Erzählcafé als Ort der Erinnerung
Mal schön, mal schrecklich

Lienen -

Das Bedürfnis, über die Vergangenheit in Schlesien zu sprechen, aber auch von den Erlebnissen der damals Geflüchteten zu erfahren, ist da. Seit 2013 können sich Interessierte im Erzählcafé über das Erlebte austauschen wie auch über die Geschehnisse in den Kriegsjahren und das „Ankommen“ in Lienen aus erster Hand informieren.

Freitag, 26.04.2019, 19:21 Uhr aktualisiert: 28.04.2019, 14:40 Uhr
Arno Henke (links) und Bernd Walter Rausch sprachen über die Geschehnisse im früheren Schlesien.
Arno Henke (links) und Bernd Walter Rausch sprachen über die Geschehnisse im früheren Schlesien. Foto: Anne Reinker

Für manche der Teilnehmer habe das Erzählcafé anfangs sicherlich den Charakter einer Selbsthilfegruppe gehabt, meinte Vera Neumann , die die regelmäßigen Treffen organisiert. Doch emotional und gedanklich beschäftigt es viele auch heute noch. Bis zu 20 Besucher zählte die Historikerin bei einzelnen Veranstaltungen. „Es kommen auch einige Kinder und Enkelkinder der Geflüchteten“, berichtete die Initiatorin. „Sie verstehen dann die Geschichte der Eltern besser“, freut sie sich über das Interesse. Auch wenn sie bei den Gesprächsrunden ein Thema vorgibt, lässt sie den Erzählern freien Lauf.

Wie kommt die Vergangenheit der damaligen Flüchtlinge heute bei den Nachkommen an? „Die Kinder hören das ganz gerne, wenn ich erzähle“, hatte Anneliese Schönrade festgestellt. „Aber sie haben keinen wirklichen Bezug dazu.“ Ihr sei es wichtig weiterzugeben, wie es ihr damals ergangen ist. Gut kommt bei ihrer Familie die schlesische Küche an. „Das isst auch der Urenkel gerne“, freute sie sich im Gespräch.

Ähnlich sah das Heinz Stupin. „Es ist schwer, etwas weiterzugeben“, so der Senior. Vera Neumann ging dem nach: „Welche Chancen haben wir, dass die Jugendlichen an den Erlebnissen ihrer Großeltern Anteil zeigen“, fragte sie in die Runde. Man müsse es immer wieder anbieten, meinte Arno Henke . Denn später werde es keine Menschen mehr geben, die von damals erzählen können. Darum sei dieser Kreis so wichtig, betonte ein Besucherin, die zum ersten Mal ins Erzählcafè gekommen war.

Um ab und zu in ihre Vergangenheit zurückzureisen, fährt Anneliese Schönrade alle paar Jahre in die alte Heimat. Allein die schöne Landschaft begeistert sie. Doch trotzdem musste sie in ihrem Umkreis feststellen, dass viele ihrer Landsleute nichts mehr damit zu tun haben wollen. Dafür gebe es wohl mehrere Gründe, vermutete Arno Henke, beispielsweise, dass schöne oder schreckliche Erinnerungen geweckt werden könnten. Die Kindheitserinnerungen der Geflüchteten machten ja auch vor den Schrecken des Krieges nicht halt. „Manche wollen diese Erinnerungen erhalten, für manche ist es aber nur das ewig Gestrige.“

Eine Möglichkeit, dass sich auch Jugendliche mit der Flucht aus Schlesien auseinander setzen können, soll sich im Konfirmationsunterricht in einem Workshop zum Thema „Heimat“ bieten.

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