Dehoga-Geschäftsführerin Renate Dölling zur Situation der Branche in Corona-Zeiten
Perspektivlosigkeit führt zu Frustration

Lienen/Tecklenburger Land -

Die Lage im Gastgewerbe ist alles andere als rosig. Der zweite Lockdown hat die Betriebe hart getroffen. Jeder vierte der 12 000 befragten Betriebe im Bereich des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes zieht die Aufgabe des Betriebes in Erwägung. Im Interview bezieht Dehoga-Geschäftsführerin Renate Dölling Stellung.

Freitag, 22.01.2021, 06:19 Uhr
Das Gastgewerbe hofft, die Gäste im Frühling wieder verwöhnen zu können.
Das Gastgewerbe hofft, die Gäste im Frühling wieder verwöhnen zu können. Foto: Münsterland e.V.

Die gastgewerblichen Betriebe sind in der zwölften Lockdown-Woche, doch die November-Hilfen noch nicht überall angekommen. Laut einer Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes ( Dehoga ) von Anfang Januar fürchten 75,5 Prozent der Gastronomen und Hoteliers um ihre Existenz. Und jeder vierte der 12 000 befragten Betriebe zieht konkret die Betriebsaufgabe in Erwägung. Zur aktuellen Lage der Restaurants, Hotels und Veranstalter im Münsterland äußert sich Renate Dölling , Geschäftsführerin des Dehoga Münsterland, im Interview mit dem Verein Netzwerk Münsterland Qualität, dem über 70 Lebensmittelhersteller und Gastronomiebetriebe angehören.

Gastgewerbe und Veranstaltungsbranche leiden sehr unter der Krise. Wissen Sie von Gastronomie-Betrieben im Münsterland, die schließen mussten?

Renate Dölling: Leider ja. Es gibt Betriebe, bei denen der Inhaber Privat- und Betriebsinsolvenz anmelden musste. Problematisch ist es vor allem, wenn Unternehmer zwei oder drei Betriebe als Einzelunternehmen haben, denn dann kommen sie trotzdem nur einmal in den Genuss der staatlichen Fördermittel. Probleme haben beispielsweise auch die Brauerei-Gaststätten, da die Politik davon ausgeht, dass diese lediglich 20 Prozent Umsatz aus der Gastronomie erwirtschaften. So erhalten diese Betriebe dann gar keine Förderung.

Corona-Regeln bis 14. Februar

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  • Die Menschen in Deutschland müssen sich mindestens bis zum 14. Februar auf weitere Beschränkungen einstellen. Auf diese Maßnahmen haben sich Bund und Länder am 19. Januar geeinigt. Was in NRW jetzt gilt:

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  • Der Lockdown wird bis zum 14. Februar verlängert. Die bisher bis zum 31. Januar befristeten Schließungen der meisten Geschäfte, Restaurants, Theater, Museen und Freizeiteinrichtungen gilt also weiterhin bis zum 14. Februar.

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  • Verschärfte Maskenpflicht: In Bus und Bahn sowie beim Einkaufen müssen die besser schützenden FFP2-Masken oder OP-Masken getragen werden - Alltagsmasken aus Stoff reichen nicht mehr aus. Ab wann die neuen Regeln gelten, entscheiden die Bundesländer selbst. In NRW gilt die verschärfte Maskenpflicht ab Montag (25.1.).

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  • „Soweit Kinder unter 14 Jahren aufgrund der Passform keine medizinische Maske tragen können, ist ersatzweise eine Alltagsmaske zu tragen“, heißt es in der neuen, ab Montag (25.1.) gültigen Fassung der Coronaschutz-Verordnung von NRW. Kinder bis zum Grundschulalter sind weiter von der Maskenpflicht ausgenommen. Wo man keine OP- oder FFP2-Maske tragen muss, gelten weitgehend die bisherigen Regeln für normale Alltagsmasken. Die muss man zum Beispiel weiter auf Spielplätzen benutzen.

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  • Das Land NRW hat die sogenannte 15-Kilometer-Regel nach wenigen Tagen für die vier zunächst betroffenen Kreise wieder aufgehoben. Galt zuletzt die Kennzahl 200 bei der sogenannten 7-Tages-Inzidenz als Schallgrenze für rigorose Maßnahmen wie zum Beispiel die 15-Kilometer-Regelung, müssen die Kreise und kreisfreien Städte jetzt auch bei niedrigeren Zahlen individuelle Maßnahmen prüfen, wenn sie nicht ein Absinken unter die Zahl 50 bis zum Ende des Lockdowns am 14. Februar erwarten.

