Windräder in Glandorf
Die Natur und der Naturschutz

Lienen/Glandorf -

wenn die Windräder in Glandorf erst einmal errichtet sind, sind sie auch von Lienen aus zu sehen. Aktuell schwelt ein Konflikt zwischen den Investoren, dem Landkreis Osnabrück und den betroffenen Anliegern – ein Überblick.

Freitag, 15.03.2019, 19:00 Uhr
Die Vorbereitungen für die Aufstellung von vier Windrädern in der Averfehrdener Wüste laufen. Die Anlieger hoffen jetzt auf einen Baustopp durchs Gericht. Von der Lengericher Straße aus sind die bereits vorhandenen Anlagen auf Glandorfer Gebiet nicht zu übersehen.
Die Vorbereitungen für die Aufstellung von vier Windrädern in der Averfehrdener Wüste laufen. Die Anlieger hoffen jetzt auf einen Baustopp durchs Gericht. Von der Lengericher Straße aus sind die bereits vorhandenen Anlagen auf Glandorfer Gebiet nicht zu übersehen. Foto: Stefanie Adomeit

Die Straße „Im Torf“: scheinbar im Nirgendwo, doch mittendrin im Konflikt um die Windkraft. Denn wo sonst die Rohrweihe, ein Hase oder mal ein Trecker vorbeikommen, schaufelt jetzt ein Bagger eine Trasse durch sattbraune Erde, am Rand liegen Dutzende Pakete mit Pflastersteinen, rot-weißes Flatterband versperrt den Weg.

In der Averfehrdener Wüste entstehen in der Nähe von 30 Gehöften vier Windkraftanlagen. Jede weit über 200 Meter hoch. Höchstgeschwindigkeit der Rotorspitzen: 82 Meter pro Sekunde, knapp 300 Kilometer/Stunde. Bäume sind gefällt, jetzt werden Tatsachen geschaffen.

600 bis 800 Meter entfernt leben Menschen, der nächste im Abstand von 603 Metern, viele von ihnen sind außer sich über die Arbeiten. So wie Unternehmer Georgios Pandalis am Füchtenweg, der die Bauarbeiten „einen Skandal“ nennt, weil „dem Verwaltungsgericht Osnabrück seit Wochen unser Antrag auf aufschiebende Wirkung vorliegt. Wenn die Arbeiten jetzt beginnen, kommt ein Gerichtsentscheid zu spät. Wie sollen sich Bürger gegen die Obrigkeit wehren, wenn sie vor vollendete Tatsachen gestellt werden?“, wundert sich der gebürtige Grieche, der seit über 30 Jahren Pflanzen erforscht und daraus bio-zertifizierte Arzneimittel, Medizinprodukte und Nahrungsergänzungsmittel entwickelt.

Er ist überzeugt: „Die Studienlage zu den gesundheitlichen Risiken von Windkraftanlagen ist eindeutig. Windkraft macht krank durch Infraschall.“ Ein aktueller Bericht im „Ärzteblatt“ bestätigt diejenigen, die sich wie Pandalis und der Verein „Lebensraum erhalten Glandorf“ mit seiner Vorsitzenden Christel Steinhorst um die gesundheitlichen Folgen des Infraschalls und seine zögerliche Erforschung Gedanken machen: „Infraschall raubt kardialen Myozyten ihre Kraft und schlägt sich im Gehirnscan nieder. (...) Was die Erforschung der Gesundheitsrisiken angeht, legen – nicht überraschend – gerade jene Länder wenig Ehrgeiz an den Tag, die zu den größten Windparkbetreibern weltweit gehören. Nur zwei Studien schaffte man hierzulande in Deutschland, das die dritthöchste Windenergieerzeugungskapazität auf der Welt besitzt“, so das Ärzteblatt.

Kritisch ist vor allem das regelmäßige Passieren der Rotorblätter am Mast. Dabei wird eine Druckwelle erzeugt. Windkraftbetreiber sehen indes kein Problem im Infraschall: Was man nicht hört, könne nicht schaden.

„Aber gerade die Windräder der Firma General Elec­tric stehen im Verdacht, sehr laut zu sein“, sagt Christel Steinhorst. Schlechte Windräder brummen auch dann, wenn der Wind leise ist. Als Windkraftgegner wollen sie und ihre Vereinskollegen   sich nicht bezeichnen lassen, sie plädieren für    ausreichend Abstand zu den Anlagen, der bei 1000 Meter beginne, sind aber schon jetzt pessimistisch, was die Einhaltung der Auflagen und die Kontrollen angeht. „Eine Schallmessung am Liener Landweg wäre für uns sehr interessant, weil auch dort 200 Meter hohe Anlagen der Firma General Elec­tric stehen, deren Leistung sogar etwas schwächer ist als die der hier geplanten“, sagt Steinhorst. Sie wartet seit zwei Jahren auf Ergebnisse, obwohl diese laut Baugenehmigung innerhalb eines Jahres zu erheben waren.

Der Landkreis Osnabrück erklärt das mit komplexen Messvoraussetzungen: „Bei der Vermessung wird angenommen, dass die höchsten Schallemissionen bei etwa 95 Prozent der Nennleistung der Anlagen entstehen. Hierfür ist eine Windgeschwindigkeit von zehn bis zwölf Metern pro Sekunde erforderlich.“ Auch müsse der Wind aus der passenden Richtung kommen. Sommerliche Vegetation würde das Messergebnis verfälschen, genau wie Regen. „Diese Rahmenbedingungen haben bedingt, dass eine Messung bisher nicht vorgenommen werden konnte.“

„Unsere letzte Hoffnung ist die Unabhängigkeit der Gerichte. Im Gegensatz zum Landkreis haben sie keinen Interessenkonflikt“, sagt Pandalis. Damit meint er, dass der Landkreis Osnabrück beim Projekt Windpark Schwege – der nicht in Schwege, sondern in Averfehrden liegt – über die 50-prozentige Beteiligung der Firma Energos Antragsteller sowie als Kreis Genehmigungsbehörde und Aufsichtsbehörde sei.

