Anneliese Schönrade erlebte die Flucht als Elfjährige
Ein Hering für zehn Leute

Lienen -

Über sechs Jahre hinweg war das Erzählcafé im Kirchsaal der evangelischen Kirche ein Treffpunkt für Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Geflüchtete oder Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten nach Lienen kamen. Initiatorin Vera Neumann hat einige der Zeitzeugen-Berichte zu einer 40-seitigen Broschüre zusammengefasst. Die WN geben in einer Serie eine Auswahl der Berichte wieder. Darunter ist auch der von Anneliese Schönrade.

Donnerstag, 26.12.2019, 17:00 Uhr
Von Weißstein im Kreis Waldenburg begann die Flucht von Anneliese Schönrade, ihrer Mutter und ihrer Schwester, die schließlich in Lienen endete.
Von Weißstein im Kreis Waldenburg begann die Flucht von Anneliese Schönrade, ihrer Mutter und ihrer Schwester, die schließlich in Lienen endete.

Über sechs Jahre hinweg war das Erzählcafé im Kirchsaal der evangelischen Kirche ein Treffpunkt für Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Geflüchtete oder Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten nach Lienen kamen. Initiatorin Vera Neumann hat einige der Zeitzeugen-Berichte zu einer 40-seitigen Broschüre zusammengefasst. Die WN geben in einer Serie eine Auswahl der Berichte wieder. Darunter ist auch der von Anneliese Schönrade:

„Ich wohne jetzt in Lienen, und ich wohne seit 1946 hier. Ich war elf Jahre alt, als wir raus mussten, straßenweise wurde evakuiert. Meine Mutter hatte immer eine Tasche gepackt, so das Nötigste. Und mein Vater war im Krieg, doch wir wussten zu der Zeit nicht, wo er war.

Wir waren in Weißstein, Kreis Waldenburg. Wir durften nur das mitnehmen, was wir tragen konnten – meine Mutter, meine Schwester, die war noch drei Jahre jünger, und ich. Wir konnten dann Taschen mitnehmen und das bisschen, was wir auf dem Rücken tragen konnten. Was kann man mit elf und sieben Jahren schon tragen? Das ist ja nicht ganz viel.

Wir sind dann erst nach Altwasser in die Schule gekommen. Da mussten wir drei Tage lang warten, dann ging es in Viehwaggons, und dann raus. Ich glaube, wir waren fast zehn Tage mit dem Zug unterwegs. Das war 1946 im Mai. Meinen Geburtstag hatte ich noch zu Hause gefeiert. Wir kamen immer in Lager, da konnte man dann wieder übernachten. Man wurde entlaust, von oben und unten. Interessant war, dass im Viehwaggon immer einer dafür zuständig war, den abends von innen abzuschließen. Und da musste man noch aufpassen, dass sie einem da nicht das Zeug raus klauten, von dem bisschen, was wir mitgenommen hatten. Ich kann mich erinnern, dass wir immer mal ausgestiegen sind, eine Nacht, und dann ging es wieder weiter, und dann kriegten wir was zu essen. Da gab es dann für neun oder zehn Personen in dem Waggon ein Brot und einen Salzhering. Und wir hatten Thermosflaschen, Wasser kriegte man dann. Der für unseren Waggon zuständig war, der hat dafür gesorgt, dass wir das hatten.

Als wir dann in Lengerich ankamen waren wir drei Tage in der Anstalt. Wir kamen aus einer großen Stadt, und dann hier nach Lienen, in das kleine Nest hier. Das kann man nicht anders sagen: Für mich war das erst furchtbar.

Wir waren untergebracht in Dorfbauer bei einem Bauern, mit drei Personen, über dem Schweinestall, da war früher ein Kornlager gewesen, da hatten wir zu dritt ein Bett, ein breites. Meine Mutter wurde gleich krank. – Als wir ankamen, da hatte der Sohn Geburtstag. Es gab Kartoffelsalat, und ich weiß nicht, wann wir den das letzte Mal gegessen hatten. Meine Mutter lag dann einen Tag im Bett, musste brechen, hatte Leibschmerzen wie verrückt. Es war schlimm.”

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