Wie der Teutoburger Wald zu seinem Namen kam
Spuren reichen bis zu den Römern

Lienen -

Wird heute vom Teutoburger Wald oder kurz vom Teuto gesprochen, weiß in Lienen und Umgebung ganz selbstverständlich jeder, wovon die Rede ist. Vor 150 Jahren sah das noch anders aus. Damals kannten die Menschen keinen Höhenzug mit einem solchen Namen, sie sprachen stattdessen je nach Örtlichkeit vom Westerbecker, Aldruper oder Lienener Berg. Doch woher kommt der Begriff?

Sonntag, 07.03.2021, 17:14 Uhr aktualisiert: 08.03.2021, 18:40 Uhr
Erstmals wird der Teutoburger Wald (Saltus Teutoburgiensis) bei Detmold auf einem Kupferstich in den „Monumenta Paderbornensia“ von 1672 bildlich dargestellt.
Erstmals wird der Teutoburger Wald (Saltus Teutoburgiensis) bei Detmold auf einem Kupferstich in den „Monumenta Paderbornensia“ von 1672 bildlich dargestellt. Foto: Chr. Spannhoff

Dass Lienen am Südhang des Teutoburger Waldes liegt, das weiß jedes hier wohnende Kind. Doch vor 150 Jahren sah das noch ganz anders aus. Damals kannten die Lienener Mädchen und Jungen keinen Höhenzug namens „Teuto“, sondern vielmehr den Westerbecker, Aldruper oder Lienener Berg. Ähnlich verhielt es sich in den anderen Orten entlang der Hügelketten zwischen Hörstel im Nordwesten und Horn-Bad Meinberg im Südosten. Auch hier fanden sich im Sprachgebrauch der lokalen Bevölkerung zahlreiche unterschiedliche Abschnittsnamen. Aber es existierte keine zusammenhängende Benennung für den gut 105 Kilometer langen Mittelgebirgsausläufer.

Wie dieser letztlich zu seinem heute allgemein gebräuchlichen Namen „Teutoburger Wald“ kam, ist eine lange, jedoch interessante Geschichte. Sie beginnt vor gut 2000 Jahren.

Zwischen 110 und 120 nach Christus beschrieb der römische Geschichtsschreiber Publius Cornelius Tacitus in seinen Annalen auch die Varusschlacht im Jahr 9. Dieses Ereignis, bei dem drei römische Legionen eine vernichtende Niederlage gegen ein germanisches Heer unter Führung des Arminius erlitten, soll nicht weit entfernt eines „Teutoburgiensis saltus“ stattgefunden haben, den man mit „Teutoburger Waldgebirge“ ins Deutsche übertragen kann. Denn lateinisch saltus wird gemeinhin mit „gebirgiger, waldiger Landstrich, Waldgebirge, Gebirgs-, Waldschlucht, Waldtal, Gebirgspass“ übersetzt, kann aber noch zahlreiche weitere Bedeutungen haben wie etwa „undurchdringliches und unwegsames Gebiet“.

Das taciteische Geschichtswerk geriet indes für lange Zeit in Vergessenheit. Erst mit der Wiederentdeckung der antiken Schrift um 1500 erwachte ein erneutes Interesse an dem Kampf zwischen Römern und Germanen. Wegen der von Tacitus ebenfalls genannten Ortsangabe, die Schlacht habe sich in der Gegend zwischen den Flüssen Ems und Lippe ereignet, kamen die humanistischen Gelehrten des 16. Jahrhunderts schnell auf den Gedanken, dass es sich bei dem gesuchten Gebiet um die Höhenrücken zwischen Paderborn und Detmold gehandelt haben müsse. Beweise dafür waren einigen, aus Westfalen stammenden Intellektuellen der Ortsname Detmold, der ursprünglich „Theotmalli“ lautete und damit so ähnlich klang wie Teutoburgiensis, sowie – aus demselben Grund – der Bauernhof Teutemeyer in Heiligenkirchen bei Detmold. Diese Verortung erfolgte also nicht auf abgesicherter Grundlage, sondern lediglich aufgrund lautlicher Ähnlichkeit.

Welches Gebiet Tacitus einst mit dem Teutoburgiensis saltus gemeint hat, wird sich vermutlich für immer in das Dunkel der Geschichte hüllen, wenn nicht noch eindeutige archäologische Funde ans Tageslicht treten. Einige Fachleute vermuten den Ort heute bei Kalkriese (Bramsche), aber auch das ist nicht unbestritten.

Allerdings blieb die Rede vom „Teutoburger Wald“ für die besagten ostwestfälischen Bergketten bis in das 19. Jahrhundert hinein vornehmlich ein Sprachgebrauch der Gelehrten, der sich zudem hauptsächlich auf den Abschnitt zwischen Bielefeld und Paderborn bezog. Die damaligen Anwohner des Mittelgebirgsausläufers kannten und benutzten diesen Begriff sicherlich nicht. Sie bezeichneten die Anhöhe zumeist einfach als „Berg“ mit ortsspezifischem Zusatz.

Noch 1872 bemerkten Levin Schücking und Ferdinand Freiligrath in der zweiten Auflage ihres Buches „Das malerische und romantische Westphalen“, dass die Benennung des Teutoburger Waldes noch immer nicht so recht volkstümlich sei „und wenn das Volk sie kennt, so ist sie ihm durch die Gebildeten vermittelt.“

Dass dieser Name auch in der breiten Bevölkerung bekannt und gebräuchlich wurde, sollte sich erst mit der Fertigstellung des Hermannsdenkmals 1875, mit dem Bau der Teutoburger Wald-Eisenbahn (1900 bis 1903) zwischen Ibbenbüren und Hövelhof sowie mit dem 1902 gegründeten Teutoburger-Wald-Verein und seinem bis heute beliebten Wanderpfad „Hermannsweg“ allmählich vollziehen.

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