Mengenkürzung um 20 Prozent löst Wut aus
Gülleverordnung stinkt den Bauern

Lienen/Glandorf -

„Gülle-Silvester“ nennen die Landwirte das Ende jener Sperrfrist, die in jedem Winter bis zum 31. Januar dauert. In dieser Zeit ist es ihnen untersagt, Gülle auszubringen. Ab heute dürfen sie wieder. Wobei die Landwirte lieber von „Volldünger“ sprechen. Die Zeiten, in denen Gülle nicht sonderlich wertgeschätzt und mancherorts nach dem Motto „viel hilft viel“ auf die Felder gekippt wurde, sind längst vorbei.

Freitag, 31.01.2020, 15:40 Uhr aktualisiert: 02.02.2020, 16:26 Uhr
Mengenkürzung um 20 Prozent löst Wut aus: Gülleverordnung stinkt den Bauern
Foto: Michael Schwager

In einem Kubikmeter befinden sich Wertstoffe, die man sonst für zehn Euro zukaufen muss, betonte Willi Lefeld jetzt bei einem Pressetermin mit Lienener und Glandorfer Bauern auf seinem Hof in Averfehrden.

Für das Treffen mit Medienvertretern gab es gleich zwei Anlässe: Zum einen werden die Bauern und Lohnunternehmer ab jetzt wieder Gülle fahren, was zu Verkehrsbehinderungen und mitunter auch Geruchsbelästigungen führen kann. Zum anderen sehen sie sich als Opfer der Gülleverordnung, die nach 2017 in diesem Jahr eine weitere Verschärfung mit sich bringt.

Mit einem Messbecher illustrieren sie, wie viel Gülle im Schnitt pro Jahr auf einem Quadratmeter Acker oder Grünland landet: zwei Liter. Wie aber kommt dann der Vorwurf zustande, die Landwirtschaft sei schuld an den zu hohen Nitratwerten im Grundwasser? Die Landwirte räumen ein, dass in der Vergangenheit Fehler gemacht worden und die Spätfolgen stellenweise immer noch spürbar seien. 20 Jahre und länger sei das her. Das lasse sich mit der neuen Düngeverordnung jedoch nicht beheben. Denn inzwischen werde so zielgenau gedüngt, dass die Pflanzen nur das bekommen, was sie einerseits aufnehmen können, andererseits aber auch für ihr vollständiges Wachstum benötigen. Pflanzenberater Dieter Kantelberg hält ein Pflänzchen in die Kamera: „Ohne ausreichend Gülle kann die Pflanze ihr Wurzelwerk nicht voll ausbilden, was sich später beim Wachstum negativ bemerkbar macht.“

Ein paar Meter weiter demonstriert Benedikt Lefeld mit Bohrsonde und Laptop, wie zunächst eine Bodenprobe zwecks Analyse genommen wird, um später unter Berücksichtigung weiterer Parameter mit Hilfe eines speziellen Programms zu errechnen, was und wie viel auf den einzelnen Flächen ausgebracht werden darf. Dazu wird übrigens auch die Zusammensetzung der Gülle im Labor untersucht.

Konkret kritisieren die Landwirte die für dieses Jahr auf bestimmten Flächen vorgesehene Absenkung der Güllemengen um 20 Prozent. Das sei mancherorts nicht nur sinnlos, sondern sogar kontraproduktiv. Denn es führe erstens nicht zu einer Verbesserung der Wasserqualität und sorge zweites dafür, dass die Pflanzen nicht ihr Potenzial entfalten können, weder qualitativ noch quantitativ.

Die pauschale Absenkung betrifft Flächen in Gebieten, in denen die zugeordneten Messbrunnen im Jahr 2012 Konzentrationen von mehr als 50 Milligramm Nitrat pro Liter Wasser ausgewiesen haben. Diese Werte jedoch, so die Kritik der Bauern, bilde nicht die Wirklichkeit in den Böden ab. Erstens, weil die Daten veraltet sind. Und zweitens, weil die Brunnen oft weit weg liegen von den Äckern, die ihnen zugeordnet sind.

Bekommen die Pflanzen aufgrund der Absenkung jetzt zu wenig Gülle, also Nährstoffe, und entfalten dadurch nicht ihr Potenzial, hat das Folgen: „Dann müssen wir Futtermittel wie beispielsweise Soja- oder Rapsschrot teuer zukaufen“, erläutert Milchviehhalter Heiner Kätker aus Kattenvenne.

In Dänemark hat man in der Vergangenheit mit einer pauschalen Begrenzung der Stickstoffmengen noch ein weiteres Problem heraufbeschworen, berichtet Kantelberg: Da der Weizen bei der Ernte vielfach zu wenig Eiweiß enthielt, ließ er sich nur als zweitklassiges Futtergetreide verwerten. Leidtragende waren also nicht nur die Bauern, die Futter zukaufen mussten, sondern auch die Lebensmittelindustrie. So mussten die Dänen Brotgetreide aus Deutschland zukaufen, weil ihr eigener Weizen nicht mehr zum Backen taugte.

Ein spezielles Glandorfer Problem ärgert die Landwirte der beiden nahe beieinander liegenden Betriebe Lefeld und Lammertmann ganz besonders. Es geht um die Messstellen. Lefelds haben „das bescheidene Glück“, dass nur rund 40 Prozent ihrer Flächen nach dem Ni­tratwert eines Messbrunnens in Hilter bewertet werden, der Rest ist der Grundwasser-Messstelle in Glandorf zugeordnet. Hubert Lammertmann hat dagegen Pech: Nahezu alle seine Flächen werden nicht nach dem tatsächlichen Nährstoffgehalt im Boden, sondern nach Werten des etwa 15 Kilometer entfernt liegenden Messbrunnens in Hilter beurteilt. Und der hatte im ausschlaggebenden Jahr 2012 etwa 80 Milligramm Nitrat pro Liter Wasser. Aber das ist inzwischen acht Jahre her. Außerdem liegen Lammertmanns Flächen viel näher an den Glandorfer Messstellen, bei denen die Belastung immer unter 50 Milligramm pro Liter lag.

Trotz alledem: Lammertmanns Land unterliegt jetzt der 20-prozentigen Pauschalkürzung. Für ihn ist klar, dass er in diesem Jahr eine minderwertige Ernte einfahren wird. „Das ist etwa so, als würde man einem Arbeitnehmer das Gehalt plötzlich um 20 Prozent kürzen“, echauffiert sich der Landwirt, der nach eigener Aussage in der Vergangenheit alles getan hat, um seinen Dünger bedarfsgerecht auf Grünland und Äcker aufzubringen.

So benutzt er inzwischen einen modernen Schleppschuh-Gülleverteiler. Die Gülle fließt nicht mehr aus den Schläuchen auf den Acker, sondern in relativ schmaler Linie in eine durch den Schuh gezogene Bodenrille. Dadurch kann sie noch zielgerichteter an die Wurzeln der jungen Getreidepflanzen gebracht werden. So soll es sein. Aber nach der Kürzung wird es wohl nicht reichen, um den Nährstoffbedarf der Pflanzen in Gänze zu decken.

Deswegen beharren die Bauern auf ihrer Forderung: Die Politiker sollen mit ihnen sprechen, anstatt über ihre Köpfe hinweg derart fragwürdige und folgenschwere Entscheidungen zu treffen.

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