Tag des offenen Denkmals in der evangelischen Kirche
Dickes Gemäuer mit Geschichte

Lienen -

Von außen trutzig, innen von schnörkelloser Klarheit mit einer schlichten, aber ansprechenden Ausstattung. Zudem beherbergt die evangelische Kirche einen Kirchsaal, der im Jahr 1994 archtektonisch den Lückenschluss zur Gegenwart schuf und sich nach wie vor hervorragend in das Gotteshaus einfügt, in dem von der Romanik bis zum Klassizismus fast alle Epochen vertreten sind. Auch wenn man das nicht sofort sieht.

Sonntag, 08.09.2019, 16:14 Uhr aktualisiert: 13.09.2019, 17:38 Uhr
Bei der Erkundung der Baugeschichte der evangelischen Kirche von Lienen darf eine Turmbesteigung mit Reinhard Schmitte (2. von links) nicht fehlen. Aber auch der Kirchsaal (kleines Bild), der 1994 architektonisch den Anschluss an die Gegenwart schuf, wurde mit den Besuchern thematisiert.
Bei der Erkundung der Baugeschichte der evangelischen Kirche von Lienen darf eine Turmbesteigung mit Reinhard Schmitte (2. von links) nicht fehlen. Aber auch der Kirchsaal (kleines Bild), der 1994 architektonisch den Anschluss an die Gegenwart schuf, wurde mit den Besuchern thematisiert. Foto: Michael Schwakenberg

„Wir haben halt eine typisch reformierte Kirche, die sich durch Schlichtheit auszeichnet und nicht durch großartige Bilder, Fenster und sonstige Kunstwerke“, betonte Pfarrerin Verena Westermann gestern beim Tag des offenen Denkmals , zu dem der Heimatverein im Anschluss an den Gottesdienst eingeladen hatte.

Vor 25 Jahren heftig umstritten, ist der Kirchsaal heute akzeptiert. „Im Nachhinein kann man ihn sogar als Segen bezeichnen“, sagte Friedel Stegemann , Vorsitzender des Heimatvereins, bevor es hinaus auf den Turm ging.

Keine Frage: Die Besteigung eines 900 Jahre alten Kirchturms hat was. Erst Recht, wenn mit Reinhard Schmitte jemand vorweg geht, der jeden Balken, jede Inschrift und jedes Datum kennt und die dazugehörigen Geschichten erzählen kann.

Das älteste bestehende Bauwerk des Ortes birgt noch so manches Geheimnis: In seiner 1889 verfassten Chronik der Kirchengemeinde berichtet der damalige Pfarrer Wilhelm Kriege (1829–1913), dass Lienen im Jahr 1120 kirchlich von Iburg getrennt worden sei und einen eigenen Glockenschlag erhalten habe. Was ist an dieser Nachricht dran? Woher hatte der Geistliche seine Informationen? Handelte es sich um eine alte Überlieferung?

Man könnte geneigt sein, eine Nachricht aus dem späten 19. über das frühe 12. Jahrhundert als wenig belastbar zu verwerfen. Allerdings stammt der heutige Turm der Lienener Kirche allen Indizien nach tatsächlich aus dem 12. Jahrhundert. Zudem entdeckte man im Zuge archäologischer Untersuchungen im Winter 1994/95 das Grab eines jungen Mannes, der im Turm bestattet wurde und eine um 1140 geprägte Münze in der Hand hielt. Dieses Grab kann somit ebenfalls ungefähr auf die Mitte des 12. Jahrhunderts datiert werden und der Lienener Kirchturm deshalb in dessen erste Hälfte, weil er bereits vor der Bestattung im Turmraum existiert haben muss. Damit decken sich die Angaben Krieges und die bisherigen Erkenntnisse zur Baugeschichte des Turms.

Auch vor dem Hintergrund neuerer kirchengeschichtlicher Einsichten erhält die Nachricht aus dem 19. Jahrhundert wieder Relevanz: Denn erst in dieser Zeit entwickelte sich in Westfalen so etwas wie eine Kirchenorganisation. Um das Jahr 900 waren im ganzen Münsterland zirka 40 bis 45 Kirchen anzutreffen. Im 10. Jahrhundert kamen dann nur etwa zehn Gotteshäuser hinzu. Zwischen 1000 bis 1300 entstanden wiederum in jedem Jahrhundert rund 30 neue Kirchen, von 1300 bis 1800 aber nur noch 14 Pfarreien. Das heißt, dass erst um 1300 die Pfarrorganisation in der Region im Großen und Ganzen abgeschlossen war. Die „Kirchspiele“, also die räumlichen Einzugsbereiche der Pfarrkirchen, bildeten sich in Westfalen verstärkt seit dem 11. beziehungsweise 12. Jahrhundert aus. Zuvor gehörte zu einer Kirche eine bestimmte Personengruppe, aber noch kein abgegrenztes Gebiet. Das zeigt auch die Sprache der mittelalterlichen Urkunden: Wurde zuvor stets das lateinische ecclesia für die Kirche verwendet, kam in dieser Zeit verstärkt der Begriff parrochia ‚Pfarre, Kirchspiel‘ in Gebrauch. Auch das deutsche Wort Kirchspiel, mittelniederdeutsch ker(k)spel, plattdeutsch kiä(r)spel, macht diese Entwicklung deutlich: Es enthält altniederdeutsch spellian ‚sprechen, reden’ (vgl. englisch to spell). Zu einem Kirchspiel gehörte also derjenige Bezirk, in dem die Predigt galt und – vor allem – in dem die Glocken der Kirche gehört werden konnten. Wenn in Lienen somit in den ersten Jahrzehnten nach 1100 ein Kirchturm errichtet wurde, der archäologisch keinen Vorgängerbau aufweist, und der Überlieferung nach der Ort 1120 den Glockenschlag erhalten haben soll, dann dürfte sich das Kirchspiel Lienen – das heißt der eigentliche Pfarrbezirk – erst um diese Zeit ausgebildet haben. Urkundlich in Erscheinung tritt ein solches („parrochia Linen“) dann erstmals gut 100 Jahre später in einer Urkunde von 1241.

Wenn auch ein erster, vermutlich turmloser Kirchenbau vielleicht schon in die zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts zurückgehen könnte, so dürfte Lienen aber erst Anfang des 12. Jahrhunderts eigenständiges Kirchspiel geworden sein und den „Glockenschlag“ erhalten haben.

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