Günter Glatzer hat in schwierigen Zeiten keine Arbeit gescheut
Neue Holzschuhe vom Pastor

Lienen -

Über sechs Jahre hinweg war das Erzählcafé im Kirchsaal der evangelischen Kirche ein Treffpunkt für Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Geflüchtete oder Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten nach Lienen kamen. Initiatorin Vera Neumann hat einige der Zeitzeugen-Berichte zu einer 40-seitigen Broschüre zusammengefasst. Die WN geben in einer Serie eine Auswahl der Berichte wieder. Darunter ist auch der des im Oktober verstorbenen Günter Glatzer:

Samstag, 07.12.2019, 08:00 Uhr aktualisiert: 09.12.2019, 17:34 Uhr
Eine historische Ansicht des Ortes Schroda in Posen, von dem aus Günter Glatzer zum Militärdienst eingezogen wurde.
Eine historische Ansicht des Ortes Schroda in Posen, von dem aus Günter Glatzer zum Militärdienst eingezogen wurde. Foto: nn

„Wir waren erst in Waldenburg in Schlesien. Beruflich musste mein Vater nach Warthegau, dann waren wir in Schroda bei Posen, und von da aus bin ich eingezogen worden. Dann bin ich beim Militär gewesen, bei der Luftwaffe , bei der Flak. Und kurz vor Kriegsende sind wir kurzerhand nach Dänemark versetzt worden, weil sie meinten, da kommt eine Invasion, und wir sollten das Land besetzen. Das kam nicht mehr soweit, der Krieg ging zu Ende.

Wir kamen in englische Gefangenschaft und mussten zu Fuß nach Schleswig-Holstein laufen. Da war ich einige Monate. Eines Tages ging ein Befehl raus, die Landwirtschaft suchte Arbeitskräfte – und derjenige, der sich meldete, der konnte sofort entlassen werden. Da hab ich gedacht: Ja, Landwirtschaft – vor Arbeit, mach ich mich nicht bange, da melde ich mich. Und dann bin ich von da aus in den Harz gekommen, zu einer Firma von Henkel (Persil) und musste da im Forst arbeiten. Das war so ein Landzipfel, der ragte in die damalige Ostzone rein. Und eines schönen Tages sagte der Meister: ,Leute das wird begradigt, ab morgen kommen wir in die Ostzone. Wollt Ihr mit oder wollt Ihr entlassen werden?‘ Da haben alle gesagt: ,Nee, Ostzone, dahin wollen wir nicht, da soll er uns mal entlassen.‘ Und dann hatten wir unsere Papiere und waren praktisch frei.

Wohin jetzt? Meine Eltern, die waren damals noch in Schlesien, ich wusste auch noch nichts von ihnen. Dann suchten sie in einem Flüchtlingslager in der Küche Leute, die da mithalfen. Und immer, wenn es was zu verdienen oder zu essen gab, hab ich mich gemeldet. Da war ich da in der Küche, hab da geholfen und auch Essen verteilt. Eines schönen Tages mussten wir auch da wieder weg und kamen nach Lengerich. Vom Auffanglager aus wurden die früheren Militärs oder Flüchtlinge verteilt, und ich kam nach Leeden.

Da war ich bei einem Bauern, der Pastor besuchte mich, und ich kriegte ein paar Holzschuhe. Bei den Schuhen, die wir noch vom Militär hatten, waren ja schon die Sohlen durchgelaufen. Dann war da ein Bauer, der auch wieder einen suchte. Er war alt und konnte die Landwirtschaft nicht mehr alleine machen. Dahin vermittelte mich der Pastor, und da habe ich eine sehr gute Stelle gekriegt. Ich habe da in der Landwirtschaft geholfen und bin etliche Jahre da gewesen. In der Zeit lernte ich dann meine spätere Frau kennen. Wir haben geheiratet und ich bin dann nach Lienen gezogen.

Im Krieg und nach dem Krieg habe ich eins nicht gehabt: Hunger. Zu Kriegsende waren wir ja motorisiert und haben den Dänen Anhänger und anderes gegeben und kriegten Lebensmittel dafür. Auf dem Weg nach Schleswig-Holstein trug jeder, was er konnte, und in Gefangenschaft hatten wir zusätzlich immer noch was aus dem Rucksack. Ich habe mich immer zur Arbeit gemeldet und nicht nachgefragt, ob das zwölf Stunden waren. Wer nur Lebensmittel auf Karten kaufte, hatte zu wenig.“

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