Initiativen des Kaufmanns Hermann Kriege führten Lienen in die Moderne
Dorf mit städtischem Charakter

Lienen -

Ein Benzinmotor zur Unterstützung der Wassermühle, eine unterirdische Leitung zur Versorgung des Mahlwerks – der Kaufmann Hermann Kriege hat um die Jahrhundertwende viel dafür getan, dass Lienen bei den Schritten in die Moderne des 20. Jahrhunderts seine Nachbarorte abhängte.

Montag, 05.10.2020, 06:11 Uhr aktualisiert: 05.10.2020, 17:36 Uhr
Die Lienener Dorfstraße konnte sich schon 1899 anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Kriegervereins als „städtisch“ sehen lassen.
Die Lienener Dorfstraße konnte sich schon 1899 anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Kriegervereins als „städtisch“ sehen lassen. Foto: Archiv Spannhoff

„In Lienen is nix to fienen“ lautet ein plattdeutscher Spottvers aus dem 19. Jahrhundert, den die Bewohner der Nachbarorte geprägt haben. Für die Zeit seiner Entstehung mag an dem Ausspruch auch etwas dran gewesen sein. Allerdings machte Lienen bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Schritte in die Moderne und hängte seine Nachbarorte ab. In Wanderführern durch den Teutoburger Wald ist bis 1927 immer wieder vom „Dorf mit städtischem Charakter“ zu lesen. Aber wie kam Lienen zu diesem Ehrentitel?

Die Innovationen, die Lienens frühes städtisches Flair ausmachten, sind vor allem mit dem Namen des Kaufmanns Hermann Kriege verbunden. Dieser besaß auch die Püttkemühle am Dorfteich. Seit 1903 betrieb er diese – unterstützend zur Wasserkraft – mit einem Benzinmotor, weil der Teich oftmals nicht genügend Wasser für den Antrieb hatte. Ein solcher Motor war erst 15 Jahre zuvor erfunden worden.

Allerdings versuchte der findige Kaufmann zudem, dem Dorfteich mehr Wasser zuzuführen. Und zwar zapfte er dazu den Jelzenbach an. Über 500 Meter ließ er in etwa einem Meter Tiefe eine Leitung aus Zementrohren verlegen. Allerdings scheint diese Maßnahme nicht den gewünschten Erfolg gehabt zu haben, weshalb Kriege die Püttkemühle stilllegte und seinen Mahlbetrieb in das Gebäude der späteren „Farbenmühle Gersie“ an der Hauptstraße verlegte.

Dort wurde die Anlage mit einer Lokomobile als „Dampfmühle“ betrieben. Krieges umfangreiche Tiefbaumaßnahme wäre wohl gänzlich in Vergessenheit geraten, wäre man nicht in den 1970er-Jahren auf seine Zementrohrleitung gestoßen, die vom heutigen Industriegebiet kommend südlich des Anwesens Heiko Kriege verläuft. Sie querte dort die Straße und führte nördlich des alten Pastorats bis zum Teich.

Mit seiner Lokomobile in seiner neuen Dampfmühle betrieb Kriege bereits vor 1910 auch eine große Lichtmaschine (Generator), die Gleichstrom erzeugte. Zunächst versorgte Kriege das Hohe Haus und die Nachbarn mit Lichtstrom, dann das gesamte Dorf und schließlich schon vor dem Ersten Weltkrieges zudem die umliegenden Bauernhöfe.

Selbst Ober- und Niederdalhoff erhielten von Krieges Mühle aus Strom. Auf den Höfen konnten somit auch Dreschkästen elektrisch angetrieben werden. Kriege hatte also ein eigenes Elektrizitätswerk für das Dorf in­stalliert. Wenn das Lichtnetz wegen der Inanspruchnahme durch die Motoren seines Mahlbetriebs überlastet war und deshalb die Lampen in den Häusern flackerten, sagten die Lienener: „Hermann wippket“.

Außer der Eigenversorgung mit elektrischem Strom hatte Lienen bereits 1907 die erste Kanalisationsleitung in der Hauptstraße verlegen lassen. Diese wurde erst im Jahr 1975 durch eine neue ersetzt. Bevor diese erste Kanalisation eingerichtet werden konnte, mussten die Lienener Anwohner aber zunächst einmal ihre Misthaufen vor den Häusern entfernen.

Seitdem gab es in Lienen an der Hauptstraße auch Bürgersteige. Das machte ebenfalls einen städtischen Eindruck.

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