Der Deetweg hat eine lange Geschichte
Von Völkern, Herrschern und Heerscharen auf dem Weg durch Lienen

Lienen -

Lienen lag in früheren Jahrhunderten an einem alten Verkehrsweg, der die Niederlande mit Ostwestfalen verband. In der wissenschaftlichen Fachsprache wird er heute als Osningrandweg bezeichnet, volkssprachlich wurde er bis ins 19. Jahrhundert „Deetweg“ genannt. Das belegen Flurnamen im Urkataster von 1829. Bezeugt ist der Name im Bereich von Lienen aber schon in einem Ländereienverzeichnis von 1502 als „Deytwech“.

Freitag, 12.03.2021, 21:17 Uhr aktualisiert: 12.03.2021, 21:20 Uhr
Der Kartenausschnitt zeigt den Verlauf
Der Kartenausschnitt zeigt den Verlauf Foto: Sammlung Spannhoff

Lienen lag in früheren Jahrhunderten an einem alten Verkehrsweg, der die Niederlande mit Ostwestfalen verband. In der wissenschaftlichen Fachsprache wird er heute als Osningrandweg bezeichnet, volkssprachlich wurde er bis ins 19. Jahrhundert „Deetweg“ genannt. Das belegen Flurnamen im Urkataster von 1829. Bezeugt ist der Name im Bereich von Lienen aber schon in einem Ländereienverzeichnis von 1502 als „Deytwech“.

Der Weg führte nördlich am heutigen Ortskern vorbei, am Südrand des Teutoburger Waldes entlang auf dessen trockener, sandiger Abdachungszone. Die Heimatforschung hat über seinen genauen Verlauf kontrovers diskutiert. Allerdings ist davon auszugehen, dass der Weg mehrere Trassen aufwies, die sich veränderten, aber auch von der jahreszeitlichen Witterung abhängig waren. In Lengerich-Hohne haben Archäologen 2008/2009 ein Teilstück entdeckt, das wegen der Bodennässe mit Holzbohlen versehen wurde. In diesem Bereich war der Deetweg also als Bohlenweg oder Knüppeldamm ausgeführt. Das Alter der Straße ist durch römische Münzfunde aus den ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderten im Bereich von Lengerich sowie durch in Lienen gefundenes Bronzegerät gesichert. Zudem lag am Deetweg gehäufter Besitz des Stiftes Herford, was ihn als wichtige früh- und hochmittelalterliche Verbindung ausweist.

Doch was heißt Deetweg? Im ersten Teil erscheint das mittelniederdeutsch Wort dêt (mit den Varianten deit und diet), das ‚Volk‘ bzw. ‚Leute‘ bedeutet. Es geht zurück auf altniederdeutsch thiod(a), das ‚Volk, Menge, Leute, Menschen‘ bedeutet. Zu diesem Wortfeld gehörte auch thiodan ‚Herrscher, Herr‘, thiodarvedi ‚großes Leid‘, thiodgod ‚allmächtiger Gott‘, thiodgumo ‚vortrefflicher Mann‘, thiodkuning ‚König des Volkes, machtvoller König‘, thiodquâla ‚große Qual‘, thiodskatho ‚Menschenverderber‘ und thiodwelo ‚größter Schatz‘. Die Zusammensetzungen zeigen, dass das niederdeutsche Wort ursprünglich ‚groß, Größe‘ bedeutete, aus dem sich dann ‚Menge, Menschenmenge, Menschen, Leute, Volk‘ ableiten ließ.

Der Germanist Otfrid Ehrismann hat sich intensiv mit dem Begriff auseinandergesetzt und kommt zu dem Ergebnis, dass das Wort speziell für ‚Volk, Bevölkerung ‘, in der Frühzeit aber auch für ‚Schar, Menge, Menschheit, Menschen‘ gebraucht werden konnte. Im Gegensatz zu den historischen Bedeutungen des Wortes Volk lässt sich für thiod(a)/dêt keine militärische Bedeutung wie ‚Heer, Kriegsvolk‘ nachweisen.

Deetwege gab es in Deutschland, im Elsass, in der Schweiz, in Belgien und den Niederlanden. Schon die alte, von Metz und Worms über Würzburg nach Fulda und Erfurt führende Fernroute wurde als „diotuueg“ bezeichnet. Weitere frühe Zeugnisse stammen aus dem Elm (786), dem Kreis Uelzen (1060: „publica strata quae vulgo dicitur dietuncht d.i. dietuech“), dem Lappwald bei Helmstedt (1197: „in viam que dicitur Diehtwegh vel Stenwech“) und dem Eggegebirge (1298: „Abbas et conventus in Hersvithusen agros suos septis munire potuerunt et fossatis, cum per eosdem agros non via vel strata, que dicitur deitwech, sed semita duntaxat peditum, quae vulgo path vocatur, non de jure, sed ex gratia frequentetur“).

Gerade die letztgenannte urkundliche Nachricht hilft beim Verständnis dessen weiter, was ein Deetweg gewesen ist: Abt und Konvent durften ihre Äcker mit Zäunen und Gräben einfrieden, weil nur ein Pfad über diese führte, auf dessen Benutzung es keinen Rechtsanspruch gab. Er war also keine öffentliche Straße, kein „deitwech“. Ein Deetweg war somit eine strata publica, ein allgemeiner Weg, der im Gegensatz zu anderen rechtlich und verkehrstechnisch übergeordnet war.

Der Ausdruck Deetweg meint also eher „Hauptstraße“ oder „große Straße“ als „Volks- oder Heerweg“, auch wenn militärische Einheiten diesen Weg natürlich durchaus genutzt haben. Ob allerdings römische Soldaten die frühen Münzen verloren haben oder ob Karl der Große mit seinen Truppen über den Deetweg gezogen ist, als er zwischen 772 und 804 Nordwestdeutschland seinem Frankenreich einverleibte, wissen wir schlichtweg nicht.

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