Marie Kriege aus Ostpreußen kam 1951 auf den Hof Blömker in Aldrup
„Blömkers Mariechen“

Lienen -

Über sechs Jahre hinweg war das Erzählcafé im Kirchsaal der evangelischen Kirche ein Treffpunkt für Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Geflüchtete oder Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten nach Lienen kamen. Initiatorin Vera Neumann hat einige der Zeitzeugen-Berichte zu einer 40-seitigen Broschüre zusammengefasst. Die WN geben in einer Serie eine Auswahl der Berichte wieder.

Freitag, 01.11.2019, 16:00 Uhr aktualisiert: 05.11.2019, 17:52 Uhr
Eine historische Aufnahme des alten Hofes Blömker in Aldrup, der direkt an der Bahnlinie liegt. 1951 kam Marie Kriege auf den Hof und hat es dort gut gehabt, wie sie in ihren Erinnerungen an die Nachkriegszeit schreibt.
Eine historische Aufnahme des alten Hofes Blömker in Aldrup, der direkt an der Bahnlinie liegt. 1951 kam Marie Kriege auf den Hof und hat es dort gut gehabt, wie sie in ihren Erinnerungen an die Nachkriegszeit schreibt. Foto: Heimatverein Lienen

Über sechs Jahre hinweg war das Erzählcafé im Kirchsaal der evangelischen Kirche ein Treffpunkt für Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Geflüchtete oder Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten nach Lienen kamen. Initiatorin Vera Neumann hat einige der Zeitzeugen-Berichte zu einer 40-seitigen Broschüre zusammengefasst. Die WN geben in einer Serie eine Auswahl der Berichte wieder. Einige der Erzählcafé-Teilnehmer leben nicht mehr. Darunter Marie Kriege , die Anfang dieses Jahres verstorben ist. Sie schrieb:

„Wir sind am 19. Januar 1945 aus Ostpreußen mit Pferd und Wagen geflüchtet. Wir sind aber nicht weit gekommen. Dann hat uns der Russe eingeholt. Meine Mutter war seit 1943 in Stralsund mit meiner Cousine bei Papa geblieben und da haben wir die Russen dann richtig erlebt. Mir hat er nichts getan, aber meine Schwester wurde nachts geholt und meine Cousine. Meine Schwester, die haben sie dann später wiedergebracht, die war krank. Und meine Cousine, die kam nach Russland. Sie ist später wiedergekommen.

Wir hatten zwei Kinder, deren Mutter die Russen abgeholt hatten. Das waren zwei Waisenkinder und mein Vater hat immer für sie mitgesorgt. 1947 wollten die Polen, dass Papa unterschreibt, für Polen optiert. Und da hat er gesagt: ,Nein. Meine Frau ist in Stralsund.‘

Da haben sie uns mit Pferd und Wagen zum Bahnhof gebracht und wir kamen in einen Viehwaggon, 36 Menschen. In Berlin wartete die Mutter der Kinder, die bis 1947 bei uns gewesen waren, die in Russland gewesen war. Wir hatten die Kinder für die Ausreise mit angemeldet aber kurz vor der Ausreise kam die Oma der Kinder, die in Polen bleiben wollte und holte die Kinder zu sich. Da stand die Mutter dann da und weinte, dass wir die Kinder nicht dabei hatten.

Bei Stralsund war ich bis 1950, ging dort ein dreiviertel Jahr zur Schule und arbeitete zwei Jahre lang auf einem großen Bauernhof. Danach ging ich zu einem Kinderarzt in den Haushalt.

Blömkers in Lienen suchten dringend ein Mädchen. Eine Bekannte vom Kinderarzt in Stralsund hatte eine Freundin, die erste Frau von Blömkers Wilhelm. Von da aus hatte ich meine erste Karte nach Lienen geschickt. Ich informierte mich, wie ich über die Grenze gehen könnte. Ich war ganz alleine unterwegs. Kurz vor der Grenze legte ich mich in einen Heuhaufen und schlief ein. Als ich aufwachte, hörte ich Stimmen. Als ich ostdeutsche Soldaten sah, hatte ich eine Wut wie noch nie in meinem Leben und dachte: ,Freiwillig ergibst du dich nicht.‘ Ich robbte auf dem Bauch über eine Wiese, stieg über zwei Zäune und kam dann im Westen an. Zwei Soldaten nahmen mich dort in Empfang.

Meine älteste Schwester war in der Gegend von Uelzen im Krankenhaus, da war ich erst. Von da fuhr ich nach Lippstadt, da war meine andere Schwester – wir sind alle einzeln rüber gekommen. Ich hatte keinen Pfennig Geld, hatte keine Wäsche zum Wechseln, ich hatte nichts. Dann arbeitete ich im Kinderheim, in der Küche. Ich kriegte 30 Mark, hatte eine Stunde Mittagspause, und ich arbeitete von morgens 7 bis abends 8 Uhr. Inzwischen schrieb Frau Blömker an meine Mutter in der Ostzone, wo ich denn bliebe. Und dann hab ich aus Lippstadt zurückgeschrieben und war schon cleverer und habe mich nach Geld und Freizeit erkundigt. Bei Blömkers bekam ich 70 Mark und samstags und sonntags frei. 1951 kam ich nach Lienen, da war ich 19 Jahre alt. Von da an hieß ich ,Blömkers Mariechen‘. Ich habe es bei Blömkers gut gehabt, ich konnte mich bewegen, wie ich wollte. Aber ich hatte kein Zuhause.“

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