43 Grabsteine auf dem Friedhof umgelegt
Aktion löst eine heftige Kritik aus

Lienen-Kattenvenne -

Waren es Vandalen, die 1988 zahlreiche Grabsteine auf dem alten Friedhof umgelegt haben? Oder war es eine rechtmäßige Aktion? Auf jeden Fall sorgte die Geschichte damals für viel Ärger.

Sonntag, 31.01.2021, 19:15 Uhr aktualisiert: 02.02.2021, 17:06 Uhr
43 Grabsteine sind auf dem alten Friedhof von zwei Presbytern umgelegt worden. Die Wellen der Empörung sind damals hochgeschlagen. Sogar die Polizei hat ermittelt.
43 Grabsteine sind auf dem alten Friedhof von zwei Presbytern umgelegt worden. Die Wellen der Empörung sind damals hochgeschlagen. Sogar die Polizei hat ermittelt.

Das hat für Ärger und Aufregung gesorgt. An einem Sonntag im März 1988 wurden sie entdeckt: 43 umgelegte Grabsteine. War man zunächst von Verwüstungen ausgegangen, stellte sich schnell heraus: Es war ein gezielte Aktion von Presbytern, da die Steine nicht mehr standfest waren. In den Westfälischen Nachrichten hieß es damals:

„Da fehlen mir die Worte“, schimpft eine alte Frau. „Das grenzt an Grabschändung“, erzürnt sich ein Mann. Anlass für diese harsche Kritik ist eine überraschende Aktion auf dem alten Friedhof. Dort sind 43 Grabsteine (teilweise samt Sockel), die wackelten oder umzufallen drohten, kurzerhand umgelegt worden. Dabei ist mindestens ein Grabstein schwer beschädigt worden.

Wie ist es dazu gekommen? Für die evangelische Kirchengemeinde Kattenvenne bezieht Pfarrer Friedrich Lötters Stellung: „Alle wackligen Grabsteine müssen entweder mit rotem Trassierband abgesichert oder ganz umgelegt werden.“ Wäre die erste Lösung favorisiert worden, so Lötters, hätte der alte Friedhof gesperrt werden müssen.

„Dass es so viele waren, damit hat niemand gerechnet“, sagt Lötters. Die Nutzungsberechtigten haben jetzt drei Monate Zeit, den Schaden zu beheben. Die Gartenbau-Berufsgenossenschaft übernimmt nach den Worten des Pfarrers keine Haftung, wenn es durch wacklige Grabsteine zu Unfällen kommt. Außerdem sei nach einer Regionaltagung für Friedhofsmitarbeiter, die in Kattenvenne abgehalten wurde, bei einer Begehung auf dieses Problem besonders aufmerksam gemacht worden.

Auf dem neuen Friedhof ist die Standfestigkeit der Grabsteine noch nicht geprüft worden. Das wird später folgen. Im nächsten Jahr will Lötters die Grabstein-Überprüfung rechtzeitig im Gemeindebrief „Ölbergpost“ ankündigen.

Einmal pro Jahr, so Franz Tech, Leiter des Kreiskirchenamtes in Lengerich, seien Friedhofsträger (in der Regel die Kirche) und Presbyterium laut Friedhofsordnung verpflichtet, eine „Rüttelprobe“ zu machen. Zusätzlich obliege dem Nutzungsberechtigten eine Sicherungspflicht. Grabsteine müssen danach so sicher aufgestellt sein, dass sie weder wackeln noch umfallen können.

Viele Kattenvenner Bürger vermögen jedoch nicht zu verstehen, warum sie nicht vorher schriftlich von der bevorstehenden Aktion in Kenntnis gesetzt wurden und warum die Umlegung zu diesem ungünstigen Zeitpunkt (Ferienbeginn und bevorstehendes Osterfest) erfolgte. Mangelndes Fingerspitzengefühl wurde besonders beklagt.“

Solch eine Aktion habe ich in meiner ganzen Polizeipraxis noch nicht erlebt.

Polizei-Chef Helmut Paschen

Die in der Bevölkerung ungewöhnlich scharf kritisierte Nacht- und Nebelaktion von zwei Presbytern hatte ein Nachspiel. Die Polizei in Lengerich nahm Ermittlungen auf wegen des Verdachts eines möglichen Verstoßes gegen Paragraf 304 des Strafgesetzbuches „Gemeinschädliche Sachbeschädigung“.

Dazu hieß es in dieser Zeitung: „Aufgrund eines Anrufs eines Kattenvenner Bürgers am Sonntag um 6.50 Uhr sind die Beamten tätig geworden. Zunächst ist gegen Unbekannt ermittelt worden. Nach dem WN-Bericht konzentriert sich der Vorgang auf die Verursacher der umstrittenen Umlegeaktion. Ob eine Rechtswidrigkeit vorliegt, so Polizei-Chef Helmut Paschen in einem Gespräch mit den WN, müsse die Staatsanwaltschaft Münster prüfen. Voraussichtlich stellt man dort das Verfahren ein. Paschen („Solch eine Aktion habe ich in meiner ganzen Polizeipraxis noch nicht erlebt“) war zu Beginn der Ermittlungen von einem verwüsteten Friedhof ausgegangen.

In Paragraf 304 heißt es: Wer rechtswidrig Gegenstände der Verehrung einer im Staate bestehenden Religionsgemeinschaft oder Sachen, die dem Gottesdienste gewidmet sind, oder Grabmäler, öffentliche Denkmäler, Naturdenkmäler, Gegenstände der Kunst, der Wissenschaft oder des Gewerbes, welche in öffentlichen Sammlungen aufbewahrt werden oder öffentlich aufgestellt sind, oder Gegenstände, welche zum öffentlichen Nutzen oder zur Verschönerung öffentlicher Wege, Plätze oder Anlagen dienen, beschädigt oder zerstört, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Der Versuch ist strafbar.

Für Pfarrer Friedrich Lötters („Ich verstehe den Ärger der Leute“) ist die Rechtslage dagegen eindeutig. Laut Friedhofsordnung seien alle Nutzungsberechtigten verpflichtet, die Grabsteine fachgerecht instand zu halten. Eine jährliche Überprüfung samt „Rüttelprobe“ sei laut Gartenbau-Berufsgenossenschaft fällig. Wackelten Grabsteine, müsse eine Absicherung mit Trassierband oder ein umlegen erfolgen. Vor Jahren, so Lötters, habe ein Kind durch einen umkippenden Grabstein einen Beinbruch erlitten.

Nach der samstäglichen Friedhofsaktion haben am Montag alle betroffenen Nutzungsberechtigten Post von der evangelischen Kirchengemeinde erhalten. In den Schreiben informierte man die einzelnen Familien über das Umlegen des Grabsteins. Drei Monate sind jetzt Zeit, den Schaden zu beheben. Von Schadensersatz will der evangelische Pfarrer nichts wissen. Auch hier sei die Rechtslage laut Friedhofsordnung eindeutig.

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