sind ziemlich bald wieder aus unserem Blickfeld verschwunden.

Es gab vor 1984 schon Flüchtlingsfamilien in Lienen. Sie hatten bereits Menschen gefunden, die ihnen zur Seite standen. Es waren vor allem Flüchtlinge aus dem Iran, aus Sri Lanka und Armenien. Einige wohnen noch in unserer Gegend.

Meine Frau hatte zu jener Zeit damit begonnen, türkischen Frauen aus dem Dorf Deutschunterricht zu geben. Daraus entwickelten sich zum Teil Freundschaften – auch unter den Kindern. Der Unterricht fand im Gemeindehaus statt. Dort ist die Idee der sogenannten ,Kellerboutique‘ entstanden. Die hatte zuerst ihr Domizil im katholischen Pfarrheim, danach im evangelischen Gemeindehaus.

Die ,Kellerboutique‘ ermöglichte es, dass die Begegnung zwischen deutschen und ausländischen Frauen nicht nur im gleichsam schulischen Rahmen stattfand, sondern sich auch auf praktischer Ebene ereignete. Natürlich gehörte dann ein gemeinsames Kaffeetrinken dazu und manchmal auch die Zubereitung anderer türkischer und sonstiger ausländischer Mahlzeiten.

Des öfteren wurden die ausländischen Frauen in die Vorbereitung des ökumenischen Weltgebetstages mit einbezogen. Sie beteiligten sich auch an der Durchführung. Das alles schuf eine lebendige, offene Atmosphäre. Von deutscher Seit werden sowohl evangelische als auch katholische Christen beteiligt. Es gab keine Unterschiede.

Zu Beginn der 90er Jahre kamen zunehmend Flüchtlinge aus dem Kosovo und dem ehemaligen Jugoslawien nach Lienen. Ich habe das Gefühl: damals herrschte eine andere Atmosphäre. Es waren eher Abwehr und Unverständnis da. Demgegenüber meine ich heute mehr Anteilnahme, Verständnis und Zuwendung zu spüren.

Auch auf der Ebene des Kirchenkreises Tecklenburg wurde das Thema wichtig. Fast alle Kirchengemeinden hatten nun mit Flüchtlingen zu tun. Insbesondere ging es um die Frage von Abschiebungen abgelehnter Asylbewerber.

In Lienen hat im Frühjahr 1996 ein etwa vierwöchiges Kirchenasyl stattgefunden. Eine junge libanesische Familie sollte in ihr Heimatland zurückgeführt werden, obwohl dort damals bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten. Der Mann hatte durch eine Kriegsverletzung seinen rechten Arm ganz verloren. Die Frau war schwanger. Christenmenschen von hier kamen zu der Überzeugung, dass eine Abschiebung in den Libanon aus humanitären Gründen nicht erfolgen dürfe.

Der Fall erregte damit einige Aufmerksamkeit. Es gab Berichte in den WN und im WDR-Regionalfernsehen. Die Journalisten der Privatsender waren unangenehm. Ich habe sie als zudringlich empfunden. Sie interessierte nicht das Schicksal der Familie, sondern die schnelle, grelle Schlagzeile.

Das Presbyterium war mit der Aufnahme der Flüchtlinge einverstanden. Es gelang der Kirchengemeinde, die Familie so lange in Obhut zu nehmen, bis die Frist zur Geburt verstrichen war, in der Schwangere noch fliegen dürfen. Die Familie ist wahrscheinlich weiterhin in Deutschland. Leider ist die Beziehung abgebrochen. Ich weiß nicht, wo die Familie heute lebt.

Zu jener Zeit hatten wir im Kirchenkreis Tecklenburg schon eine Mitarbeiterin für Flüchtlinge. Die mittlerweile verstorbene Christel Franke aus Emsdetten hat viele Jahre in dieser Funktion gearbeitet. Sie hat neben den Flüchtlingen auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter in den Kirchengemeinden betreut. Ebenso hat sie Kontakte zur Politik und zur Verwaltung auf Kreisebene geknüpft.

Für einige Jahre gab es einen Gesprächskreis zwischen dem Kreis Steinfurt, dem evangelischen Kirchenkreis Tecklenburg und dem katholischen Kreisdekanat Steinfurt. Das war eine gute Einrichtung, zu der von evangelischer Seite der damalige Superintendent Hans Werner Schneider, Pastor Reiner Ströver aus Westerkappeln und ich gehörten. Von der katholischen Kirche war der Kreisdechant anwesend. Die politische Seite war mit dem jeweiligen Kreisdirektor, dem Leiter des Kreisordnungsamtes und der Leiterin der Ausländerbehörde vertreten. Man traf sich etwa drei Mal im Jahr – meist in Emsdetten.

Die Themen wurden meist von unserer Flüchtlingsbeauftragten eingebracht. Von diesen Gesprächen sind keine Protokolle geführt worden. Es gab darüber auch keine Berichte in der Presse. Es ging um einen Gedanken- und Informationsaustausch. Vielleicht war das Ganze eine vertrauensbildende Maßnahme in die Zukunft hinein – in jene Zukunft, die jetzt Gegenwart ist.

Wenn ich es recht erinnere, sind diese Gespräche auf Wunsch des Kreises Steinfurt beendet worden. Das war etwa im Jahr 2004. Die Kirche war auch nicht besser. Die Stelle von Christel Franke wurde umgewidmet und sie bekam ein anderes Aufgabenfeld. Heute wäre eine Mitarbeiterin wie sie im Kirchenkreis wohl wieder sehr willkommen.

Insbesondere sollte jemand mit einer solchen Aufgabe die vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreuen und unterstützen, die sehr viel Zeit und Kraft aufbringen, um den Freunden in unserer Mitte zu begegnen. Sie haben selbst Hilfe verdient.

Meine Sorge ist, dass wir alle immer mehr vereinzeln. Um dem entgegenzuwirken, braucht jeder Mensch ein Bewusstsein seiner religiösen und kulturellen, familiären und ethnischen Herkunft. ,Ich brauche das Vaterunser und die zehn Gebote‘, hat der verstorbene Altbundeskanzler Helmut Schmidt einmal gesagt. Hoffentlich geht dieses Bewusstsein durch den Wohlstand, in dem wir noch leben, nicht verloren. Auch die Terroranschläge vom 13. November in Paris sollten die Menschen in Europa dazu bewegen, solidarisch zu sein und nach den Wurzeln für unsere Freiheit und Humanität zu fragen.“

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