Lotte
„Obrùni“ – die weiße Frau aus Lotte

Montag, 04.08.2008, 17:08 Uhr

Lotte . Lorena Israel ist groß, schlank, blond und damit sehr exotisch – jedenfalls in Ghana . Dort absolvierte die 25-Jährige Studentin des Fachs Gesundheitskommunikation an der Universität Bielefeld ein Pflichtpraktikum .

„Es war immer schon mein Traum, nach Afrika zu gehen“, sagt die gebürtige Osnabrückerin aus Lotte, die schon seit langem Bücher über Afrika liest. Ghana habe sich ’angeboten, weil der Vater ihres Freundes aus Ghana stamme und dort auch noch Familie habe.

Lorena Israel wohnte zuerst acht Wochen bei den Verwandten ihres Freundes in der Millionenstadt Kumasi und lebte sich durch den Familienanschluss schnell ein. Allerdings nicht so schnell, wie sie erwartet hatte. Denn obwohl alle Ghanaer Englisch können, sprechen sie ungern die Sprache ihrer einstigen Kolonialherren.

„Wenn du da hinkommst, liegt es an dir, dich zu integrieren“, erzählt Lorena. Also lernte sie ein wenig „Twi“, die Sprache der Ashanti, des größten Volksstammes in Ghana. Dieser ist auch der bedeutendste, da er die Königsfamilie des Landes stellt. Der König hat in der ghanaischen Demokratie aber keine politische Funktion, sondern ausschließlich traditionelle Bedeutung.

„Ohnehin sind Traditionen in Ghana sehr wichtig“, erzählt Lorena. Das spiegele sich auch in der Kleidung der Leute wider: Zwar kleiden sich die Menschen in den Städten bei der Arbeit weitgehend nach westlicher Mode, doch jeden Freitag legen sie ihre Kleider aus traditionellen Stoffen an. Die Farben variieren in der Bedeutung, so seien schwarz-weiße Muster Männern und Frauen vorbehalten, die bereits Eltern sind.

Beerdigungen begehen die Ghanaer mit einem Fest. Dabei tragen die engsten Verwandten des Toten Rot-Schwarz. Lorena nahm während ihrer Zeit in Afrika an einer Beerdigung teil. Ihre Gastmutter gab dafür extra ein entsprechendes Kleid in Auftrag. Anlass für Gelächter war dabei der flache Bauch der jungen Frau: Eine Frau ohne Bauch – unvorstellbar in Ghana. Denn Wohlgenährtsein ist auch heute noch ein Zeichen für Wohlstand in der afrikanischen Gesellschaft, obwohl hier Hunger und Verwahrlosung anders als in den Nachbarländern schon länger keine Rolle mehr spielen.

Dennoch hat auch Ghana im Gesundheitssektor spezifische Probleme. Vor allem die Kinder leiden unter der genetisch bedingten Sichelzellenanämie, eine Blutkrankheit, bei der die Blutplättchen nicht rund, sondern mondsichelförmig sind und so leichter verklumpen können. Der Defekt schützt zwar aufgrund des schnellen Zellenverfalls vor Malaria, muss aber behandelt werden.

Die Kinder brauchen früh Medikamente, die Eltern Aufklärung. Lorenas Auftrag im Praktikum bestand darin, ihren Projektleiter bei dieser Aufklärungsarbeit zu unterstützen, junge Mütter in Krankenhäusern anzusprechen und bei Präsentationen mitzuhelfen. „Unbehandelt sterben die Kinder schon, bevor sie fünf Jahre alt werden“, erläutert Lorena.

All das, was sie im Studium über Gesundheitsaufklärung theoretisch gelernt hat – zum Beispiel die Vermittlung von Hygienevorkehrungen – musste sie jetzt in der Praxis umsetzen. Das könne man allerdings überall auf der Welt, meint die Studentin, nur sind die Probleme eben von Land zu Land unterschiedlich.

So sind es in Deutschland die gesundheitsgerechten Umstände am Arbeitsplatz, die Lorena Israel in ihrer Bachelorarbeit untersuchen wird. Dazu wohnt sie zur Zeit wieder bei ihren Eltern in Lotte, zur Unterstützung.

„Obrùni, obrùni“, riefen Kinder und Erwachsene, wenn sie sie auf der Straße sahen. „Das ist das Wort für Weiße“, erzählt Lorena, die sich zunächst diskriminiert fühlte. „Aber als ich ihnen mit 'obibinì', dem Wort für 'Afrikaner', antwortete, haben sie sich gefreut, dass ich ihre Sprache spreche !“

Rassismus lernte sie also nicht kennen, dafür sehr viel Offenheit und Herzlichkeit. Nur einmal, als ihre englische Freundin sie besuchte, sollten die beiden getrennt von der Gastfamilie essen, weil Weiße angeblich beim Essen lieber unter sich seien, dachten die Gasteltern. Sie ernteten Lorenas entschiedenen Widerspruch. Denn egal wo auf dieser Welt, in Gesellschaft schmeckt es einfach besser, findet die Lotterin mit dem Faible für Afrika.

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