Ostvertriebene erinnern sich beim Erzählcafé
„Da war Chaos im Kopf“

Lienen -

Über 1000 Heimatvertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in Lienen aufgenommen. Im Jahr 1956 zählte die Statistik sogar 1726 Personen aus Flüchtlingsfamilien, sie bildeten damit über 23 Prozent der Lienener Bevölkerung. Beim Erzählcafè am Donnerstag wurden die damaligen Geschehnisse unter dem Titel „Die Ankunft der Vertriebenen und Flüchtlinge“ wieder aufgegriffen. Wie viel Halt konnte Kirche damals geben? Wie erlebten Katholiken ihre Aufnahme von den vorwiegend evangelischen Bürgern, und Protestanten die Aufnahme im überwiegend katholischen Münsterland?

Freitag, 05.05.2017, 16:05 Uhr

Weckten Erinnerungen an die damaligen Flucht- und Kriegserfahrungen: Vera Neumann, Susanne Nickel, Gerda Schmidt, Karl-Heinz Stupin, Marlies Dölling, Bernd-Walter Rausch und Günter Glatzer (von links).
Weckten Erinnerungen an die damaligen Flucht- und Kriegserfahrungen: Vera Neumann, Susanne Nickel, Gerda Schmidt, Karl-Heinz Stupin, Marlies Dölling, Bernd-Walter Rausch und Günter Glatzer (von links). Foto: Anne Reinker

Zwar hatte sich dieses Mal nur ein kleiner Kreis im Gemeindehaus zusammengefunden, was aber dem Inhalt des Treffens unter der Leitung von Vera Neumann keinen Abbruch tat. Viele Erinnerungen an das eigene religiöse Leben und die Ankunft im Westen kamen wieder auf. „Wir haben hier eine große Ökumene kennengelernt“, sagte Marlies Dölling, die zwar hier geboren wurde, deren Eltern aber aus Ostpreußen und Schlesien geflüchtet waren. Für sie spielten die konfessionellen Unterschiede beim Aufwachsen keine große Rolle.

Das war für andere Besucher der Zusammenkunft schon anders. Nur mit Hemd, Hose und Schuhe war Karl-Heinz Stupin nach Lienen gekommen, seine Bitte um Hilfe beim damaligen Pastor seien barsch abgewiesen worden. „Es gab schon Vorbehalte“, erinnerte sich auch Gerda Schmidt , ebenfalls aus Schlesien. Sie heiratete in eine Lienener evangelische Familie ein und wurde vom Schwiegervater gedrängt, die evangelischen Gottesdienste zu besuchen und sich mit deren Liturgie zu beschäftigen. „Für uns spielte die Religion damals eine große Rolle“, erinnerte sich Schmidt. Sie selber habe sich etwa eine Wohnung ohne Kruzifix gar nicht vorstellen können. „Es war schon manchmal albern, dieses Getue zwischen den Katholiken und den Evangelischen“, kommentierte Karl-Heinz Stupin aus heutiger Sichtweise.

Als „verwirrend“ erlebte Bernd-Walter Rausch seine Kind- und Jugendzeit in Lienen: „Ich bin in das gelobte Land gekommen.“ Während in Thüringen selbst das Brennholz knapp gewesen sei, habe er „hier Überfluss erlebt“. Nach vormaligen Erfahrungen an einer großen Schule in Thüringen sei auch der Besuch der Holperdorper Schule für ihn zunächst verwirrend gewesen: „Da war Chaos im Kopf“, erinnerte sich Rausch.

Eine Erfahrung war jedoch bei allen Teilnehmern gleich – Pfarrerin Susanne Nickel brachte es auf den Punkt: „Das gemeinsam Erlebte während der Flucht verband über die Religionen hinweg“, schloss die Pfarrerin aus den Berichten.

Und wieder einmal zeigte sich, dass die Teilnahme am Erzählcafè, das mittlerweile zum elften Mal stattfand, befreiend wirken kann, wenn die prägenden Erinnerungen an die Flucht- und Kriegserfahrungen wieder zur Sprache gebracht werden. Da es sich um Zeitzeugenberichte handelt, werden die Gespräche auch dokumentiert.

Die Veranstaltungsreihe, die sich nicht nur an die Vertriebenen, sondern auch an die alteingesessenen Lienener und jüngere Interessierte richtet, hat sich etabliert und soll fortgeführt werden. Das nächste Erzählcafè findet am 10. August statt.

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