Lotte
Ein süßer Warnhinweis

Dienstag, 10.07.2007, 18:07 Uhr

Lotte. „Was ist das denn? Jungs, kommt mal schnell her, das müsst ihr gesehen haben!“ Der Bildschirm des zentralen Internetrechners zeigt die Homepage der Wersener Grünröcke . Darauf leuchtet ein Warnschild: „Vorsicht, überhopfte Schützen.“ Geklaut, gedruckt. Da wird nicht gefragt. Erst hinterher. Wo kommt das Schild her?

Die Herkunft lässt sich gesichert zurück verfolgen bis in den Raum Vechta. Dann verlieren sich die Spuren in der norddeutschen Tiefebene und im Nirwana des Internet.

Doch es geschah auf der Straße von Damme nach Holdorf – dort haben Kerstin und Holger Henning das Warnschild der Holdorfer Grünröcke vor zwei Jahren geschossen, mit der Kamera ihres Handys. Zufällig sind sie daran vorbei gefahren, wie sich die gebürtigen Osterberger erinnern.

Für Kerstin Henning war es mit dem kleinen, krabbelnden Männeken Liebe auf den ersten Blick. „Das ist so niedlich“, sagt sie auch heute noch. Und weil die Sache mit dem kleinen Süßen für sie keine flüchtige Begegnung sein sollte, befahl sie ihrem Mann: „Sofort anhalten“, und hielt das Bürschchen für die Ewigkeit fest.

In Osterberg haben Hennings dann ihren Kameraden vom Schützenverein vorgeführt, was sie da am Straßenrand aufgegabelt hatten. Die Grünröcke sollen die Zufallsbekanntschaft sofort ins Herz geschlossen und adoptiert haben.

Der damalige Hofstaat war es schließlich, der dafür sorgte, dass der kleine krabbelnde Schütze in Osterberg Fuß fassen und sich sogar vermehren konnte: Königspaar Stefan und Christine Kunz, Thomas Schirmbeck, Petra Döhlemeyer, Silke Fortmeyer und Jörg Siekkötter gaben dem Kerlchen in Heimarbeit, was es brauchte. Als Bühne für ihr Adoptivkind wählten sie Spanplatten, reproduktionsfähiges Material holten sie aus dem Internet. Die Vorlage haben sie vergrößert, auf Folie gezogen und mit dem Tageslichtprojektor in Position gebracht. Unter Anleitung des Hofstaat eigenen Malers Jörg Siekkötter gewann der Kleine an Farbe und Kontur.

Und siehe da, auf einmal waren es drei. Zwei von ihnen beziehen seither Stellung beim Osterberger Schützenfest: einer am Klausberg, an der Einfahrt zur Schützenstraße. Der zweite ist sozusagen bei Muttern geblieben. Zeigt er sich doch am Haus von Silke Fortmeyer, an der Kreuzung Münsterstraße/Hagelstraße/Hasberger Straße.

Der dritte hingegen hat das Elternhaus und sogar Osterberg verlassen. Allerdings nicht freiwillig. Er musste regelrecht fortgetragen werden. Beim Schützenverein Dütestrand Wersen von 1664 haben sie ihn untergebracht; ein Gastgeschenk war er. Die Osterberger waren nämlich bei den Wersenern eingeladen – rein privat – zum Ausholen des damaligen Königspaares Frank und Conny Lübke.

Dass die dann gleich etwas süßes Kleines bekamen, muss sie sehr gefreut haben. Denn einige Wochen später bedankten sie sich für den Nachwuchs mit einer Vize-Gemeindekönigskette aus eigener Herstellung für den Osterberger Regenten Stefan Kunz. Beim Gemeindekönigsschießen war er nur ganz knapp an seinem Wersener Konkurrenten Frank Lübke vorbei gezogen. Die beiden Vereine hat es offenbar einander nahe gebracht - feierten sie doch hinterher gemeinsam König und Vize-König.

Bei aller Annäherung leben die Unterschiede zwischen beiden Vereinen jedoch fort. Und offenbar trennen die Wersener und die Osterberger nicht nur die laut Google-Routenplaner 8,4 Kilometer zwischen der Westerkappelner Straße und dem Klausberg. Es müssen geradezu Welten zwischen ihnen liegen.

Das führt zumindest das kleine Männeken anschaulich vor Augen. Zeigt es doch, dass sich ein und das selbe Erbmaterial in unterschiedlichen Elternhäusern ganz unterschiedlich entwickelt.

So krabbeln die beiden Osterberger Knilche in einem Gefahrzeichen. In einem solch rot gerandeten Dreieck kam auch ihr Drillingsbruder nach Wersen. Dort haben sie ihm die Ecken abgeschliffen - und so wurde aus dem Dreieck ein Kreis, aus dem Gefahrzeichen „Achtung Schützenfest“ streng genommen ein Verbot für „überhopfte Schützen“. Das ist der Faktor Sozialisation.

Bleibt nur noch eine Frage: Wie fügen sich die herzigen Kerlchen in die Straßenverkehrsordnung?

Dort heißt es: „Örtliche Anordnungen durch Verkehrszeichen werden nur dort getroffen, wo dies aufgrund der besonderen Umstände zwingend geboten ist.“ Schützenfeste können bekanntermaßen solch besonderen Umstände sein. Die StVO weiter: „Regelungen durch Verkehrszeichen gehen den allgemeinen Verkehrsregeln vor.“ Mit anderen Worten: Zu aller erst kommt das krabbelnde Männeken, dann alles andere. Darauf darf man wohl anstoßen. Prost!

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