Für Dieter Bistrick (†) ging mit der Flucht der soziale Abstieg einher
„Mutter hat alles für uns gegeben“

Lienen -

Über sechs Jahre hinweg war das Erzählcafé im Kirchsaal der evangelischen Kirche ein Treffpunkt für Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Geflüchtete oder Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten nach Lienen kamen. Initiatorin Vera Neumann hat einige der Zeitzeugen-Berichte zu einer 40-seitigen Broschüre zusammengefasst. Die WN geben in einer Serie eine Auswahl der Berichte wieder. Darunter ist auch der von Dieter Bistrick, der im Sommer vergangenen Jahres verstorben ist:

Montag, 27.01.2020, 17:20 Uhr
Das zerstörte Königsberg, die Heimat der Familie von Dieter Bistrick, nach dem Luftangriff im August 1944
Das zerstörte Königsberg, die Heimat der Familie von Dieter Bistrick, nach dem Luftangriff im August 1944 Foto: picture-alliance/dpa

„Im September 1944 wurde ich im Krankenhaus von Bad Lauterberg/Harz geboren. Meine Mutter wohnte nach der Flucht 1944 aus Königsberg im Pfarrhaus in Scharzfeld bei ihrer Schwester. Ihr Onkel war Oberst in einem Nachschubbataillon und hatte darauf gedrängt, dass sie Königsberg mit meinen Geschwistern und schwanger mit mir schon 1944 verlässt. Mein Vater, einer Reiterstandarte der SS zugeordnet, starb wahrscheinlich bei der Verteidigung Königsbergs im Volkssturm. In den 1950er Jahren wurde er für tot erklärt.

Im Haus in Scharzfeld wohnten zeitweise über 20 Kinder: meine drei Geschwister und ich, die vier Kinder der Pfarrersfamilie, die Kinder zweier weiterer Schwestern und der Haushaltshilfe. Ich fühlte mich immer sehr geborgen an den Orten, wo ich war, auch in Rotenburg/Hannover im Elternhaus meiner Mutter.

Es war eine Luxusflucht, wir sind mit dem Zug gefahren. Es war Luxus pur im Vergleich zu dem, was ich hier von den anderen gehört habe. Das Einzig bei mir war ein großer sozialer Abstieg. Mein Vater hatte vorher eins der drei größten Uhrengeschäfte Deutschlands gehabt. Jetzt zog meine Mutter uns vier Kinder alleine groß.

Sie hat uns immer spüren lassen, dass sie es eigentlich ja viel besser gehabt hätte. Den geliebten Ehemann (14 Jahre älter) verloren zu haben, verarmt zu sein und allein für uns Kinder sorgen zu müssen. Diesen Verlust haben wir von ihr immer vermittelt bekommen. Sie war damals 30 Jahre alt als ich geboren wurde, und ich war das Jüngste von vier Kindern. Die Hoffnung, dass ihr Mann wiederkommt, hat sie viele Jahre gehabt. Anfang der 50er Jahre gab es ein Gerücht, dass ihr Mann gefallen sei, im Volkssturm, bei der Verteidigung von Königsberg. Auch Vermögen war nicht mehr da.

Sie hat nie über irgendwas gesprochen – wir Kinder waren auch zu klein als Gesprächspartner. Sie hat sich nicht anderen Leuten angeschlossen, hatte keine Freunde. Als wir älter wurden, hat sie uns Vorhaltungen gemacht, dass wir aus dem Haus gehen wollten, hat die Schwiegertöchter geschnitten, hat von uns das, was sie uns gegeben hat – und das war alles gewesen – in irgendeiner Form zurück-erwartet. Sie hat sich wirklich keinem anderen Menschen mehr angeschlossen. (...)

Jetzt weiß ich: Sie hat es nicht getan, weil sie nicht wollte, sondern sie konnte es einfach nicht. Das war ihr Trauma. Sie ist 2000 gestorben, und ich kann es ihr leider nicht mehr sagen. Die lange Ungewissheit über das Schicksal ihres Mannes, schließlich die Information über seinen Tod, ihr Sturz aus bestens gesicherten Verhältnissen in Königsberg und Rotenburg in die soziale Unterschicht, ihr Status als Kriegerwitwe mit Hinterbliebenenrente und das nicht aufgearbeitete Kriegsgeschehen waren für sie traumatisch.”

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