Proppenvolle Hauptschul-Aula
Kalkabbau spaltet die Geister

Lienen -

Hat der Kalkabbau in Lienen noch eine Zukunft oder wird es tatsächlich keine weiteren Abgrabungsgenehmigungen geben? Das Hin und Her der vergangenen Monate und Jahre, das womöglich nahende Ende in Holperdorp, viele offene Fragen und ganz sich auch persönliche Zukunftsängste lockten am Mittwoch über 200 Interessierte in die Aula der Hauptschule. Und es sollte ein überwiegend kurzweiliger Abend werden.

Donnerstag, 09.02.2017, 19:02 Uhr

Volles Haus in der Hauptschule: Die Informationsveranstaltung lockte über 200 Interessierte in die Aula. Neben Bürgern und Vertretern von Parteien und Verbänden auch Mitarbeiter von Calcis und Dyckerhoff, die um ihre Arbeitsplätze fürchten.
Volles Haus in der Hauptschule: Die Informationsveranstaltung lockte über 200 Interessierte in die Aula. Neben Bürgern und Vertretern von Parteien und Verbänden auch Mitarbeiter von Calcis und Dyckerhoff, die um ihre Arbeitsplätze fürchten. Foto: Michael Schwakenberg

Den Anfang machten und von der Bezirksregierung in die Einblicke in das Verfahren gewährten, wobei in Erinnerung rief, dass die Bezirksregierung schon nach einer FFH-Verträglichkeitsprüfung 2014 zu dem Schluss gekommen war, „keine Erweiterung der Abgrabungsflächen in Aussicht zu stellen“. Daran hätten auch von Calcis und Dyckerhoff eingereichte Gutachten und Einwände nichts geändert.

Schon bei der Ausgangsfrage nach dem gesamtwirtschaftlichen Interesse sei man bei Calcis zu dem Ergebnis gekommen, dass genau das nicht bestehe. Die Begründung: Der in Holperdorp liegende Stein sei für die nächsten 35 Jahre – das ist der Betrachtungszeitraum in einem Regionalplanverfahren – in ausreichendem Maße auch bei Dyckerhoff in Höste vorhanden. Die konkreten Eigentumsverhältnisse – und damit die Tatsache, dass Calcis nur noch Vorräte für zwei Jahre hat – spielten bei der Betrachtung keine Rolle.

Angesichts der Nahezu-Vollbeschäftigung im Kreis Steinfurt kommt dem Erhalt der Arbeitsplätze im Kalkabbau nach Einschätzung der Bezirksregierung kein öffentliches Interesse im Sinne dieses Verfahrens zu. Weidmann und Wiering machten beide deutlich, dass das Abwägen und Gewichten der Argumente keine Willkür sei, sondern unter anderem auf Gerichtsurteilen beruhe. Wiering: „Wir wollen auf jeden Fall eine Entscheidung herbeiführen, die rechtlich Bestand hat.“

Während einige Kalkabbau-Gegner die drei Buchstaben FFH offensichtlich über alles stellen und Eingriffe wie den Abbau von Rohstoffen kategorisch ablehnen („Sie brechen europäisches Recht“), lenkten Calcis und Dyckerhoff in diesem Zusammenhang den Blick auf ihr Engagement in Sachen Umwelt- und Naturschutz. Dazu gehöre neben der Renaturierung – als Teil der Kompensation im Verhältnis eins zu vier – auch das Engagement in der IG Teuto inklusive Finanzierung der Schafherde samt Schäfer und Auszubildendem zum Erhalt der Kalkmagerrasenflächen. Inpuncto Kompensation hielt Calcis-Werkleiter Per Wasner fest: „Wo wir abgraben, steht hinterher kein Baum weniger als vorher.“ Beim Thema Grundwasser stützte sich Wasner auf Gutachten, die besagen, dass durch den Kalkabbau keinerlei Beeinträchtigungen zu erkennen oder zu erwarten sind.

Dem mehrfach vorgetragene Kompromiss-Vorschlag, Dyckerhoff könne Calcis doch einen Teil seines Steinbruchs in Höste verkaufen, konnten die Vertreter beider Unternehmen nichts abgewinnen. Calcis-Geschäftsführer Detlev Wegner: „Die Steine dann von Höste zu unserem Werk zu transportieren, das wäre unwirtschaftlich.“ Und Barton machte unmissverständlich deutlich, das Höste für Dyckerhoff auch gar nicht zur Disposition steht: „Unser Unternehmen betrachtet Höste als strategische Reserve.“

Nicht zuletzt dank der vielen Fragen von Sigrid Elling-Augé von Pro Teuto und der besonnenen Moderation von Bürgermeister Arne Strietelmeier war es eine fast durchweg informative und faire Auseinandersetzung, bei der alle immer ausreden durften, aber keiner mit Ausreden durchkam.

Nach den Ausführungen der Gäste auf dem Podium gab es zahlreiche Fragen und Beiträge aus dem Publikum. Zu Wort meldete sich auch der ehemalige Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Tecklenburger Land (ANTL), Rainer Seidl. Mit dem Blick zurück lautete sein Fazit: „Für mich ist die Kalkindustrie kein Feindbild. Aber wir stehen hier vor den Scherben des Kalk-Gutachtens von 1990.“ Vier wesentliche Bedingungen, unter anderem die Einrichtungen eines runden Tisches und die Zusage zur sozialverträgliche Beendigung im Jahr 2027 seien nicht erfüllt worden. Vorzuwerfen sei das auch den Behörden.

Mit höhnischem Gelächter quittierte ein Teil des Publikums Sigrid Elling-Augés Aussage, sie begrüße die Entscheidung der Bezirksregierung, die Rechtssicherheit sei auch im Interesse der Arbeitnehmer. „Zynischer geht‘s ja wohl nicht“, war da zu hören. Alles in allem hatte man den ganzen Abend über den Eindruck, dass sich Befürworter und Gegner etwa in den Waage hielten.

In wohltuender Zurückhaltung übten sich die Vertreter der Lienener Ratsfraktionen. Gegen Ende machte Georg Kubitz vom Bündnis für Ökologie und Demokratie jedoch deutlich, dass es sich nach seiner Ansicht im Kern nicht um einen Konflikt Arbeitsplätze versus Naturschutz geht, sondern um einen Lienener Zielkonflikt, wo die Reise künftig grundsätzlich hingehen solle. „Ich bin aber der Meinung, wir sollten nicht auf den Kalkabbau, sondern verstärkt auf Fremdenverkehr und Tourismus setzen.“ CDU-Fraktionssprecher Michael Stehr beließ es hingegen bei einem Appelle speziell an Barton: „Tun sie uns den Gefallen und fassen sie den Kamm nicht an. Erhalten sie die Silhouette des Teutoburger Waldes.“

Bevor der Regionalrat über die beantragten Abgrabungsgenehmigungen entscheidet, ist die Gemeinde aufgefordert, eine Stellungnahme abzugeben.

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