Lotte
Die stille Sucht der Frauen

Donnerstag, 06.09.2007, 12:09 Uhr

Wersen /Lotte. Ein ernstes Thema kam am Dienstagabend im ökumenischen Frauenkreis Wersen auf den Tisch: „ Medikamentensucht und Prävention“ war der Titel des Vortrags, zu dem die Frauengruppe eingeladen hatte. Ein gutes Dutzend Zuhörerinnen hatte sich im evangelischen Gemeindehaus versammelt, um den Ausführungen von Suchtberaterin Heike Limmroth-Glück zu folgen.

Die Mitarbeiterin der Suchtberatungsstelle in Lengerich informierte zunächst über den Verlauf der Medikamentensucht und nannte dann Ursachen, die zu einer Abhängigkeit führen können: „Sucht tritt immer als Folge dauerhafter Überlastung auf“, erläuterte die Sozialtherapeutin, die bei dieser Gelegenheit auch ihre Nachfolgerin Sophia Athmer vorstellte.

Dass es mit 1,5 Millionen fast ebenso viele Medikamentenabhängige wie Alkoholiker gibt, sei kaum bekannt, sagte die Referentin. Der Einstieg in die Abhängigkeit sei schleichend, häufig seien unspezifische Beschwerden der Auslöser: Schlafstörungen, Kopfweh, Rückenschmerzen und Abgeschlagenheit machten den Patienten das Leben schwer.

„Man muss und soll nicht alles aushalten“, betonte Limmroth-Glück. „Eine Versorgung bei akuten Schmerzen ist durchaus sinnvoll.“ Jedoch werde nach der Erstverschreibung häufig ein Missbrauch vom Hausarzt geduldet, beklagte sie. Den Patienten gehe es mit dem Medikament augenscheinlich besser, und auf dem Weg in die Abhängigkeit beruhigten sie sich selbst damit, dass der Arzt das ja verordnet habe.

„Manche Medikamentenkarriere kommt nur deshalb zum Erliegen, weil der Arzt in Pension geht“, sagte Limmroth-Glück. Um ihre Abhängigkeit zu vertuschen, führen die Patienten Apotheken in einem Umkreis bis zu 200 Kilometern an. „Die Betroffenen ruinieren so nicht nur ihre Gesundheit, die Abhängigkeit führt nicht selten in die Verschuldung.“

„Medikamentensucht ist ein klassisches Frauenthema, Männer greifen bevorzugt zu Alkohol“, betonte die Referentin. Gerade Frauen neigten dazu, sich selbst zu überfordern und ihr Leben nach den Erwartungen anderer auszurichten.

„Dabei reiben sie sich im Familienalltag zwischen Kindern, Haushalt, Beruf und Pflege von Angehörigen regelrecht auf.“ In solchen lang andauernden Belastungssituationen gebe der Körper häufig Alarmsignale, die leider allzu oft nur medikamentös behandelt würden. Die Suche nach den Ursachen bleibe dabei auf der Strecke.

Nur wenige fänden irgendwann den Mut, den Teufelskreis zu durchbrechen. Nach einem Entzug werde die persönliche Abgrenzung wichtig: „Die Patienten müssen lernen, Nein zu sagen“, bekräftigt Limmroth-Glück. Vom privaten Umfeld bleibe der Medikamentenmissbrauch meistens unentdeckt, denn die Abhängigen funktionierten ja weiterhin vorbildlich und fielen nicht auf.

|Die Suchtberater in Lengerich sind unter Telefon 05481/2231 zu erreichen. Sie unterliegen der Schweigepflicht, jeder Anrufer bleibt anonym.

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