Schwierige Suche nach Verschütteten
Nach Explosion: Traurige Gewissheit nach stundenlangem Hoffen

Lienen -

Die Unglücksstelle im Ortskern von Lienen, an der sich am Samstag eine Explosion ereignet hat, ist mit Bauzäunen abgesperrt. Auf der Westseite stehen drei Grablichter als stilles Gedenken an den Feuerwehrkameraden, der bei dem Einsatz ums Leben gekommen ist. 

Sonntag, 09.02.2020, 11:06 Uhr aktualisiert: 09.02.2020, 19:22 Uhr
Nach der Explosion liegt das Treppenhaus offen. Da nicht sicher ist, ob das Haus einstürzen könnte, müssen die Einsatzkräfte bei der Rettung der beiden verschütteten Feuerwehrkameraden mit äußerster Vorsicht vorgehen.
Nach der Explosion liegt das Treppenhaus offen. Da nicht sicher ist, ob das Haus einstürzen könnte, müssen die Einsatzkräfte bei der Rettung der beiden verschütteten Feuerwehrkameraden mit äußerster Vorsicht vorgehen. Foto: Michael Baar

Bei einer Explosion in einem Haus sind am Samstagvormittag fünf Personen verletzt worden. Zwei von ihnen wurden verschüttet. Einer der beiden Feuerwehrleute wurde am späten Nachmittag aus den Trümmern befreit und schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht. Der zweite Verschüttete konnte am frühen Abend nur noch tot aus den Trümmern geborgen werden.

Bei den Verletzten und dem 19 Jahre alten tödlich Verunglückten handelt es sich um Mitglieder der Lienener Feuerwehr . Diese war um 11.15 Uhr alarmiert worden. Im Gebäude am Diekesdamm 7 hatten Bewohner Gasgeruch festgestellt.

Herumfliegende Glassplitter und Trümmerteile

Als die Einsatzkräfte am Haus eintrafen, hatte ein Großteil der Bewohner das Gebäude bereits verlassen. Die Einsatzkräfte, so Kreisbrandmeister Ralph-Raphael Meier , hätten einen aus zwei Personen bestehenden Einsatztrupp ins Haus geschickt. Ein zweiter Einsatztruppe – ebenfalls mit Atemschutzausrüstung – habe vor dem Gebäude in Bereitschaft gestanden. Ebenso die weiteren Kameraden der Wehr. „Wir mussten kontrollieren, ob wirklich alle Bewohner das Haus verlassen hatten“, erläutert der Lienener im Gespräch mit dieser Zeitung die Aufgabe der beiden Kameraden, die zuerst ins Gebäude gegangen seien. Aus dem hätten sich noch mehrere Bewohner geholt, von denen einer ins Haus zurückgekehrt war, um seinen Hund zu retten.

Als sich das zweiköpfige Team anschließend auf die Suche nach der Ursache des Gasgeruchs in den Keller begab, kam es zu einer schweren Explosion. Durch herumfliegende Glassplitter und Trümmerteile wurden drei der Feuerwehrkameraden, die vor dem Haus standen, verletzt. „Aufgrund der Einsatzlage habe ich den Alarm dann ausgeweitet“, beschrieb Ralph-Raphael Meier das weitere Vorgehen.

Da nicht sicher war, ob das Haus einsturzgefährdet ist, mussten die Feuerwehrleute äußerst vorsichtig vorgehen. In den Mittagsstunden gelang es ihnen, Kontakt zu einem der beiden Vermissten aufzunehmen. „Wir haben ihn medizinisch versorgt, soweit das möglich war“, erläuterte Dr. Matthias Zahl die ersten Schritte aus ärztlicher Sicht. Die Rettung des unter Trümmern eingeklemmten Kameraden gestaltete sich sehr schwierig.

Pressekonferenz nach Unglück

Bis zum Beginn einer für 15.30 Uhr angesetzten Pressekonferenz war es den Einsatzkräften nicht gelungen, Kontakt zur zweiten verschütteten Person aufzunehmen. Die Mitglieder der Lienener Feuerwehr wurden nach und nach durch Kameraden von der Lengericher Wehr abgelöst und dann von einem PSU-Team (Psychosoziale Unterstützer) betreut, teilte der Kreisbrandmeister als Einsatzleiter mit. Dadurch werde den Kameraden geholfen, das Erlebte zu verarbeiten, fügte er hinzu.

Um die mögliche Gefahr eines Einsturzes des Gebäudes einschätzen zu können, wurde unter anderem ein Baufachberater des Technischen Hilfswerks gerufen. Erste Sicherungsmaßnahmen waren schon vorgenommen worden mit Blick auf die beiden im Keller vermissten Personen.

 

Explosion in Lienener Wohnhaus

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Keine Auffälligkeiten am Erdgasnetz

In dem Gebäude am Diekesdamm 7, in dem es am Samstag zu einer Explosion gekommen ist, gibt es keinen Gas-Hausanschluss. Das geht aus einer Pressemitteilung der Stadtwerke Lengerich (SWL) hervor. „Wir waren mit unseren Einsatzkräften vor Ort und haben das Erdgasnetz sowie gemeinsam mit der Feuerwehr die Kanalisation sowie die Umgebung auf Erdgaskonzentrationen geprüft, um eine Gefährdung durch Erdgas auszuschließen“, heißt es wörtlich in der Verlautbarung der Stadtwerke.

