Ein Historiker und sein Labor: Dr. Christof Spannhoff im Interview
„Noch viele Schätze zu heben“

Lienen -

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat in der vergangenen Woche bekanntgegeben, dass Dr. Christof Spannhoff in diesem Jahr den mit 3100 Euro dotierten LWL-Preis für westfälische Landeskunde erhält. WN-Redakteur Michael Schwakenberg sprach mit dem Historiker und Sprachwissenschaftler aus Lienen, der auch regelmäßig Beiträge für die WN schreibt, über sein spezielles Interesse am Tecklenburger Land, seine Forschungstätigkeit und seine gelebte Heimatverbundenheit.

Freitag, 08.03.2019, 20:00 Uhr
Sein Forschungsschwerpunkt ist das Tecklenburger Land, seine Heimatverbundenheit lebt er in Lienen aus. Dr. Christof Spannhoff versteckt sich nicht im Elfenbeinturm der Wissenschaft, sondern mischt auch gerne vor Ort mit.
Sein Forschungsschwerpunkt ist das Tecklenburger Land, seine Heimatverbundenheit lebt er in Lienen aus. Dr. Christof Spannhoff versteckt sich nicht im Elfenbeinturm der Wissenschaft, sondern mischt auch gerne vor Ort mit. Foto: Foto: Archiv Spannhoff

Warum ist gerade das Tecklenburger Land für den Historiker so interessant?

Dr. Christof Spannhoff : Es handelt sich – im Vergleich mit anderen Landschaften – um eine recht junge Region: Das heutige Tecklenburger Land geht in seinen Grenzen auf den alten Kreis Tecklenburg zurück, der erst 1816 aus den historischen Gebieten der Grafschaft Tecklenburg, der Obergrafschaft Lingen – Nieder-Lingen im Emsland kam an das Königreich Hannover, weshalb das Gebiet heute zu Niedersachsen gehört – und eines Teiles des alten Fürstbistums Münster um Bevergern gebildet wurde. Aus dieser Entwicklung heraus ergeben sich verschiedenartige Strukturen in der Region. So ist der östliche Teil des Tecklenburger Landes größtenteils evangelisch geprägt, während im Westen viele Menschen katholischen Glaubens sind.

Konfessionelle Unterschiede waren in hiesigen Gefilden damals bekanntlich prägender und folgenreicher als heute. . .

Spannhoff: In der Tat. In der Zeit vor 1816 bildeten sich in den drei historischen Gebietsteilen – auch aufgrund der Verschiedenheit im Bekenntnis – zudem unterschiedliche kulturelle Gegebenheiten heraus. Daher unterscheiden sich zum Beispiel die Schützenfeste in ihrem Ablauf (Vogelstange vs. Scheibenschießen) oder es gibt überhaupt andere Feste und Bräuche. Doch finden sich im Tecklenburger Land nicht nur alte Konfessions- und Kulturgrenzen.

Welche noch?

Spannhoff: Auch in wirtschafts- und sozialgeschichtlicher Hinsicht unterscheiden sich die Teile der Landschaft. Das hängt auch mit den ungleichen geografischen Voraussetzungen zusammen. Im Nordosten findet man das Osnabrücker Hügelland, während der Südwesten zum sogenannten Ostmünsterland gehört. Aufgrund der unterschiedlichen Bodenbeschaffenheiten entwickelten sich verschiedenartige Landwirtschaftsformen und andere Wirtschaftszweige: Die alte Grafschaft Tecklenburg war von der Leinenproduktion und dessen Vertrieb geprägt. Um Ibbenbüren bestimmte der Steinkohlenabbau das wirtschaftliche und soziale Leben. Im Norden fand man verstärkt Hausierhandel, besser als Töddenwesen bekannt, vor. Auch eine Sprachgrenze verläuft mitten durch das Tecklenburger Land, die das Münsterländische im Westen vom Ostwestfälischen im Osten trennt. Es gibt in der Region also viele geschichtliche Unterschiede und historische Grenzen zu entdecken, die zum Vergleich anregen.

Grenzen können auch Sprengstoff in sich bergen. . . 

Spannhoff: So ist es. Eben weil sie Konfliktpotenzial besitzen oder besessen haben, sind Grenzen aus geschichtlicher Perspektive immer spannend. Konflikte, vor allem, wenn sie öffentlich ausgetragen werden, füllen Akten – und Akten wiederum die Archive. Diese schriftliche Überlieferung der Vergangenheit ist dann das spannende Brot des Historikers.

Und anhand der Konfliktlinien lässt sich am Tecklenburger Land exemplarisch deutsche Geschichte ablesen?

Spannhoff: Das Tecklenburger Land ist quasi ein historisches Labor im Kleinen, an dem sich viele Meistererzählungen der Geschichtswissenschaft prüfen lassen.

Könnten Sie sich denn vorstellen, sich in absehbarer Zeit einem anderen Forschungsschwerpunkt zu widmen?

