Grenze zwischen Lienen und Glandorf war einst streng bewacht
Der Tod eines Salzschmugglers

Lienen -

Die Geschichte über den Salzschmuggler Bernhard Scheckelhoff stammt aus dem neuen „Spurensuche“-Heft des Vereins Familienforschung im Tecklenburger Land. Es heißt „Kriminalfälle aus dem Tecklenburger Land“ und ist für fünf Euro bei der Tourist-Information in Lengerich und in der Buchhandlung Howe in Tecklenburg zu bekommen. Die Westfälischen Nachrichten veröffentlichen in loser Folge einige der darin enthaltenen Geschichten.

Freitag, 20.12.2019, 06:25 Uhr aktualisiert: 23.12.2019, 17:19 Uhr
Salz aus Rothenfelde war einst begehrt in den nahen preußischen Gebieten und wurde so zu einer beliebten Schmuggelware.
Salz aus Rothenfelde war einst begehrt in den nahen preußischen Gebieten und wurde so zu einer beliebten Schmuggelware. Foto: dpa

Von 1815 bis 1866 war die Lienener Grenze zu den heutigen niedersächsischen Nachbargemeinden Hagen a.T.W., Bad Iburg (mit eingemeindetem Glane) und Glandorf Staatsgrenze zwischen den Königreichen Hannover und Preußen. Bereits im 17. und 18. Jahrhundert bestand dort eine Territorialscheide zwischen der Grafschaft Tecklenburg beziehungsweise dem Königreich Preußen und dem Hochstift Osnabrück.

Im Jahr 1727 wurde in der preußischen Grafschaft Tecklenburg die sogenannte Akzise eingeführt – eine Verbrauchssteuer und die wichtigste städtische Abgabe an den preußischen Staat. Um die Einkünfte aus dieser Akzise zu steigern, wurden Handel und Gewerbe auf dem Land stark eingeschränkt. Die Orte Lengerich (1727) und Westerkappeln (1738) erhielten in diesem Zusammenhang die Stadtrechte. Auf diese Weise sollten möglichst alle Unternehmungen, die dem Akzisezwang unterlagen, an Städte gebunden werden, wo sie einer scharfen Steuerkontrolle unterworfen wurden. Hinzu kam, dass die Landbevölkerung, die im Einzugsbereich der Städte wohnte, verpflichtet war, akzisepflichtige Güter in der Stadt zu kaufen und somit ebenfalls diese Verbrauchssteuer zu entrichten. Aus diesem Grunde entwickelte sich in den Grenzorten eine starke Schmuggeltätigkeit.

Besonders begehrt war auf preußischem Gebiet das „weiße Gold“ – Salz –, das zur Buttereinsalzung und Fleischkonservierung benötigt wurde. Seitdem 1728 die Rothenfelder Solequellen entdeckt worden waren, aus denen aufgrund des hohen Solegehaltes mit wenig Energieaufwand qualitativ hochwertiges Salz gewonnen werden konnte, entwickelte sich auch eine rege Schmugglertätigkeit ins benachbarte Preußen. Denn: Das preußische Salz war – aufgrund des staatlichen Salzmonopols – teurer und von schlechterer Qualität.

Die oft in unterhaltsamer oder gar humoriger Weise erzählten oder niedergeschriebenen Schmuggelgeschichten, in denen manches mal den obrigkeitlich bestellten Grenzaufsehern oder behördlichen Vertretern ein „Schnippchen“ geschlagen wird, erwecken den Anschein, Schmuggel sei damals ein „Kavaliersdelikt“ gewesen. Doch verharmlosen diese Geschichten die historische Realität, denn der Schmuggel wurde als „Defraudation“ (Steuerhinterziehung, Unterschlagung, Betrug) betrachtet und dementsprechend geahndet, wenn sich der Schleichhändler erwischen ließ. Auf in regelmäßigen Abständen aufgestellten Warntafeln wurde das Verbot des unkontrollierten Grenzübertritts bekannt gemacht. Bei Nicht-Beachtung hatten die Grenzbeamten Schieß- beziehungsweise Stichbefehl.

