Nach über 200 Jahren Gastronomie sind die Tage des Jägerhofs gezählt
Ein Stück Lienener Ortsgeschichte

Lienen -

Wenn voraussichtlich Mitte oder Ende Januar das geschichtsträchtige Gebäude des heutigen Hotel-Restaurants Jägerhof an der Hauptstraße 1 abgerissen wird und einem Neubau weicht, verliert Lienen eine seiner ältesten Gaststätten. Grund genug, einen Blick in die Geschichte des Jägerhofes zu werfen.

Montag, 23.12.2019, 17:04 Uhr aktualisiert: 27.12.2019, 17:44 Uhr
Der Jägerhof auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1957. Im Hintergrund ist zu erkennen, wie auf dem ursprünglich zugehörigen Grundbesitz von 25 Morgen die Breede-Siedlung entsteht.
Der Jägerhof auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1957. Im Hintergrund ist zu erkennen, wie auf dem ursprünglich zugehörigen Grundbesitz von 25 Morgen die Breede-Siedlung entsteht. Foto: Archiv Heimatverein Lienen

Die Gaststättentradition an diesem Standort reicht in das ausgehende 18. Jahrhundert zurück. Die Familie Mertens kaufte das damalige Anwesen und eröffnete eine Schankwirtschaft. Bereits auf der ältesten bekannten Ansicht des Dorfes Lienen aus dem Jahr 1792 ist das Gebäude verzeichnet. 1858 heiratete Rudolf Friedrich Hermann Determann die Witwe Louise Anna Amalie Mertens (geborene Goedeking aus Westerkappeln), wodurch die langjährige Verbindung des Hauses mit dem Namen Determann entstand. Östlich des ältesten Teils des Anwesens, in dem sich bis zuletzt ein Sonnenstudio befand, errichtete Wilhelm Bernhard Determann 1913 das ortsbildprägende Quergebäude mit Jugendstil-Ornamenten. In diesem Anbau wurde damals auch ein Eisenwarengeschäft betrieben.

Nach dem Tod des einzigen, 1893 geborenen Sohnes Wilhelm Determann im Ersten Weltkrieg 1915 übertrugen die Eltern den Besitz an die Bethelschen Anstalten (Bielefeld), die hier ab dem 1. November 1925 ein Volkshochschulheim nach dem Vorbild des Lindenhofes bei Bethel einrichteten. Das Bildungsinstitut stand unter der Leitung des Pfarrers Walter Wilhelm August Thiemann (1898–1983). Der Unterricht begann am 1. November 1925.

Es waren vor allem die Sorge um die Erhaltung religiöser Substanz in der Bevölkerung des ländlichen Raumes, die Heranführung der Menschen an die infolge des nationalen Zusammenbruchs 1918 entstandenen neuen politischen Verhältnisse (Demokratie, Parteienstaat) und das Wissen um wirtschaftliche Zusammenhänge, die die Verantwortlichen zur Gründung bewogen. Die Lehrgänge von je viermonatiger Dauer fanden nach Geschlechtern getrennt statt, wobei der Winterkurs für junge Männer, der Sommerlehrgang dagegen für junge Frauen bestimmt war.

Die Schüler wohnten während der Zeit in dem Gebäude und wurden in den Fächern Deutsch, Rechnen, Geschichte sowie Volks- und Landwirtschaft unterrichtet. Die Nachfrage nach dieser Form der Allgemeinbildung war allerdings zunächst verhalten. So nahmen am ersten Lehrgang 1925/26 nur acht Schüler teil, zum Sommerlehrgang lediglich fünf Frauen. Alle waren im Alter von 18 bis 22 Jahren und stammten überwiegend aus landwirtschaftlichen Familien des Tecklenburger Landes, aber auch aus dem übrigen Westfalen sowie dem Raum Hannover. Die Einrichtung wurde zum großen Bedauern der Kirchengemeinde jedoch bereits nach der Absolvierung des 11. Lehrgangs am 9. März 1931 von Lienen nach Tecklenburg verlegt und dort am 1. April offiziell neu eröffnet.

Das ehemalige Lienener Schulheim wandelte man 1932 in ein Altenheim namens „Haus Abendstille“ um. 1956 gingen Haus und Grundstück durch Verkauf an die Gemeinde Lienen über. Von dieser kaufte den Komplex 1957 die Witwe Erika Fletemeyer (geborene Henschen), die ihren Gastronomie- und Hotelbetrieb an der Hauptstraße (abgebrochen 1968, heute Parkplatz Lenzing-Haverkamp) aufgab und zum neuen Jägerhof übersiedelte. Seitdem ist das Anwesen bis heute mit dem Namen Fletemeyer verbunden.

Auf dem ursprünglich zugehörigen Grundbesitz von 25 Morgen wurde die Breede-Siedlung angelegt. 1980 erfolgte der Anbau des Saales an das Gebäude. 1991 übernahm Jochen Fletemeyer den Jägerhof, der ihn bis zuletzt – seit 2004 zusammen mit seiner Frau Daiva – geführt hat. Im Herbst 1999 wurde der seit längerer Zeit ungenutzte Hotelbereich zu neuem Leben erweckt. Eine Sanierung des Anwesens erfolgte 2001, in deren Zuge auch ein stattlicher Wintergarten errichtet wurde. Von Mitte 2013 bis Ende 2014 führte zwischenzeitlich der Sohn Julian Fletemeyer das Gasthaus. Bereits damals machten die alte Bausubstanz und die daraus resultierenden hohen Unterhaltskosten wirtschaftliche Probleme, sodass sich ohne größere Investitionen das Ende dieser Institution abzeichnete.

Der Jägerhof hat auch als Vereinslokal eine lange Tradition. Schon 1896 wurde beim Wirt Determann ein Schützenfest gefeiert. Königspaar waren damals Bäckermeister Heinrich Achelpohl und Elise Niederhellmann. 1959 wurde am Nordrand des Grundstücks ein Kleinkaliber-Schießstand für die Schützen eingerichtet, der 1982 durch einen Anbau mit Thekenraum erweitert wurde. Als erster Bestandteil des Gebäude-Komplexes wurde dieser am 11. September 2019 nach 60-jährigem Bestehen abgebrochen.

Am 16. März 1909 fand auch die Gründungsversammlung der Freiwilligen Feuerwehr Lienen bei Determann statt. 49 Lienener Bürger waren anwesend und traten sämtlich der neugebildeten Wehr bei. Erster Brandmeister war Friedrich Schomberg, sein Stellvertreter Friedrich Heitgreß. Darüber hinaus hatten im Lauf der Zeit viele Stammtische und Kegelvereine ihr Domizil im Jägerhof, zahlreiche Hochzeiten und Geburtstags-, aber auch Trauerfeiern wurden in seinen Mauern begangen.

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