Verfahren wegen falscher Verdächtigung eingestellt
Angeklagter zeigt sich reumütig

Lienen/Tecklenburg -

Die Anklage, ein Wohnungsnachbar habe ihn mit einem Messer bedroht, will der Angeklagte längst zurückgezogen haben. Was aber nicht bis zum Gericht durchgedrungen ist. Deshalb steht der Lienener vor den Schranken des Gesetzes - und hat Glück: Das Verfahren gegen ihn wird eingestellt.

Freitag, 15.02.2019, 06:36 Uhr aktualisiert: 15.02.2019, 18:02 Uhr
Das Amtsgericht Tecklenburg. 
Das Amtsgericht Tecklenburg.  Foto: Michael Baar

Die Nerven bei dem 43-jährigen Angeklagten liegen blank. Seit sechs Jahren hat der in einer Unterkunft in Lienen lebende Mann aus Nordafrika seine Frau und die beiden Kinder nicht mehr gesehen. Vormittags geht er zur Schule, um Deutsch zu lernen, ab dem Nachmittag arbeitet er, oft bis in den späten Abend hinein. Während der einstündigen Pause versucht er, sich auszuruhen.

Das gelingt in dem Umfeld, in dem viele Menschen unterschiedlicher Kulturkreise unter einem Dach wohnen, mehr schlecht als recht. Nur so kann es sich der Angeklagte erklären, dass die Situation in einer Juninacht des vergangenen Jahres so aus dem Ruder gelaufen ist, dass er gegen einen Nachbarn Strafanzeige stellte.

Die Anschuldigung, der Kurde habe ihn mit einem Messer bedroht, stellte sich als falsch heraus. Ein Ermittlungsverfahren gegen den 28-Jährigen vermeintlichen Täter wurde eingestellt. Wegen falscher Verdächtigung musste sich nun der 43-Jährige vor dem Amtsgericht Tecklenburg verantworten. Zuvor hatte er gegen einen Strafbefehl von 20 Tagessätzen zu je zehn Euro Einspruch eingelegt. Während der Hauptverhandlung schilderte er jetzt, wie er das Geschehen in Erinnerung hat.

Der Angeklagte ist sicher, dass der Nachbar, der während eines Streits auf dem Flur über die Frage, wer Müll auf seinem Mofa abgestellt habe, dazukam, ein Messer in Hüfthöhe in der Hand hielt und auf Kurdisch auf ihn einsprach. Die für ihn fremde Sprache und das Messer habe er als Bedrohung empfunden. Unter Arabern brauche es keine drohende Geste, es reiche, wenn jemand bei einem Streit ein Messer dabei habe, erklärte er.

Er habe kein Messer dabei gehabt, versicherte der 28-Jährige. „Ich habe kein Messer gesehen“, bestätigte ein 21-Jähriger, der ebenfalls in dem Haus wohnt. Die Situation in der Unterkunft soll sich inzwischen beruhigt haben. Alle Beteiligten sagen übereinstimmend aus, dass man nicht viel miteinander zu tun habe, sich aber grüße, wenn man sich über den Weg laufe.

„Niemand will Streit“, machte der Angeklagte deutlich. Die Anzeige will er zurückgezogen haben, nachdem sich die Männer im Deutschkursus zwei Wochen nach dem Zwischenfall darüber unterhalten hatten. Darüber steht allerdings nichts in den Akten, die dem Gericht vorliegen.

„Es ist fraglich, ob sich die Situation durch Bestrafung verbessert“, überlegte der Richter und fragte die Vertreterin der Staatsanwaltschaft, ob für sie eine Einstellung des Verfahrens in Betracht komme.

„Die Staatsanwaltschaft hätte das Verfahren wohl nicht eingeleitet, hätte es sich so zugetragen, wie es der Angeklagte heute geschildert hat“, war der Richter überzeugt. Konkretes über die vom Angeklagten als bedrohlich empfundene Situation enthalte die Strafanzeige nicht, bedauerte er. Aus den Akten wisse er, dass der 43-Jährige einmal mit und einmal ohne Dolmetscher befragt worden war. Ins Detail gegangen waren die Beamten aber wohl nicht.

„Wir wollen keine rechtsfreien Räume schaffen“, sagte der Richter zur Einstellung des Verfahrens. Er riet den Beteiligten, Probleme lieber untereinander zu klären, als direkt Strafanzeige zu stellen, oder sich aus dem Weg zu gehen, wenn man sich nicht leiden könne. „Wenn das Verfahren einen Sinn gehabt hat, dann den, dass das Zusammenleben in der Unterkunft in Zukunft ruhig und friedlich bleibt“, hoffte er.

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