Spanhoff: Die Geschichte des Tecklenburger Landes ist ja noch lange nicht „ausgeforscht“! In den Archiven schlummern noch zahllose Akten und Dokumente, die vermutlich seit der Zeit ihrer Entstehung noch niemand in die Hand genommen und ausgewertet hat. Auch im Gemeindearchiv Lienen sind noch viele Schätze zu heben. Aber ich beschäftige mich ja nicht nur mit dem Tecklenburger Land, sondern meine Arbeitsfelder dehnen sich auch auf Westfalen und Nordwestdeutschland aus. So habe ich in den vergangenen Jahren das historische Informationsportal www.reformation-in-westfalen.de mit aufgebaut oder über den Mythos des Sachsenherzogs Widukind im Band „Westfälische Erinnerungsorte“ geschrieben. Daraus ist auch eine Radiosendung in der Reihe Radiowissen bei Bayern 2 gemacht geworden, die man als Podcast noch nachhören kann (www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/widukind-der-sachse-der-heide-bleiben-wollte/1075025). Derzeit bin ich mit dem Abschluss des Westfalen-Bandes in der Reihe „Die Deutschen Königspfalzen. Repertorium der Pfalzen, Königshöfe und übrigen Aufenthaltsorte der Könige im deutschen Reich des Mittelalters“ befasst. Aber Themen und Fragen der westfälischen Geschichte interessieren mich schon besonders. Zudem habe ich jüngst den Band Lengerich in der Reihe „Historischer Atlas westfälischer Städte“ abgeschlossen, der am 19. März in Lengerich vorgestellt wird. Mein lokales Interesse gilt also nicht nur Lienen.

Was gibt es innerhalb des Tecklenburger Landes noch zu erforschen? Wo oder was sind dort die „weißen Flecken“ auf der Karte des Historikers?

Spannhoff: Also da gibt es noch ganz viel zu tun. Das kann man allein gar nicht schaffen. Vor allem fehlen häufig noch ganz einfache Grundlagen oder Hilfsmittel. So wäre es schön, wenn für jeden Ort im Tecklenburger Land zum Beispiel Häuser- und Höfebücher vorlägen, sodass man zumindest weiß, welche heutige Adresse die alten Höfe haben. Denn früher wurden die Bauernhöfe ja nach der Betriebsgröße durchnummeriert. Hof 1 lag dabei dann selten direkt neben Hof 2, sondern konnte sich in einiger Entfernung befinden. Eine Konkordanz der alten und der heutigen Hausnummern für alle Orte wäre eine tolle Sache. Auch ein historisches Ortsverzeichnis für den Kreis Steinfurt oder zumindest den Altkreis Tecklenburg wäre eine gute Hilfe.

Wissenschaftler führen oft ein Dasein im gerne zitierten Elfenbeinturm. Sie forschen nicht nur über Ihre Heimat, Sie zählen auch zu den Aktiven im Heimatverein und im Schützenverein. Ist das Zufall oder Ausdruck einer sozusagen ganzheitlichen Heimatverbundenheit?

Spannhoff: Der Historiker darf heute gar nicht mehr im Elfenbeinturm sitzen. Wichtig ist die Vernetzung und der Kontakt mit den Geschichtsinteressierten vor Ort. Denn Geschichtsforschung sollte nicht an den Fragen und Interessen der Menschen vorbeigehen. Diese kann man aber nur im Austausch erfahren. Und an der Theke erfährt man unter Umständen ungemein viel.

Worin soll das münden? Haben Sie ein erklärtes Ziel, vielleicht sogar eine Vision, was Ihre Arbeit betrifft?

Spannhoff: Der Historiker Hiram Kümper hat in der Erweiterung eines bekannten Zitats von Helmut Schmidt gesagt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen; wer welche braucht, zum nächsten Historiker.“ Aber noch mal kurz ein Blick in die Geschichte: Mit Beginn des Jahres 1975 verschwand der Kreis Tecklenburg als eigenständige Verwaltungseinheit von der Landkarte und ging im heutigen Großkreis Steinfurt auf. Das Tecklenburger Land als Region ist aber geblieben. Die Verbundenheit der Menschen mit dieser Landschaft zeigt sich nicht nur am wiederkehrenden Autokennzeichen TE. Diesen Bewohnern der Region eine geschichtliche Identität zu geben, ist eine der Aufgaben des Regionalhistorikers. Mein bescheidener Traum wäre natürlich – wie sollte es auch anders sein – eine Gesamtgeschichte des Tecklenburger Landes in mindestens drei Bänden: Band 1: Die Grafschaft Tecklenburg von den Anfängen bis 1707; Band 2: Unter den Preußen: das 18. Jahrhundert; Band. 3 Der Kreis Tecklenburg (1816 bis 1975).

Und jetzt zum Preis, der Ihnen verliehen wird. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?

Spannhoff: Da es sich ja um einen Preis für ehrenamtliche Tätigkeit handelt, ist es ein schöne Anerkennung der in meiner Freizeit geleisteten Arbeit. Für mich ist der Preis auch deshalb etwas Besonderes, da ich mit 37 Jahren ja noch relativ jung bin und viele Preisträger vor mir ihn erst am Ende ihrer Forschungstätigkeit erhalten haben.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6457873?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F176%2F
Lagerhalle einer Zimmerei an der K 20 völlig zerstört
Großalarm für die Feuerwehr am Ostersonntag um kurz vor 16 Uhr. Zwei Löschzüge aus Everswinkel und Alverskirchen sowie eine Drehleiter aus Sendenhorst werden zur Brandbekämpfung alarmiert.
Nachrichten-Ticker