Die Geschichte einer Redewendung und die Herkunft von „Up hauge Weige“
Alles unter „Dach und Fach“

Lienen -

Ein stattliches Fachwerkbauernhaus bezeichnete man früher im Tecklenburger und Osnabrücker Land in der plattdeutschen Mundart der Region als „Up hauge Weige“ oder „Weege(n)“. Doch was meint dieser Begriff eigentlich und woher kommt er?

Donnerstag, 07.11.2019, 20:00 Uhr aktualisiert: 08.11.2019, 17:18 Uhr
Das Haupthaus des Hofes Ibershoff in Lienen, hier auf einem Luftbild des Jahres 1956, steht bis heute als 1805 errichtetes Vierständerhaus „up hauge Weige“.
Das Haupthaus des Hofes Ibershoff in Lienen, hier auf einem Luftbild des Jahres 1956, steht bis heute als 1805 errichtetes Vierständerhaus „up hauge Weige“. Foto: Heimatverein Lienen

Der Schlüssel zum Verständnis dieses Ausspruchs liegt im sogenannten Niederdeutschen Hallenhaus, der in Nordwestdeutschland in der Vergangenheit üblichsten Form des Bauernhauses. Es zeichnete sich dadurch aus, dass es eine zentrale und mit einem Erntewagen befahrbare Längsdiele (Tenne) besaß, an deren Seiten sich die Stallungen für das Vieh und an der Querseite der Wohnteil unter einem Dach befand. Das Getreide wurde auf dem großen Dachboden deponiert. Das Hallenhaus vereinte also Wohnung, Stall und Erntelager. Alles war unter „Dach und Fach“ – eine ebenfalls noch heute gebräuchliche Redensart, die von der Nutzung von Wohnstallhäusern herrührt.

Auch die hier betrachtete eigentümliche Sprache hat mit der Bauart des nordwestdeutschen Bauernhauses zu tun. Hallenhäuser sind seit dem späten Mittelalter nachweisbar. Sie unterscheiden sich von den zeitlich vorausgehenden Hausformen dadurch, dass sie als Ständerbauten ausgeführt wurden. Dadurch, dass die Konstruktion im Gegensatz zu Bauten mit in die Erde eingelassenen Pfosten auf Ständern mit steinernen Fundamentsteinen beruhte, waren die Gebäude weitaus belastbarer, hielten deshalb wesentlich länger und konnten außerdem mit einem tragfähigen Dachboden zur Lagerung des Getreides versehen werden.

Zweiständerhaus

Wegen seiner Haltbarkeit war dieser Bautyp vom Spätmittelalter bis in das 19. Jahrhundert hinein produktiv und hat sich in zahlreichen Exemplaren bis heute erhalten.

Allerdings bedeutet diese erfolgreiche Konstruktionstechnik nicht, dass sie sich nicht verändert hätte. Die ältere Form des Niederdeutschen Hallenhauses ist das „Zweiständerhaus“, bei dem zwei parallele Ständerreihen das Dach tragen – mit seitlichen Kübbungen, also Stallabseiten.

Später entwickelten sich das Dreiständerhaus mit drei parallelen Ständerreihen und einer Abseite sowie das Vierständerhaus mit vier Ständerreihen und keinen Abseiten. Bei letztem weisen die Seitenwände die gleiche Höhe auf wie die Ständer, die den Dielenraum begrenzen. Diese Hausform wurde als „Up hauge Weige /Weege(n)“ bezeichnet, denn Weige ist ein altes Wort für die ‚Wand‘. Up hauge Weige/Weegen bedeutet also ‚auf hoher Wand‘ beziehungsweise „auf hohen Wänden“. Die höheren Seitenwände als beim Zweiständerbau waren somit der ausschlaggebende Unterschied.

Bibelübersetzung des Bischofs Wulfila

Das Wort, das sowohl in den west-, nord- als auch ostgermanischen Sprachen verbreitet war, hat bereits ein hohes Alter. Es begegnet bereits in der gotischen Bibelübersetzung des Bischofs Wulfila († 383 n. Chr.), der einzigen Quelle für das ostgermanische Gotische. Im westgermanischen Altniederdeutschen entspricht „wêg“ „Hauswand“, das bereits im „Heliand“ erscheint, einer altniederdeutschen Evangelienharmonie aus der Zeit um 850.

Das „Idioticon Osnabrugense“, ein 1756 vom Osnabrücker Gymnasialrektor Johann Christoph Strodtmann (1717–1756) verfasstes Wörterbuch der Osnabrücker Mundart, führt zum Stichwort „weeg“ aus: „Heisset in einem Gebäude alles Holzwerk in den Wänden. Davon kommt dürweeg, welches das Holzwerk in einer Querwand bedeutet, auch Thür-Gestelle“.

Etymologisch ist der Ausdruck über germanisch „waiga“ zu einer indogermanischen Wurzel zu stellen, die „biegen, winden“ bedeutet haben dürfte. Damit hat der hier betrachtete Begriff eine vergleichbare Entwicklung genommen, wie das Wort Wand selbst, das zum Tätigkeitswort „winden“ gehört.

Lehmmasse wurde aufgetragen

Ausgangspunkt ist somit die Flechtwand, die in den Wänden des Fachwerkhauses bis in die Moderne vertreten ist. Die Gefachungen, das heißt die Wandfelder zwischen den Holzbalken, wurden mit einem mit Lehm bestrichenen Flechtwerk ausgefacht. Dazu wurden dünne Zweige um kleine Pfähle geflochten, auf die man anschließend eine Lehmmasse auftrug. Von dieser Flechtwand ausgehend konnte sich die Bedeutung des Wortes dann auch auf massive Wände aus Natur-, Bruch-, Lehm- oder Ziegelsteinen erweitern.

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