Am Montag jährt sich die Explosion zum ersten Mal / Gedenken in der Kirche
„Wie konnte so etwas passieren?“

Lienen -

Unvergessen ist der 8. Februar 2020, nicht nur bei den Mitgliedern der Lienener Feuerwehr. Vor einem Jahr kam ein junges Mitglied der Wehr bei einem Rettungseinsatz ums Leben. Die Aufarbeitung und Verarbeitung des Geschehens ist in Corona-Zeiten nicht einfach. Die Feuerwehr-Führung wird sich im Gedenken an einem Erinnerungskreuz treffen, die evangelische Kirchengemeinde öffnet die Kirche zum stillen Erinnern.

Freitag, 05.02.2021, 17:15 Uhr aktualisiert: 05.02.2021, 17:18 Uhr
Ein Holzkreuz erinnert an den bei der Explosion ums Lebe gekommenen Feuerwehr-Kameraden.
Ein Holzkreuz erinnert an den bei der Explosion ums Lebe gekommenen Feuerwehr-Kameraden. Foto: msc

Es war eine gewaltige Explosion, die am Vormittag des 8. Februar 2020 weit über den Lienener Ortskern hinaus zu hören und zu spüren war und den Ort bundesweit in die Schlagzeilen brachte. War zunächst nur von mehreren verletzten und zwei verschütteten Feuerwehrmännern die Rede, wurde am späten Nachmittag zur traurigen Gewissheit, dass der 19-jährige Stefan M. bei dem Einsatz im Keller des zuvor evakuierten Hauses die Explosion nicht überlebt hatte. Nach langem Hin und Her begann kurz vor Weihnachten der Abriss der Ruine. Inzwischen sind auch die letzten Trümmer so gut wie beseitigt. Auf der anderen Straßenseite des Diekesdamms erinnert ein schlichtes Holzkreuz, an dem in Gedenken an Stefan M. immer noch Kerzen und Blumen abgelegt werden, an den Unglückstag.

Gedenken in kleinem Rahmen

An diesem Holzkreuz wird sich die Feuerwehr-Führung, stellvertretend für alle Kameraden der Löschzüge Lienen und Kattenvenne, zu einem Gedenken einfinden. „Da wegen Corona keine öffentlichen Veranstaltungen möglich sind, haben wir diesen kleinen Rahmen gewählt“, erläutert Gemeindebrandinspektor Eckhard Ehmann .

Gleichwohl soll auch die Öffentlichkeit, sprich jeder Bürger und besonders all jene, die Stefan M. gekannt haben, die Möglichkeit für eine Schweigeminute an einem zentralen Ort erhalten – in der evangelischen Kirche.

Dazu schreibt Pfarrerin Verena Westermann: „Mit einem lauten Knall war auf einmal vieles anders. Ein Schock überfiel die Bevölkerung unseres Dorfes als klar wurde, dass ein junger Feuerwehrmann im Einsatz ums Leben gekommen und seine Kameraden körperlich oder seelisch verletzt waren. Wir haben um sie gebangt.

Mit einem lauten Knall war auf einmal vieles anders.

Pfarrerin Verena Westermann

So viele Menschen zeigten großes Mitgefühl mit der Familie und der Freiwilligen Feuerwehr und haben es vielfältig zum Ausdruck gebracht. So viele haben Anteil genommen in einem ersten ökumenischen Gottesdienst in der evangelischen Kirche, bei der Trauerfeier auf dem Friedhof und dem ökumenischen Gottesdienst für die Rettungskräfte in der Reithalle. Bei all der Tragik – wie gut tat so viel Solidarität.“

Noch immer stehe die Frage im Raum: Wie konnte das geschehen? Das Unbegreifliche bewege noch immer, weiß Verena Westermann. Eine endgültige Antwort darauf konnten bislang auch die Ermittlungsbehörden nicht geben. Eine zur Tatzeit 17-Jährige, deren DNA-Spuren an der Gasflasche gesichert worden waren, wurde nach mehrwöchiger Haft wieder entlassen, da sich der Verdacht gegen sie nicht erhärtet hatte.

In der evangelischen Kirche soll am Montag zwischen 10 und 20 Uhr jeder die Gelegenheit haben, „einfach still zu werden, zu beten, etwas aufzuschreiben, ein Teelicht anzuzünden“. Dazu werde ein Gebet und ein Bibelwort ausgelegt und in Absprache mit der Familie ein Bild von Stefan aufgestellt.