Als „Leuchtturm im kommunalen Klimaschutz“ erhält der Kreis als Modellregion Fördergelder vom Bundesumweltministerium. Der Landkreis betont, dieser Vorwurf sei „nicht haltbar“. Die Untere Immissionsschutzbehörde des Kreises habe das Verfahren neutral und ordnungsgemäß behandelt.

Die andere Hälfte des Windparks gehört der Planungs- und Entwicklungsgesellschaft Landvolk-Energie (PEG), einer Landvolkverband-Tochter. Mit ihr haben die Flächeneigentümer Nutzungsverträge abgeschlossen. Sie erhalten so eine jährliche Pacht. Betreiber des Parks ist die Wöstenwind GmbH. Nach Informationen unserer Redaktion zahlt die Wöstenwind pro Windrad und Jahr 60 000 Euro an die Flächenverpächter. Macht 240 000 Euro im Jahr geteilt durch 18 Eigentümer, also 13 333 Euro für jeden.

Beantragt worden sei das Projekt als Bürgerwindpark, berichtet Christel Steinhorst, die sich als Vorsitzende im Verein „Lebensraum erhalten Glandorf“ engagiert. „Ob die Form Bürgerwindpark noch passt, erscheint hier fraglich.“ Auch dass in Averfehrden mittlerweile der dritte Windpark in die Höhe wächst, wundert viele Glandorfer. „Damit sind acht Prozent der Averfehrdener Fläche Windvorranggebiet“, hat Steinhorst errechnet.

Die Maßgabe, von einem Windpark zum nächsten fünf Kilometer Platz zu lassen, wird nicht eingehalten, obwohl der Niedersächsische Landkreistag diesen Mindestabstand zwischen zwei Windvorranggebieten empfiehlt. Aber eben Empfehlung. Zwar hat der Landkreis zwischen dem geplanten Windpark an der Bever und dem Windpark Schwege einen Abstand von 5,5 Kilometer errechnet. Ein Routenplaner kommt auf 3,4 Kilometer.

Die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für die Averfehrdener Wüste sieht durch den dauerhaften Betrieb der vier Windräder „visuelle und akustische Beeinträchtigungen verschiedener Schutzgüter (Mensch, Tiere, Landschaftsbild). Dabei ist mit weit reichenden Schall- und Lärmemissionen auch außerhalb des Windparks zu rechnen.“ Später heißt es dann aber: „Der Windpark befindet sich in ausreichendem Abstand zu Siedlungen und Einzelhäusern.“ Für das „Schutzgut Mensch“ seien keine erheblichen Beeinträchtigungen zu erkennen.

Steinhorst und ihre Mitstreiter sind schon jetzt sicher: „Die Betreiber der Windräder werden es in Averfehrden schwer haben. Wir werden jeden Vogel melden und sehen, dass alle Auflagen eingehalten werden.“ Sie wollen sich auch nicht durch Anliegerverträge mundtot machen lassen, die den Anwohnern Geld sichern, wenn sie sich wohlgefällig verhalten.

Sollte der Windpark in Betrieb gehen, will Georgios Pandalis seine Angestellten aus Averfehrden abziehen und den Standort schließen: „Als Unternehmer trage ich die Verantwortung für die Gesundheit meiner Mitarbeiter. Ein solcher Schritt würde mein Unternehmen wirtschaftlich hart treffen – und die Gemeinde auch, ist aber notwendig. Gesundheit lässt sich nicht mit Geld aufwiegen.“ Besonders bitter sei der Ausbau des Windparks für einen Aussiedlerhof, der erst vor 30 Jahren aus dem Ortskern ausgelagert wurde. „Jetzt wird in 610 Metern Entfernung der Windpark gebaut. Wo soll die Familie nun hin? Und in 1085 Metern Entfernung vom Windpark will die Gemeinde in Schwege eine Neubausiedlung mit 30 Häusern ausweisen – mit Blick auf die Windräder“, wundert sich Steinhorst. Sie und Pandalis fühlen sich in ihrer Meinung zu den Windparks von einer neuen Mitteilung des Bundesamtes für Naturschutz bestätigt, das beim Ausbau erneuerbarer Energien Rück ­sicht auf Tiere und Pflanzen einfordert. „Leider nicht auch auf den Menschen.“

Pandalis: „Der Landkreis verkauft unsere Gesundheit und das nennt sich dann Energiewende. Heute trifft es uns, morgen vielleicht die Nachbarn. Wird die Justiz ausgehebelt, kann es jeden treffen.“

Der Landkreis hat sich in seinem Masterplan „100 Prozent Klimaschutz“ verpflichtet, die Treibhausgas-Emissionen bis 2050 um 95 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren. Aus dem Verkauf seiner RWE-Aktien sollen zehn Millionen Euro in den Ausbau der Windkraft wandern. „Wir haben inzwischen 30 000 Windkraftanlagen in Deutschland und bis 2050 sollen es 50 000 sein. Aber eine CO-Minderung ist weit und breit nicht in Sicht. Es ist doch absurd, dass Natur durch Naturzerstörung gerettet werden soll“, findet Christel Steinhorst.

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