Hanna Schmedt hat zur Geschichte des Jägerhofes recherchiert
Plattdeutsch und Körperpflege auf dem Stundenplan

Lengerich -

Hanna Schmedt hat den Abriss des Jägerhofes zum Anlass genommen, in ihrem Privatarchiv zur Geschichte des Hauses zu recherchieren. Im Heimatkalender von 1930 ist sie auf einen Artikel gestoßen, der von einer ländlichen Bildungsstätte handelt, die zwischen 1925 und 1932 in dem alten Gemäuer untergebracht war.

Samstag, 15.02.2020, 07:54 Uhr aktualisiert: 17.02.2020, 18:26 Uhr
Eine historische Aufnahme des Jägerhofes, der ab 1925 als Volksschulheim diente, ehe die Einrichtung 1932 nach Tecklenburg verlegt wurde.
Eine historische Aufnahme des Jägerhofes, der ab 1925 als Volksschulheim diente, ehe die Einrichtung 1932 nach Tecklenburg verlegt wurde. Foto: Archiv Schmedt

Wer weiß das noch? Diese Frage stellt sich Hanna Schmedt zuletzt immer häufiger. Zweifellos: Mit ihren 101 Jahren hat sie vieles erlebt, was andere nur aus den Geschichtsbüchern kennen. Vor sich auf dem Esstisch hat sie etliche Zeitungsausschnitte, Fotos, Karten und Notizen liegen. Sie alle handeln vom Jägerhof, dessen letzte Reste nach dem Abriss im Januar gerade abgefahren werden. Bagger holen Fundamentsteine aus der Baugrube, eine Mühle verarbeitet die Steine direkt vor Ort zu Schotter.

Viele der Unterlagen, darunter zahlreiche WN-Artikel, hat Hanna Schmedts verstorbener Mann gesammelt. Rektor Friedrich Schmedt war ein leidenschaftlicher Volkskundler und seinerzeit auch Kreisheimatpfleger. Seit 1950 in Lienen im Schuldienst tätig, wurde ihm mit seiner Familie das beschauliche Dorf schnell zur zweiten Heimat, berichtet Hanna Schmedt.

Sie erhielt Anfang Oktober des vorigen Jahres eine Einladung als „Hundertjährige” zu der Festveranstaltung zum 100-jährigen Bestehen des Kultur- und Heimatvereins Westerkappeln. Bei der Vorbereitung auf diesen „Einsatz“ entdeckte sie im Archiv ihres verstorbenen Mannes den „Tecklenburger Heimatkalender 1930“, herausgegeben von F. Rohlmann , Velpe. „Als Vorsitzender des Heimatvereins Westerkappeln hatte Rohlmann 1920 mit der Anlage von Heimatbüchern begonnen. Bis zum Jahr 1937 schuf er jahrgangsweise einen unschätzbaren Fundus mit wertvollen Fotos, Zeichnungen und Berichten“, berichtet Hanna Schmedt.

Im Jahrbuch von 1930 fand sie den Artikel „Ländliche Volkshochschularbeit im Kreise Tecklenburg“, der sich mit dem Jägerhof befasst. Er gibt Aufschluss über ein fast vergessenes Kapitel Lienener Bildungsgeschichte:

„Wenn man auf dem alten Dietweg von Lengerich her nach Lienen kommt, hat man als erstes Haus zur linken Hand am Dorfeingang den früheren Gasthof Determann, der vor fünf Jahren in den Besitz der Anstalt Bethel übergegangen und als Volkshochschulheim umgebaut worden ist. Dieses Haus gehört der Jugend und in Sonderheit der Jugend unseres Kreises Tecklenburg. Dort sammeln sich im Winter junge Männer und im Sommer junge Mädchen zum gemeinsamen Leben und zur gemeinsamen Arbeit an den Fragen unserer Zeit. Wir leben ja in Jahren, in denen fast die ganze Welt anders werden will, als sie bisher war, und unser Landvolk kann nicht mehr abseits stehen und die Welt ihren Gang gehen lassen, sondern ist mitten hinein gezogen. Es gilt, das Leben in seiner Wirklichkeit zu erkennen, ohne dass man sich von Schlagwörtern blenden lässt, und es gilt, den jungen Menschen Wegweisung zu geben, wie sie ihr Leben gestalten können.”

Wörtlich heißt es in dem Bericht im Heimatjahrbuch: „Wir wollen dem ganzen Menschen etwas geben für Geist, Seele und Leib, und alles, was unsere jungen Bauern in sich aufnehmen. (...) Darum soll die Heimatsprache, die Heimatgeschichte und die Heimatwirtschaft Ausgangspunkt der Arbeit sein. Auch das Gemüt muss seine Nahrung haben. Darum singen wir, spielen und freuen uns am Abend. Wir vergessen auch nicht, dass nur in einem gesunden Leib eine ganz gesunde Seele leben kann. Darum turnen wir fleißig und üben unseren Leib und unseren Willen.“

Hanna Schmedt: „Das Volkshochschulheim wurde von Pastor Thiemann geleitet. Bedeutende Persönlichkeiten aus dem Tecklenburger Land gaben hier Unterricht. Neben Thiemann, der Geschichte, Deutsch und Religion unterrichtete, waren das Landesamtmann Bartling aus Lengerich für Landwirtschaft, Amtmann Hagedorn aus Lienen für Bürgerkunde. Dr. Lochte aus Lengerich für Volkswirtschaft und Lehrer Rohlmann aus Velpe für Heimatkunde, Oberlehrer Schallenberg aus Lengerich war für Plattdeutsch zuständig, Frau Pastor Smend aus Lienen für Gesang, Dr. Schneider aus Lienen für Körperpflege und Frau Pastor Thiemann aus Lienen für Rechnen und deutsche Grammatik.“

Zwei ehemalige Schülerinnen, Anna Altesellmeier aus Lienen und Hertha Frers aus Tecklenburg, erinnern sich in dem Jahrbuch und berichten mit Begeisterung von ihrer Zeit im Volkshochschulheim in den Jahren 1928 und 1929. Dazu holten sie Fotos hervor, zeigten ihre Hefte von den einzelnen Unterrichtsfächern. Stolz waren sie auf ihre blauen Leinenkleider, die sie selbst bestickt hatten. Es war für sie eine Art Schultracht, ein Ehrenkleid, das man gern trug. Beide kamen beim Erinnern ins Schwärmen. 1932 wurde das Volkshochschulheim nach Tecklenburg in die Nähe von Haus Marck verlegt.

Jetzt ist der Jägerhof mit seiner wechselvollen Vergangenheit zwar Geschichte. Hanna Schmedt hat dennoch die Hoffnung, „dass das Flair des Dorfes nicht weiter zerstört wird“.

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