Das Ergebnis dieser umfangreichen Kontrollen: „Die Prüfung hat keine Auffälligkeiten am Erdgasnetz ergeben.“

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Gegen 16 Uhr machte sich die positive Nachricht breit, dass der eine verschüttete Kamerad aus dem Keller befreit und in ein Krankenhaus gebracht werden konnte. Am frühen Abend dann die traurige Gewissheit, dass der zweite verschüttete Helfer nur noch tot geborgen werden konnte.
Dass die Rettungskräfte in sehr großer Zahl nach Lienen geeilt waren, hatte einen Grund: „Uns wurden zehn Verletzte gemeldet“, erklärte Matthias Zahl, warum vier Notärzte, zwei Rettungshubschrauber und mehrere Rettungswagen im Einsatz waren. Die beiden Helikopter blieben bis zum späten Nachmittag in Lienen in Einsatzbereitschaft.

Betreuung von 17 Bewohnern

Die Explosion war im ganzen Ort zu hören, wie mehrere Augenzeugen berichteten. Die Trümmer des Gebäudes flogen bis zum Haus des Gastes, ein Teil landete im Dorfteich. Warum es zu diesem Unglück gekommen ist, blieb auch am Sonntag offen. „Die Rettung der beiden verschütteten Feuerwehrleute hat Vorrang“, unterstrich Johannes Tiltmann am Samstagnachmittag.

Die Ermittlungen zur Ursache des Unglücks würden danach aufgenommen. Zu diesem Zweck werde die Unglücksstelle beschlagnahmt, fügte der Pressesprecher der Kreispolizeibehörde Steinfurt hinzu.

Die insgesamt 17 Bewohner des Hauses, in dem sich fünf Wohnungen und der Treffpunkt des Ortsverbandes der Arbeiterwohlfahrt befanden, wurden zunächst in der Rettungswache der Feuerwehr betreut. Wie Bürgermeister Arne Strietelmeier mitteilte, würden die Betroffenen versuchen, bei Familienangehörigen oder Freunden unterzukommen. Die Gemeinde werde jedwede Hilfestellung geben, versicherte er.
Im katholischen Pfarrheim an der Bergstraße wurde ein Raum bereitgestellt, in dem sich die hinzugerufenen Notfallseelsorger um die betroffenen Menschen kümmerten. Als erster war Norbert Brockmann, Pastoralreferent der katholischen Kirchengemeinde, vor Ort und stellte das Pfarrheim zur Verfügung.

„Die Sanierung des Hauses war gerade erst abgeschlossen“, berichtete der Besitzer Rudolf Hunsche im Gespräch mit den Westfälischen Nachrichten. Eine Gasheizung gebe es im Haus nicht, es werde mit Öl geheizt, konnte er sich auch nicht erklären, wie es zu der Explosion gekommen war.

Der Umgang mit Trauer und Leid

Wie geht man damit um, wenn bei einem Einsatz, bei dem anderen Menschen geholfen wird, ein Kamerad ums Leben kommt? Die Freiwillige Feuerwehr Lienen muss seit Samstag eine Antwort auf diese Frage finden. Unterstützung gibt es dabei von den PSU-Teams des Verbandes der Feuerwehren.
Diese Unterstützer sind psychosozial geschulte Personen, unter ihnen Feuerwehrleute, Psychologen und Pfarrer. Das erläutert Raphael-Ralph Meier am Sonntag im Gespräch mit den Westfälischen Nachrichten. Am Samstag seien die ersten Gespräche geführt worden.
Am Sonntag wollen sich die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Lienen zwischen 15 und 15.30 Uhr im der Wache zum Kaffeetrinken treffen. Mit dabei die Mitglieder des PSU-Teams, die auch beim Dienstabend am heutigen Montag anwesend sein werden. Darauf weist Raphael-Ralph Meier – der Lienener ist Kreisbrandmeister und war am Samstag Einsatzleiter – hin.

Natürlich werde dann auch über die Einsatzfähigkeit gesprochen, stellt er auf Nachfrage der WN fest. Die könnte – mit Blick auf die Unwetterwarnung in Zusammenhang mit dem Orkantief Sabine – schneller gefragt sein als vielleicht gewünscht. „Es ist jedem freigestellt zu kommen, wenn der Melder geht“, betont Raphael-Ralph Meier. Bei den Gesprächen am Samstagabend habe er den Eindruck gehabt, dass nicht wenige bei einem solchen Einsatz zur Wache eilen würden. Auch durch solche Aktivitäten – Menschen in Not helfen – könnten die Geschehnisse vom Samstag ein Stück weit verarbeitet werden.

Im Ortskern ist es sehr still

Nur wenige Passanten sind am Sonntagmorgen unterwegs. Über den Ortskern scheint sich eine bleierne Stille gelegt zu haben.
Die Unglücksstelle ist mit Bauzäunen abgesperrt. An der Westseite stehen drei Grablichter. Sie wirken wie der hilflose Ausdruck der Trauer über das Unglück, das sich am Samstag am Diekesdamm ereignet hat. Ein Kamerad der Freiwilligen Feuerwehr Lienen, der Menschen helfen wollte, ist ums Leben gekommen.

An der Westseite stehen zwei Einsatzfahrzeuge der Polizei. Die Beamten warten auf die Kollegen der Kriminalpolizei, die die Unglücksursache ermitteln sollen. Auf der anderen Seite, am Rand des Dorfteichs, stehen drei Passanten. Ihre Gesichter drücken Fassungslosigkeit aus beim Blick auf die Unglücksstelle. Nur hin und wieder murmeln sie ein paar Worte. Was am Samstag dort geschehen ist, scheint unbegreiflich.

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