Siegmund Schmidt floh zu seiner in Ibbenbüren verheirateten Schwester
„Russe schießt auf die hinteren Wagen“

Lienen -

Über sechs Jahre hinweg war das Erzählcafé im Kirchsaal der evangelischen Kirche ein Treffpunkt für Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Geflüchtete oder Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten nach Lienen kamen. Initiatorin Vera Neumann hat einige der Zeitzeugen-Berichte zu einer 40-seitigen Broschüre zusammengefasst. Die WN geben in einer Serie eine Auswahl der Berichte wieder. Darunter ist auch der von Siegmund Schmidt

Dienstag, 07.01.2020, 20:00 Uhr aktualisiert: 08.01.2020, 16:44 Uhr
Wigandstal im Landkreis Lauban war eine Zwischenstation auf der Flucht der Familie von Siegmund Schmidt.
Wigandstal im Landkreis Lauban war eine Zwischenstation auf der Flucht der Familie von Siegmund Schmidt.

Über sechs Jahre hinweg war das Erzählcafé im Kirchsaal der evangelischen Kirche ein Treffpunkt für Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Geflüchtete oder Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten nach Lienen kamen. Initiatorin Vera Neumann hat einige der Zeitzeugen-Berichte zu einer 40-seitigen Broschüre zusammengefasst. Die WN geben in einer Serie eine Auswahl der Berichte wieder. Darunter ist auch der von Siegmund Schmidt :

„Das war früher Polen, wo ich geboren bin. Wir hatten eine eigene Kirche, waren evangelisch. Wir sind am 16. Januar 1945 — es war ein harter Winter, als der Russe kam — vorher weggefahren, in Etappen natürlich. Wir kamen wenigstens gut raus. Mein Vater wusste Bescheid, und da er das Pferd am Tag vorher beim Schmied beschlagen lassen hatte, kamen wir gut weg. Viel Schnee lag nicht, aber Eis. Als wir in die Stadt kamen – wir wohnten sechs Kilometer von der Stadt entfernt – mit Pferd und Wagen Richtung Westen, lag da eine Frau, wahrscheinlich tot. Und zwei kleine Kinder, rechts und links daneben, die saßen da, auf dem Bürgersteig. In der Stadt haben wir die ersten Toten gesehen. Nachher unterwegs sind wir dann in drei Reihen nebeneinander gefahren, alle Richtung Westen. Die ganze Straße war nur in eine Richtung befahren. Und wir hatten ja ein gutes Pferd, frisch beschlagen, und waren in der Mitte und dachten: ,Jetzt passiert‘s, wir kommen dazwischen.‘ Die Wagen hatten breite Achsen. Und wären die zusammengekommen, dann wären wir da nicht mehr durchgekommen. Der Russe schoss ja auf die hinteren Wagen. Wir hatten das Riesenglück, dass wir rechtzeitig weggekommen sind.

Wir kamen bis Wigandstal/Lauban, das ist kurz hinter der tschechischen Grenze. Da haben wir auf einem Gut zwei Jahre gearbeitet, bis 1947. Dann mussten wir raus. Da waren die Polen inzwischen gekommen. Es gab weniger Arbeit. Und mit dem zweiten Transport kamen wir dann dran.

Wir kamen bis nach Sachsen, wo meine Schwester heute noch wohnt. Da war auch nichts, wir kriegten ein Zimmer zugewiesen. Meine Schwester hatte unterwegs eine Blinddarmentzündung bekommen. Sie, mein Bruder und ich kamen in ein Zimmer von zwölf Quadratmetern.

Und dann bin ich schwarz über die Grenze, nach Ibbenbüren, weil meine älteste Schwester dort verheiratet war. Danach bin ich hierhergekommen, war erst in Meckelwege, nachher hier im Ort. Ich habe mit 26 Jahren Maurer gelernt und selbst ein Haus gebaut.”

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