Vor 260 Jahren kam die Lienener Bergteilung zum Abschluss
„Neid, Mißgunst und viel Verdruß“

Lienen -

Es war ein langer Prozess – und er verlief alles andere als konfliktfrei. Im April vor 260 Jahren wurde die Lienener Bergteilung zum Abschluss gebracht. Daran erinnert Historiker Dr. Christof Spannhoff mit diesem Text.

Donnerstag, 29.04.2021, 20:29 Uhr aktualisiert: 30.04.2021, 17:28 Uhr
Ein Ausschnitt aus der Lienener Bergteilungskarte von 1761.
Ein Ausschnitt aus der Lienener Bergteilungskarte von 1761. Foto: Christof Spannhoff

Im Zuge der aktuellen Borkenkäferplage wurde im August 2020 von der SPD in Nordrhein-Westfalen gefordert, der Staat solle private Waldflächen in Staatswald überführen, um deren Wiederaufforstung zu gewährleisten. Das wäre dann Ironie der Geschichte: Ist doch ursprünglich das Erreichen einer nachhaltigen Forstwirtschaft der ausschlaggebende Grund dafür gewesen, dass der in Gemeinbesitz stehende Wald privatisiert wurde. In Lienen geschah das vor genau 260 Jahren. Im April des Jahres 1761 kam die sogenannte Bergteilung nach langjährigen Verhandlungen zu einem Abschluss. Die damals gezogenen Grenzen sind auch heute noch in ihren Grundzügen zu erkennen.

Den Unterlagen ist zu entnehmen, dass es in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts um den Baumbestand im Lienener Berg nicht gut bestellt gewesen sein soll. Das lag vor allem daran, dass der Höhenzug zur Allmende der Einwohner gehörte, also zu den sogenannten Markengebieten. In den Marken gewannen die anteilsberechtigten Bauern vorwiegend ihr Brenn-, teilweise auch Bauholz. Zudem nutzten sie die Waldflächen dazu, ihr Vieh zu weiden. Schweine wurden zur Eichel- und Bucheckernmast in die Gehölze getrieben, aber darüber hinaus auch das Rindvieh, das sich vom Laub und jungen Trieben der Bäume und Sträucher ernährte. Ebenfalls wurden Schafe in den Lienener Berg getrieben. Daran erinnert bis heute „Schaipers Pütt“, eine artesische Quelle, aus der die Tiere tranken.

Bis zu einer gewissen Menschenmenge war dieses System, das auch gemeinschaftliche Wiederaufforstungen vorsah, ausgeglichen. Seit Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) stieg die Bevölkerungszahl aber stetig an. Immer mehr Nutzer verbrauchten mehr Ressourcen aus den Wäldern. Das im Prinzip nachhaltige Gefüge geriet aus dem Gleichgewicht. So verwundert es nicht, dass 1744 der Lienener Berg als „von Holz fast ganz entblößt“ beschrieben wird.

Am 1. März des Jahres erteilten daher 15 Markenberechtigte aus den Bauerschaften Dorfbauer, Aldrup, Westerbeck und Höste schriftliche Vollmacht, nachdem sie „wohlbedächtlich beschlossen, den Liener Berg unter sämtlichen Mark-Genossen zu verteilen, zur besseren Betreibung der Sache dem Vogt Arendt und den übrigen Kirchspielsvorstehern eine freie Macht und Gewalt das Beste zu suchen und die Sache bis ans Ende zu führen“.

Allerdings war der Markenherr in der Rechtsnachfolge der Tecklenburger Grafen seit 1707 der preußische Monarch, damals Friedrich der Große (1712–1786, seit 1740 König). Dieser lehnte die Teilung des Lienener Berges 1745 zunächst ab. Es kam zu weiteren Verhandlungen 1747, 1749 und 1750, die sich immer über mehrere Tage erstreckten und bei denen es sich die Teilnehmer wie etwa der Mindener Departementsrat von Nolting, der Landrentmeister Strubberg nebst Gemahlin und zwei Töchtern aus Tecklenburg, der Abt von Iburg mit zwei Begleitern und der Oberförster Bauer aus Tecklenburg beim Lienener Vogt und Amtmann Ernst Christian Arendt gut gehen ließen. 22 Personen verzehrten 1750 Speisen und Getränke im Wert von 130 Talern, die für Rindfleisch, ein Kalb, Gewürze, Zucker, Fische, Hasen, Feldhühner, Hirschbraten, Wein, Bier und Branntwein sowie für einen eigenen Koch (10 Taler) anfielen.

Bereits 1749 war allerdings die Bergteilung vom König letztlich doch genehmigt worden. Die Vermessung begann am 13. Juli durch den Berginspektor Rudolphi aus Ibbenbüren, später wurde sie von Landbaurat Dames aus Minden fortgeführt. Unterstützt wurden diese beim Ziehen der Messketten und Zielstechen von den Lienener Einwohnern Adolf Pellemeyer, Evert Bömker, Friedrich Heim, Schulte Uffelage und Bischof, die täglich sechs Groschen Lohn erhielten.

Zunächst fiel auf, dass die unmittelbaren Anlieger einst heimlich ihre Grundstücke auf Kosten der Allmende-Fläche vergrößert hatten, was nun natürlich rückgängig gemacht wurde. Bis zum Abschluss der Bergteilung im April 1761 vermaß man insgesamt 3656 Osnabrücker Scheffelsaat (circa 430 Hektar) und wies 311 Bergteile aus, worüber mindestens vier Karten gezeichnet wurden.

Die Bergteilung verlief jedoch nicht konfliktfrei, denn die Markenberechtigten waren nicht alle gleich. Je größer eine bäuerliche Besitzung war, desto umfangreicher war auch das Nutzungsrecht an der Gemeinheitsfläche. Es liegt auf der Hand, dass es bei der Überführung solcher Nutzungsrechte in Grundbesitz zu Streitigkeiten kam, weil sich der eine oder andere benachteiligt fühlte.

So resümierte der Mindener Landbaurat Dames am 8. November 1761: „Mit der Bergteilung komme ich übel an, das hätte ich wissen sollen, mich hätte keine Obrigkeit und wenn es auch der römische Kaiser gewesen wäre, zu dieser beschwerlichen Arbeit bringen sollen, weilen ich dadurch Neid, Mißgunst und viel Verdruß erlanget habe.“ Hinzu kam, dass damals zwar die Einzelflächen und die darauf stattfindende Holznutzung privatisiert wurden, allerdings nicht das Recht auf Hude und Weide. Dieses schaffte man im Lienener Berg erst zwischen 1821 und 1846 allmählich ab, was wiederum Konfliktpotenzial beinhaltete, weil fremdes Vieh die angepflanzten Privatbäume verbiss.

Insgesamt kostete die Bergteilung 2411 Taler, zwei Groschen und acht Pfennige. Nicht unbedeutend daran waren die Verpflegungskosten von 352 Taler für Dames, der auf Gut Kirstapel beim Lienener Amtmann wohnte. Diese beinhalteten unter anderem ein aus Osnabrück besorgtes Klavier für die Mußestunden des Landbaurats, ein Reitpferd sowie zahlreiche Weinlieferungen.

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