Marlies Dölling kam über Timmendorf nach Lienen
„Anfangs gehörte man nicht dazu“

Lienen -

Über sechs Jahre hinweg war das Erzählcafé im Kirchsaal der evangelischen Kirche ein Treffpunkt für Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Geflüchtete oder Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten nach Lienen kamen. Initiatorin Vera Neumann hat einige der Zeitzeugen-Berichte zu einer 40-seitigen Broschüre zusammengefasst. Die WN geben in einer Serie eine Auswahl der Berichte wieder. Darunter ist auch der von Marlies Dölling:

Freitag, 15.11.2019, 16:38 Uhr
Marienburg mit seiner mittelalterlichen und imposanten Deutschordensburg war mütterlicherseits die Heimat der Familie von Marlies Dölling.
Marienburg mit seiner mittelalterlichen und imposanten Deutschordensburg war mütterlicherseits die Heimat der Familie von Marlies Dölling. Foto: Wikinger Reisen

„Meine Mutter und meine Großeltern kommen aus Westpreußen, aus Marienburg, und sind auch geflüchtet. Meinte Tante war mit einem Lengericher verheiratet. Das war dann für die ganze Familie der Punkt: ,Westen, da wissen wir schon, wo wir hin können.‘ Mein Onkel war dort als Polizist beschäftigt, nach dem Krieg. Meine Mutter war erst mal am Timmendorfer Strand untergekommen. Ich bin in Timmendorf geboren. Und als ich ein halbes Jahr alt war, sind wir nach Lienen gekommen.

Wir waren erst in einem Kotten untergebracht. Da war ich vier oder fünf Jahre alt. Danach sind wir ins Dorf gezogen. Eine Zwischenstation war am Ölmühlenbach neben Sander. Da war ein kleines Häuschen, dort haben wir erst noch gewohnt. Als ich eingeschult wurde, sind wir an den Kirchplatz gekommen. Bei Gersie/Schallenberg haben wir Wohnraum bekommen und deshalb habe ich die längste Zeit meiner Kindheit am Kirchplatz verbracht.

Hier hatte ich schon Freundinnen. Ich war mit Gisa Lenzing sehr befreundet. Da bin ich natürlich in eine westfälische Familie reingekommen. Wie anders es dann da zuging, das merkt man schon. Wenn Feste waren, zum Beispiel das Schützenfest, was ich damals ganz toll fand, da gehörte man nicht dazu.

Meine Eltern waren nicht in diesem Schützenverein, in ganz vielen Vereinen nicht. Die waren immer noch die Vertriebenen, die ihre Landsmannschaften und ihre Gruppen hatten. Ich war immer ein bisschen neidisch auf die einheimischen Kinder, die da mitziehen konnten, und ich oder die Kinder, die noch nicht so integriert waren, die standen dann ein bisschen daneben. Aber es war nicht wirklich schlimm. Es ging doch ganz schnell mit der Integration, wir sind schnell reingekommen und es haben sich auch ganz schnell die Paare gefunden, die Einheimischen und Flüchtlinge.

Meine Mutter hatte eine ostpreußische Frauengruppe gegründet. Im Café Schultewurde einmal im Monat Kaffee getrunken, und dann wurde erzählt, aber nur ,von zu Hause‘, und es wurden Lieder gesungen.

Zu den Schlesiertreffen in Warendorf fuhren die Eltern auch immer. Mein Vater kam aus Schlesien, da hatten sich zwei Flüchtlinge getroffen. Ich bin mehr in die westfälischen Kreise hineingewachsen, und ich weiß, dass meine Mutter das nicht verstand. Ich sollte die Volkstanzgruppe weitermachen, aber ich hatte irgendwann mal das Gefühl: ,So, jetzt ist es gut, ich bin jetzt hier und ich mach jetzt was anderes.‘

Und es gab auch durchaus Konflikte. Als Brandt die Ostverträge unterschrieb, meinte mein Vater: ,Jetzt hat er uns verraten!‘. Ich hielt es mit Marion Gräfin Dönhoff— die hat da so viel verloren — die sagte: ,Es muss jetzt etwas passieren, das muss jetzt anerkannt werden. Das hat der Krieg mit sich gebracht.‘

Ich meine: Man hat das Land verloren, aber die Heimat bleibt einem doch durch die Erinnerung erhalten. Man ist jetzt hier, es ist das Schicksal gewesen. Und man muss das irgendwann akzeptieren.“

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