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  • Die Kontaktbeschränkungen bleiben bestehen: Treffen jenseits des eigenen Haushalts sind weiterhin nur mit einer weiteren Person erlaubt.

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  • Die drastischen Kontaktbeschränkungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie gelten in Nordrhein-Westfalen laut Schutzverordnung im öffentlichen Raum. Weiterhin sind Treffen jenseits des eigenen Haushalts nur noch mit einer weiteren Person erlaubt. „Zu betreuende Kinder“ dürfen mitgebracht werden. Der Appell der Politik ist aber klar, dass die Menschen auch in den eigenen vier Wänden ihre Kontakte konsequent beschränken sollen. Ministerpräsident Laschet forderte auf, "sich nicht jeden Tag eine andere Person zu suchen".

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  • Home Office müssen die Arbeitgeber nun überall dort, wo es möglich ist, ermöglichen. Das bedeutet, dass Arbeitgeber verpflichtet sind, es zu begründen, wenn sie Arbeitnehmern diese Möglichkeit nicht bieten. Ein Klagerecht soll mit dieser Verordnung, die ab dem 27. Januar gilt, aber nicht verbunden sein, so der Bundesarbeitsminister Hubertus Heil. 

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  • Gestrichen wird in NRW ab dem 25.1. das allgemeine Alkoholverbot in der Öffentlichkeit. Lediglich der Verkauf ist zwischen 23 Uhr und 6 Uhr verboten. In Bayern war das Alkoholverbot in der Öffentlichkeit wenige Tage zuvor gekippt worden. Auch in NRW hatte es nach Medienberichten rechtliche Bedenken gegeben.

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  • Die neue Coronaschutz-Verordnung für NRW stellt strengere Regeln für Religionsgemeinschaften auf, was das Abhalten von Gottesdiensten angeht. Sie müssen den Behörden unter anderem gemeldet werden. Zuletzt hatte es immer wieder Ärger um Gottesdienste freikirchlicher Gemeinden in NRW gegeben.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Schulen bleiben grundsätzlich geschlossen, oder die Präsenzpflicht bleibt ausgesetzt. Bund und Länder hatten am 19. Januar beschlossen, dass Kitas und Schulen bis zum 14. Februar grundsätzlich geschlossen bleiben beziehungsweise die Präsenzpflicht ausgesetzt wird.

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  • Auch Kindertagesstätten sollen für die Fortdauer des Lockdowns bis zum 14. Februar geschlossen bleiben. In NRW gibt es bereits seit dem 11. Januar nur noch einen eingeschränkten Betrieb, die Kitas bleiben aber grundsätzlich geöffnet. Das soll jetzt so bleiben: Die Landesregierung hat angekündigt, dass für die Kitas in NRW weiter die bisherige Strategie gelte, sie im "eingeschränkten Pandemiebetrieb" offen zu halten.

    Für Eltern werden zusätzliche Möglichkeiten geschaffen, für die Betreuung der Kinder im genannten Zeitraum bezahlten Urlaub zu nehmen. 

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  • Das Land NRW hat am Mittwoch (20. Januar) einen Impfstopp in Krankenhäusern verhängt, die mit Biontech-Impfstoff versorgt werden. Grund seien Lieferprobleme, heißt es in einer E-Mail des Gesundheitsministeriums, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Seit dem 18. Januar wird in den NRW-Kliniken das besonders gefährdete Personal geimpft. 

    Auch sollten die Impfzentren den Betrieb aufnehmen und zunächst alle über 80-Jährigen, zuhause lebenden Menschen impfen - dies wird aufgrund der Lieferverzögerung nun um eine Woche verschoben.

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  • Für Millionen Sporttreibende in den Vereinen geht mit den Beschlüssen von Bundesregierung und Länderchefs vom Dienstag das Warten auf die Wiederaufnahme des Trainings- und Wettkampfbetriebs bis zumindest in den Februar weiter.

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  • Die Profiligen indes dürfen ohne Zuschauer und mit strengen Hygienekonzepten weiterspielen. In enger Taktung will etwa der Fußball sein Programm mit Bundesliga, DFB-Pokal und Europacup im Winter fortsetzen, auch wenn zuletzt immer wieder Coronafälle nachgewiesen wurden.