Der Vorgang des Schmuggelns bedeutete also damals ein Spiel mit der eigenen Gesundheit oder gar mit dem Leben, das aus Existenznot eingegangen wurde, wie auch nachfolgender Fall, der im Lienener Gemeindearchiv dokumentiert ist, anschaulich belegt:

Am 24. November 1820 erreichte das königlich preußische „Inquisitoriat (Kriminaluntersuchungsbehörde) in Münster ein Schreiben der Iburger Amtsbehörde (Königreich Hannover)“, in dem folgender Sachverhalt geschildert wird:

Dem Schreiben nach wollte der Iburger „Amtsunter-than“ Bernhard Scheckelhoff mit zwei „Preußischen Untertanen“ am Abend des 19. November – einem Sonntag – von Schwege aus Salz nach Lienen über die Grenze schmuggeln, als die drei Schleichhändler von zwei Zollaufsehern zu Pferde, die aus Richtung Lienen kamen, überrascht wurden. Die Schmuggler warfen die Salzsäcke ab und versuchten zu fliehen. Jedoch wurde Bernhard Scheckelhoff von einem Zollaufseher mit gezogenem Säbel verfolgt und durch mehrere Hiebe am Kopf verletzt. Der verwundete Schmuggler wurde in das Haus des Schullehrers Aubke in Schwege gebracht.

Trotz „chirurgischen Behandlung“ erlag Scheckelhoff zwei Tage später am 21. November mittags um 12 Uhr seinen Verletzungen. Die Leichenschau, die am 23. November vorgenommen wurde, ergab, dass der Leichnam Scheckelhoffs „vorzüglich zwey Kopfwunden“ aufwies, „deren eine zweieinhalb Zoll (ein Zoll = 2,6 Zentimeter) lang durch die Haut und zwei Zoll lang durch den Hirnschädel bis auf die, jedoch unverletzt gebliebene dura mater (Hirnhaut), die andere zweidreiviertel Zoll lang bis auf den Knochen, jedoch ohne diesen zu verletzen, gedrungen und deren jede ersichtlich mit einem scharfen Instrument beygebracht war. Außerdem fanden sich an Hautwunden eine an der rechten Seite der Nase, eine am linken Backen, eine an der rechten Hand, eine am linken Schienbein, und sowohl über dem rechten Auge als am rechten Schulterblatt zwey Contusionen (Prellungen), und ergab alles zusammen eine äußerst gewaltsame Mißhandlung.“

Vor seinem Tod konnte Scheckelhoff dem Schullehrer Aubke noch den genauen Tathergang schildern. Nach Aubkes Aussage war der Schmuggler „während der Erzählung des ganzen Vorfalles bey voller Besinnung gewesen, nach etwa zehn Minuten sprach- und besinnungslos geworden, und biß an seinen Tod geblieben“. Bauer Langhorst, auf dessen Grund und Boden sich der Vorfall ereignete, und Schullehrer Aubke besichtigten den Tatort und fanden „auf 500 Schritte rück- und vorwärts viele Pferde- und Menschentritte und Sprünge von der Hasenbergswiese an aber erst Blutspuren ergeben, und dort alles ein Flüchten zu Fuße und Verfolgen zu Pferde im Schnee bezeichnet.“

Wegen des Totschlags des Scheckelhoffs forderte die Iburger Amtsbehörde die Ermittlung des Täters. Unter dringendem Tatverdacht stand der Lienener Zollaufseher Jach, „weil der unglückliche Scheckelhoff den Tod auf der Zunge, wohl nicht log, wenn er zwey Reuter (Reiter) auf sich zu kommend, sich von den einen so mißhandelt und diese von der Direction (aus der Richtung) von Lienen kommend angiebt.“

Da die beiden Lienener Zollaufseher zu Pferde Jach und Willigmann waren, fiel der Verdacht auf die beiden. Zudem waren beide Zollaufseher zur Tatzeit am Sonntagabend nicht zu Hause gewesen. Dass es sich um Zollaufseher gehandelt haben musste, wurde damit begründet, „weil Räuber zu Pferde in hiesigen Gegenden nicht vorhanden sind, und wären sie es, einen armen flüchtenden Bauer nicht verfolgen würden, daher die Vermuthung am ersten auf Zollbediente fällt.“ Zudem wurde angeführt, dass der Zollaufseher Jach ein „rauer gefühlloser Mensch“ gewesen sei und zudem das Gerücht umherging, dass Jach „sich abends den 19ten Sonntags nach seiner Rückkehr gerühmt haben soll: er habe drey Salzträger erhascht und den einen davon tüchtig zugerichtet, und endlich weil Jach sich des noch an seinen Händen klebenden Bluthes gerühmt haben soll.“ Aus diesem Grunde war Jach des Totschlages an Bernhard Scheckelhoff dringend verdächtig.

Der Schleichhändler Bernhard Scheckelhoff aus Glandorf bezahlte also im Jahr 1820 für den Schmuggel mit dem „weißen Gold“ mit einem sehr hohen Preis, nämlich mit seinem Leben!

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