Lotte
Mutter auf Zeit

Mittwoch, 26.12.2007, 14:12 Uhr

Wersen . Seit mehr als fünf Jahren arbeitet Sabine Röckers aus Wersen nach einer längeren Pause wieder in der Bereitschaftspflege der Don Bosco Katholischen Jugendhilfe in Osnabrück . Eine Arbeit, die kein Job ist, die sie nicht zurücklassen kann, indem sie hinter sich die Tür schließt.

Die Gruppe „Inobhutnahme“ ist ursprünglich für ältere Kinder gedacht. Aber dort müssen aus Mangel an Pflegefamilien auch dafür eigentlich viel zu kleine Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren betreut werden, die in Familien weit besser aufgehoben wären. Denn nur in Familien könne man den Bedürfnissen jedes einzelnen Wesens gerecht werden, weiß Sabine Röckers.

„Es fehlt ihnen dort einfach an Ruhe und Nestwärme“, berichtet die Erzieherin. Abends, zu Hause, sei sie von unguten Gefühlen heimgesucht worden: „Welchem Kind bist du heute gerecht geworden?“ Durch ständige Unruhe und Unterbrechungen, neue Kinder, Besuchskontakte, Jugendamtbesuche und andere Termine konnte sie nicht jedem Kind das geben, was sie ihm gerne gegeben hätte.

Paul (Name von der Redaktion geändert) war acht Monate alt und trotz intensiver persönlicher Betreuung in der Gruppe ständig am Weinen. „Können Sie den Jungen nicht zu sich nehmen?“, wurde Sabine Röckers eines Tages gefragt. Da waren die eigenen Kinder 11, 16 und 17 Jahre alt – aus dem Gröbsten raus, wie man sagt. Ja, sie konnte, weil sie wollte.

Inga, die Jüngste, übernahm sofort eine Riesenverantwortung für das neue Geschwisterchen, sagte Verabredungen ab und stand nachts auf, um die Eltern zu entlasten.

„Ich war unheimlich stolz auf diese Entwicklung. Es kostete uns viel Kraft, aber wir bekommen so viel zurück“, erzählt Familienvater Hermann Röckers mit strahlenden Augen. Die ganze Familie macht mit. Alle, sogar der große Bruder Julian, können Windeln wechseln und füttern. Die Geschwister betreuen das Kind, wenn die Eltern Termine wahrnehmen müssen.

Maike, die Älteste, hat Soziologie studiert und möchte jetzt gerne in den pädagogischen Bereich überwechseln. „Die Betreuung eines Pflegekindes funktioniert nur, wenn alle mitziehen“, betont Mutter Sabine. Die positive Erfahrung hat sie überzeugt.

Normalerweise soll nach drei bis sechs Monaten eine Rückführung des Kindes oder die Übergabe an eine Pflegefamilie erfolgen. „Aber das ist eine Option, die fast nie hinhaut“, merkt die Erzieherin an. Zwillinge kamen im Alter von sechs Monaten zu Röckers und blieben dann neun Monate, Tom (Name von der Redaktion geändert) kam mit acht Monaten und blieb zwei Jahre. Nur unter großen Trennungsschmerzen habe man das Kind dann in eine Dauerpflegefamilie weitergegeben.

„Es bricht einem fast das Herz“, erinnert sich Hermann Röckers tief bewegt. „Man muss lernen, mit dem Schmerz umzugehen. Es kommen starke Gefühle auf, denn die Bindung zum Pflegekind ist wie die zum eigenen Kind. Sie sagen Mama und Papa zu uns. Und wenn das Kind uns umarmt, einem die Ärmchen entgegenstreckt und uns durch seine Blicke zeigt, dass es sich bei uns wohl fühlt, dann ist das ein wunderschönes Erlebnis.“

Tom habe gespürt, dass er seine lieb gewonnene Familie verlassen musste. Als er zu seinen neuen Pflegeeltern gebracht wurde, wechselte er während der Autofahrt von „Mama und Papa“ auf „Sabine und Hermann“. Bevor sie wieder ins Auto stiegen, erhielten die „alten“ Pflegeeltern das größte Geschenk, das dieser kleine Knirps ihnen machen konnte: „Hab' euch beide lieb!“

Wenn das Kind in eine gute Familie komme, sei es etwas leichter. Und in einigen Fällen bleibe man auch in Kontakt, was aber nicht immer gut sei, merkt Hermann Röckers an.

„Wie könnt ihr das machen?“, werden die Röckers häufig gefragt. „Wir können das auch nicht – gar nicht. Das Weggehen ist so schwer!“ Und deshalb wollten sie nach den Zwillingen auch wieder damit aufhören. Als aber zwei Monaten später eine neue Anfrage kam, hätten sie nicht nein sagen können, vor allem als sie die Vorgeschichte des Kindes hörten.

Die Kinder „im Don Bosco“ stammen aus Familien in Krisensituationen. Dort findet dann die stationäre Familienhilfe statt: Sozialarbeiter helfen unter anderem beim Einkaufen, bei der Tagesplanung und der Kinderpflege.

„In der Inobhutnahmefamilie sollen die Kinder auftanken und sich für das weitere Leben stärken. Wenn ein Kind gelernt hat, eine vertraute Beziehung aufzubauen, dann kann es meistens auch einen zweiten Beziehungswechsel verkraften“, sagt Sabine Röckers. Unterstützung finden die Röckers durch Supervision, im Austausch bei Pflegefamilientreffen und bei Bedarf in Gesprächen mit Psychologen.

Als sie Jonas (Name geändert) mit acht Monaten zum ersten Mal sahen, hatten sie gedacht, er sei schwer behindert, denn er zeigte überhaupt keine Gefühlsregungen. Aber nach zwei bis drei Tagen sei er aufgeblüht.

Zurzeit betreuen Röckers ihr zehntes Kind. „Wir haben alle Entzugserscheinungen, wenn kein Kind da ist – auch wenn wir zwischendurch froh sind, mal neue Kraft schöpfen zu können. Diese Kinder werden uns alle vergessen. Und eigentlich ist es grausam, ihnen für einige Zeit Wärme und Geborgenheit in unserer Familie zu vermitteln und sie anschließend in eine ungewisse Zukunft wegzugeben“, sagt der Familienvater. Und seine Frau fügt nachdenklich hinzu: „Was unsere Arbeit wert ist, werden wir erst viel später sehen.“

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