Die Pfarrerin bittet darum, größere Menschenansammlungen zu vermeiden. In den Nachmittags- und Abendstunden werden auch Ansprechpartnerinnen und -partner da sein. „Gerne hätten wir wieder einen ökumenischen Gottesdienst gefeiert. Aufgrund der Corona-Situation und der vielen zu erwartenden Menschen ist das leider nicht möglich.“

Das Unglück ist in der Feuerwehr immer noch präsent

Wie sich das Unglück bis heute auswirkt und wie die Feuerwehr ein Jahr danach mit den Folgen umgeht, dazu beantwortete Gemeindebrandinspektor Eckhard Ehmann Fragen der WN-Redaktion.

 

Wie geht es den bei dem Unglück verletzten Kameraden heute? Sind alle wieder voll einsatzfähig?

Eckhard Ehmann: Bei den drei Kameraden, welche beim Unglück schwere Verletzungen davontrugen, können wir heute glücklicherweise weitgehend Entwarnung geben. Allerdings sind zwei Kameraden noch immer innerhalb eines langwierigen Heilungsprozesses, welcher noch nicht endgültig abgeschlossen ist. So konnten diese beiden Kameraden erst wieder zum Jahreswechsel ihre reguläre Arbeit aufnehmen. Eine volle Einsatzfähigkeit ist dementsprechend noch nicht erreicht.

Ist das Ereignis immer noch dominant in der Feuerwehr? War eine gemeinsame Aufarbeitung in Corona-Zeiten überhaupt möglich?

Ehmann: Natürlich ist das Unglück noch immer präsent und allgegenwärtig innerhalb der Feuerwehr. Die Aufarbeitung begann zeitnah nach dem Unglück. Das war damals noch mit der gesamten Mannschaft möglich und konnte darauf aufbauend – Corona-gerecht – in Einzelgesprächen fortgeführt und vertieft werden. Diese immens wichtige gemeinschaftliche Aufarbeitung ist jedoch noch nicht abgeschlossen und wird deswegen auch zukünftig einen gewichtigen Platz in der Wehr einnehmen.

Was ist im Lockdown noch gelaufen? Wie ist die Stimmung in den Löschzügen?

Ehmann: Auch wir sind natürlich nicht vom Lockdown verschont geblieben. so haben wir als Wehrleitung bereits im Februar 2020 im Einklang mit der jeweils geltenden Corona-SchVO den aktiven Übungsdienst                   ausgesetzt, um weiterhin die   Einsatzfähigkeit der Feuerwehr und den Gesundheitsschutz unserer Kameraden zu gewährleisten. Dabei ist verständlicherweise – trotz einer Vielzahl von digitalen Übungsdiensten – die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Pandemie auch in den Löschzügen groß, um den so wichtigen persönlichen Kontakt zwischen den Kameraden wieder aufnehmen zu können.

Die Anteilnahme aus der Gemeinde hat uns in dieser schweren Zeit den Rücken gestärkt.

Gemeindebrandinspektor Eckhard Ehmann

Was haben die Solidaritätsbekundungen aus der Gemeinde und dem Rest der Republik bewirkt? Hilft so etwas?

Ehmann: Insbesondere die Anteilnahme aus der Gemeinde hat uns in dieser schweren Zeit den Rücken gestärkt.

Hat das Unglück auch Folgen für bestimmte Ablauf-Schemata bei Einsätzen, um Risiken weiter zu minimieren? Würde ein solcher Einsatz heute anders ablaufen?

Ehmann: Obwohl beim Einsatz der Feuerwehr gewisse Grundsituationen immer wieder besprochen und vorbereitet werden können, so ist es – aufgrund gänzlich unterschiedlicher Einsatzge-                                     schehen – schlicht unmöglich, bei den meisten Einsätzen nach einem bestimmten Schema zu arbeiten. Die Antwort auf die Frage, was wir aufgrund eines so grausamen und heimtückischen Angriffs auf das Leben von Kameraden zukünftig beachten könnten, kann dabei ebenfalls nicht einfach ausfallen. Die Feuerwehr befindet sich dabei in einem ständigen Abwägungsprozess, welche Vorgehensweise bei nicht stets überschaubaren Risiken unter Berücksichtigung des Schutzes sowohl der Bürger als auch der Kameraden angemessen erscheint. Diese Herangehensweise war stets und wird auch zukünftig unser Maßstab sein, den wir nach bestem Wissen und Gewissen ausführen.

Sind Kameraden unter dem Eindruck des Ereignisses aus der Wehr ausgetreten?

Ehmann: Nein.

Wird der 8. Februar künftig ein jährlicher Gedenktag für die Lienener Feuerwehr?

Ehmann: Ein ausdrückliches Ja. Dieser Tag wird auch zukünftig ein Gedenktag für Stefan sein.

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