Weihnachtsbäume im Tecklenburger Land
Erste Tanne stand im Hohen Haus

Lienen/Ladbergen -

Weihnachtsbäume sind heute ein unverzichtbarer Teil des Brauchtums zu den Feiertagen. Das war früher nicht so. Die erste dokumentierte geschmückte Tanne stand 1839 im Hohen Haus in Lienen.

Montag, 14.12.2020, 06:11 Uhr aktualisiert: 14.12.2020, 06:20 Uhr
Der Weihnachtsbaum, Holzstich von August Gaber (1823-1894) nach einer Zeichnung von Ludwig Richter (1803–1884), aus: Der Weihnachtsbaum. Gewidmet der deutschen Jugend von Ferdinand Schmidt, Leipzig 1851
Der Weihnachtsbaum, Holzstich von August Gaber (1823-1894) nach einer Zeichnung von Ludwig Richter (1803–1884), aus: Der Weihnachtsbaum. Gewidmet der deutschen Jugend von Ferdinand Schmidt, Leipzig 1851 Foto: Christof Spannhoff

Er ist heute vielleicht das wichtigste Symbol für Weihnachten – und das Fest ohne ihn kaum denkbar: der Weihnachtsbaum. Allerdings gibt es den geschmückten immergrünen Vertreter in Westfalen noch gar nicht so lange, wie man meinen könnte.

Ein gabentragender Baum war bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in einigen Städten Mitteleuropas bekannt. Er entstammte ursprünglich dem Zunftwesen. Der Nadelbaum war damals noch nicht mit Lichtern, sondern nach einem Bericht aus dem Jahr 1605 mit Rosen aus buntem Papier, Äpfeln, Oblaten und Zuckerwerk geschmückt.

Schon eine Kritik an einem übermäßigen Weihnachtsbaum-Brauchtum, die in der Mitte des 17. Jahrhunderts formuliert wurde, macht deutlich, dass Weihnachtsbäume vor allem für die Kinder hergerichtet wurden. Wenn er auch im zünftischen Rahmen entstanden zu sein scheint, übernahmen zunächst der Adel und das Bildungsbürgertum den Tannenbaum in die weihnachtliche Feier im Kreis der Familie.

Am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Brauch dann zunehmend von Bürger- und Handwerkerfamilien aufgegriffen. In Westfalen war der Weihnachtsbaum um diese Zeit noch auf die Bevölkerung vor allem in evangelischen Gebieten und die katholische Oberschicht begrenzt. Erst in der Zeit des Ersten Weltkrieges übernahm ihn auch die katholische Landbevölkerung des Münsterlandes.

Im Tecklenburger Land kamen Weihnachtsbäume vor 1900 nur vereinzelt vor. Ein erster recht früher Beleg stammt aus Lienen. Dort soll die Kaufmannsfamilie Kriege bereits 1839 einen Christbaum im Hohen Haus aufgestellt haben. Auf diese Idee kam sie vermutlich durch ihre weitreichenden Handelsbeziehungen.

Ein weiterer früher Weihnachtsbaum wird 1886 für Ladbergen erwähnt. Zur Verbreitung des Weihnachtsbaumes auf dem Land trugen vor allem Pastöre, Kaufleute, Schmiede, Apotheker und Wirte bei, die ihn als Werbemittel nutzten.

Entscheidend für die Übernahme des Weihnachtsbaumes in Westfalen war aber der Erste Weltkrieg, in dem die Soldaten aus den verschiedenen Regionen mit­ein­ander in engen, längeren Kontakt kamen, sodass ein kultureller Austausch stattfinden konnte.

So heißt es in einem Bericht aus Rheine-Catenhorn: „Der Baum bürgerte sich nach dem Ersten Weltkrieg hier ein. Die Soldaten hatten ihn bei der Truppe kennengelernt. Ich selbst stand zum ersten mal unter dem Weihnachtsbaum 1917 als Soldat etwa 2000 Meter hoch in einer wilden Bergschlucht der Karpathen. Es brannte an der etwa fünf Meter hohen Fichte vielleicht ein Dutzend Kerzen, die aber sehr bald abgenommen wurden, um später noch unsere Unterstände erleuchten zu können.“ Gerade der Weihnachtsbaum und das Weihnachtsfest wurden von der Obersten Heeresleitung zur Motivationssteigerung der Soldaten eingesetzt.

Die Ausbreitung des Weihnachtsbaumes wurde auch dadurch befördert, dass ab 1900 in Westfalen vermehrt Tannen oder Fichten in den Wäldern und Schonungen angepflanzt wurden. Der Weihnachtsbaum kam also erst jetzt als erschwinglicher Artikel auf den Markt und konnte somit auch breitere Bevölkerungskreise erreichen.

Auch in die evangelische Kirche in Lienen hielt der Weihnachtsbaum erst in den 1920er Jahren Einzug. Der damalige Lienener Pfarrer Otto Smend (1888 - 1978, seit 1919 zweiter Pfarrer, seit 1929 erster Pfarrer, 1958 in Ruhestand) war es, der den ersten Christbaum in Verbindung mit einem Krippenspiel im Weihnachtsgottesdienst in der Kirche aufstellen ließ.

Vermutlich wurde diese Neuerung 1922 nach der Renovierung des Gotteshauses eingeführt. Der Baum war zunächst mit bunten Kugeln und Kerzen bestückt gewesen, die bald durch weiße Kerzen, Engelshaar und Silber-Lametta ersetzt wurden. Aus zunächst nur einem Baum im Chor der Kirche wurden bald zwei. In den 1960er Jahren kehrte man wieder zu schlichterem Baumschmuck aus roten Kugeln oder Äpfeln und Strohsternen zurück.

Pastor Smend stieß anfänglich allerdings auf Widerstand. Es wurde eingewandt, dass in ein reformiertes Gotteshaus weder Kreuz noch Kerzen und schon gar kein Baum gehörten. Smend argumentierte allerdings damit, dass in Westfalen seit 1835 die protestantische Union eingeführt sei und es damit keine inner-konfessionellen Unterschiede im Protestantismus mehr gebe.

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