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  • Das Ziel von Merkel und den Regierungschefs der Länder ist weiterhin, zu einer 7-Tage-Inzidenz je 100 000 Einwohner von unter 50 zu kommen. Dies gewinne nochmals an Bedeutung durch die entdeckte Mutation des Coronavirus, die sich schneller verbreite. 

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Ende Oktober waren die November-Hilfen in Aussicht gestellt worden. Es scheint aber Betriebe zu geben, die Mitte Januar noch kein Geld gesehen haben?

Döllling: Es ist ganz unterschiedlich und das macht es so schwierig. Bei manchen ging es ganz schnell mit der Bewilligung und Überweisung, andere haben noch gar kein Geld erhalten. Ein großes Problem ist die Unübersichtlichkeit, denn die Bedingungen für die Förderungen haben sich im Januar wieder geändert. Als Überblick: Es gab die Soforthilfen im Frühling, im Sommer und Herbst dann die Überbrückungshilfe 1 und 2, zudem die November- und Dezemberhilfe. Die haben alle eigene Konditionen. Bei der Überbrückungshilfe 3 ab Januar hat sich wieder vieles geändert. Sogar die Steuerberater und Rechtsanwälte, die die Anträge stellen müssen, blicken mittlerweile nicht mehr durch die Details aller Richtlinien durch.

Erhalten Sie Rückmeldungen ihrer Mitglieder, ob man sich von der Politik im Stich gelassen fühlt?

Dölling: Von unseren hiesigen Betrieben höre ich, dass, wenn die versprochenen Hilfen fließen, die Politik dem Gastgewerbe tatsächlich geholfen hat. Als Verband halten wir viel Kontakt zur Landes- und Bundespolitik und die hört auch zu.

Welche Sorgen haben die Gastronomen, abgesehen von den finanziellen Nöten? Ist beispielsweise die Zahl der neuen Auszubildenden gesunken?

Dölling: Zuallererst sind wir ja Gastgeber und möchten unsere Gäste wieder verwöhnen. Für die Chefs und Mitarbeiter ist es natürlich extrem frustrierend, zuhause zum Nichtstun verdammt zu sein. Diese Perspektivlosigkeit führt einfach zu Frustration. Aber wir sind auch Optimisten und glauben, dass in unserer Branche wieder viel los sein wird, wenn die Menschen wieder ausgehen dürfen. Ich finde es toll, dass viele junge Menschen nach wie vor begeistert sind vom Gastgewerbe. Tatsächlich haben unsere Betriebe auch im August Azubis aufgenommen. Aber: Ja, ein Teil der Ausbildungsplätze ist noch frei.

In den Städten funktionieren die Liefer- und Abholservices gut. Helfen solche Angebote den Betrieben aus der Misere?

Dölling: In größeren Orten oder einer Stadt wie Münster wird das gut angenommen, aber auch da ist es oft nur der Tropfen auf dem heißen Stein. Ich denke aber, dass ein Großteil der Betriebe die Lieferservices beibehalten wird, da die Menschen sich daran gewöhnt haben. Im ländlichen Raum sieht es wieder ganz anders aus. Da muss man teilweise kilometerweit fahren, um etwas abholen zu können.

Was ist Ihre Hoffnung für die nächsten Monate?

Dölling: Wenn feststeht, dass wir wieder öffnen dürfen, bin ich guter Dinge, dass die Betriebe wieder so Umsatz machen, dass sie wirtschaftlich weitergeführt werden können. Was ist aber mit den Clubs, Bars, Caterern und Discotheken? Die Veranstaltungsbranche ist deutlich härter getroffen. In Münster ist zum Beispiel die ganze Szene rund um den Hafen bedroht. Da gab es schon kreative Aktionen wie Crowd-Funding, um das betriebliche Überleben zu sichern.

Man hört zum Glück auch vom Gegenteil: Existenzgründung während der Krise, beispielsweise zwei Restaurants in Münster.

Dölling: Ja, es gibt auch solche tollen Nachrichten. Knopfs Knolle und die Beetschwestern haben sich das in Münster getraut. Die Gastrolandschaft verändert sich jetzt und darauf reagieren unsere Mitglieder. Wir müssen ja nach vorne blicken und die meisten Betriebe haben schon viele Ideen, wie sie sich nach der Krise aufstellen.

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