Sechs Jahre Erzählcafé: Zeitzeugen-Berichte zu einer Broschüre zusammengefasst
Das Schicksal der Ostvertriebenen

Lienen -

Die eigene Kinder- und Jugendzeit sollte man eigentlich mit Geborgenheit und einem friedlichen Umfeld verbinden können. Für die vielen Menschen, die im Zweiten Weltkrieg von Osteuropa in Richtung Westen zogen, bedeutet diese Zeit der Flucht dagegen Schrecken und Ängste. Mit den traumatischen Erfahrungen von Verletzungen, Tod und Hunger, aber auch den Gefühlen von „Glück gehabt“ oder der grenzenlosen Erleichterung über das Überleben kamen unzählige Familien aus den früheren deutschen Ostgebieten auch nach Westfalen. Einige fanden eine neue Heimat in Lienen.

Montag, 28.10.2019, 19:38 Uhr aktualisiert: 01.11.2019, 09:58 Uhr
Zahlreiche Berichte und Erzählungen von Vertrieben und Geflüchteten aus den deutschen Ostgebieten hat Erzählcafé-Initiatorin Vera Neumann in einer 40-seitigen Broschüre (links) festgehalten. Sie hat auch den Neuanfang in Lienen zum Thema, der mit einigen Fotos illustriert ist. Oben: Hausbau in Metgers Breede. Unten: Grundsteinlegung für die katholische Kirche Maria Frieden am 13. Juli 1952.
Zahlreiche Berichte und Erzählungen von Vertrieben und Geflüchteten aus den deutschen Ostgebieten hat Erzählcafé-Initiatorin Vera Neumann in einer 40-seitigen Broschüre (links) festgehalten. Sie hat auch den Neuanfang in Lienen zum Thema, der mit einigen Fotos illustriert ist. Oben: Hausbau in Metgers Breede. Unten: Grundsteinlegung für die katholische Kirche Maria Frieden am 13. Juli 1952. Foto: Repro Vera Neumann

Im April 1946 kam erstmals ein Transport mit Schlesiern aus Reichenbach, dem zwei weitere aus dem Waldenburger Bergland sowie aus dem Kreis Neustadt folgten. Zudem kamen Flüchtlinge aus Ost- und Westpreußen, Pommern, dem Posener Raum, Berlin, Brandenburg und dem Sudetenland nach Lienen. Für die Gemeinde und ihre Einwohner war damit der Zusammenbruch des Dritten Reiches hautnah spürbar, zumal die Neuankömmlinge in die hiesigen Haushalte einquartiert wurden. Mit den jeweils anderen Lebensverhältnissen, Dialekten und kulturellen Lebensweisen hatten sich alle Beteiligten auseinanderzusetzen, die Flüchtlinge mussten zudem noch ihre Deklassierung aushalten.

Die geflüchteten Kinder und Jugendlichen erlebten die Trauer zu Hause mit und spürten eine gewisse Ausgegrenztheit. Nur nicht auffallen und sich anpassen, wurde von ihnen erwartet. Dabei beherrschte gerade die jungen Leute der Wunsch, von den einheimischen Kindern anerkannt zu werden. Für viele war das Fremdheitsgefühl gravierender zu spüren als Hunger und Armut.

In verschiedenen kulturellen Gruppen, etwa der Volkstanzgruppe und einem Jugendchor, wurden in den Nachkriegsjahren die ersten Schritte zu einer erfolgreichen Integration getan. Auch eine Theaterspielgruppe gründete sich.

Die Geflüchteten entwickelten teilweise ein Gefühl der Heimat, Kinder aus den Familien verheirateten sich mit Einheimischen und die kulturellen Wurzeln lösten sich immer mehr auf. Schlesische oder ostpreußische Dialekte spricht heute kaum einer mehr, gekocht wird wie überall.

Über sechs Jahre hinweg haben sich Betroffene und Interessierte in unregelmäßigen Abständen zum Erzählcafé der evangelischen Kirchengemeinde getroffen und sich über die Zeit damals ausgetauscht. Die Resonanz war so stark, dass die Organisatoren – Vera Neumann , Michael Glatzer, Wolfgang Monka und Simone Bahl – die Erlebnisse zwischenzeitlich in einem über 40 Seiten starken Heft festgehalten und veröffentlicht haben.

Knapp 20 Teilnehmer des Cafés ließen damit einen Einblick zu in ihre persönliche Geschichte. Es sind Berichte und Erzählungen von bislang mehr oder weniger totgeschwiegenen wie auch verdrängten Geschehnissen, die sie teils mühsam und mit emotionalen Anstrengungen verbunden aufgearbeitet haben. Vera Neumann: „Im Mittelpunkt der Erzählungen und Berichte standen immer die persönlichen Fluchterlebnisse und die Anfangsschwierigkeiten in der neuen Umgebung. Durch das gegenseitige Zuhören entstand eine intensive, wohlwollende Atmosphäre, in der die Teilnehmenden sich an die Erlebnisse in ihrer Kindheit und Jugend nach dem Zweiten Weltkrieg erinnerten.“

Im gemeinsamen Einvernehmen mit den Teilnehmern hat Neumann das Erzählcafé jetzt beendet. Die Erinnerungen und Erfahrungen sollen jedoch über die bereits entstandene Broschüre hinaus bewahrt werden. Geplant sind noch Zusammenschnitte der Filmaufnahmen. „Es erschien mir notwendig, die 75 Jahre alte Geschichte der ostdeutschen Flüchtlinge und Vertriebenen in Lienen ins kollektive Gedächtnis zu rufen. Bewegend war für mich, wie viele Menschen sich dabei persönlich eingebracht haben.“

Die WN werden in den kommenden Wochen und Monaten einige dieser Berichte als Teile einer Serie „Flucht und Vertreibung – Neuanfang in Lienen“ veröffentlichen.

Zum Thema

Die Broschüre mit den Zeitzeugen-Berichten ist zum Selbstkostenpreis von vier Euro im evangelischen Gemeindebüro und in der Tourismus-Information im Haus des Gastes erhältlich.

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