Lotte
Der weite wilde Osten

Freitag, 16.01.2009, 17:01 Uhr

Westerkappeln / Wersen . „Was wird es uns bringen, das neue Jahr ?“, fragte die Wersener Vorsitzende der Landfrauen, Inge Loske , zu Beginn der Jahresversammlung . Sie hatte auch gleich die Antwort parat: „Das wissen wir erst Silvester.“ Fast 60 Frauen aus Westerkappeln und Wersen waren der Einladung zu Kaffee und Rosinenstuten in die Gaststätte Hollenberg gefolgt. Fünfzehnmal waren sie im vergangenen Jahr aktiv gewesen bei Ausflügen, Erntedankfrühstück, Seminaren oder informativen Vorträgen.

Einen Herzenswunsch äußerte die Westerkappelner Vorsitzende, Sigrid Hövelbernd: „Neue, junge und aktive Mitglieder. Man muss dafür auch keinen Hof oder Garten besitzen.“

Almuth Stiegemeyer hatte für den Nachmittag den Redakteur des landwirtschaftlichen Magazins „Top Agrar“, Guido Höner , zu einem Vortrag über den „weiten wilden Osten“ gewinnen können. In einer Power-Point-Präsentation zeigte der gelernte Landwirt Bilder aus der Ukraine, Russland und Kasachstan mit Betrieben von bis zu 100 000 Hektar Größe.

„Die Leute haben dort andere Probleme als wir hier“, berichtete er. Bis zu 60 Prozent Arbeitslosigkeit in den Dörfern, daraus resultierend Alkoholprobleme und die immer wieder gestellte Frage, ob es früher nicht besser war, als man weniger hatte, dafür aber arbeiten konnte.

Höner erzählte von staatlichen Betrieben der alten Sowjetunion, vom Zusammenbruch der landwirtschaftlichen Strukturen Anfang der 1990er-Jahre, den heutigen Hauswirtschaften mit Gemüsegarten, Kuh und Schwein, von Kleinbetrieben bis hin zu gigantischen Agrarholdings.

Die Erwartungen übertroffen habe ein moderner Kaltstall für 500 gesunde Kühe nach westlichem Muster mit hohem Hygieneniveau. Es gab aber auch Mähdrescher zu sehen, die bei minus 20 Grad repariert wurden, um im Sommer einsetzbar zu sein.

Der Journalist informierte über Höfe, die sich selbst versorgen und ihre Überschüsse auf Märkten verkaufen: „Die sind wichtig, denn sie haben in Russland einen Anteil von 66 Prozent an der landwirtschaftlichen Produktion.“

In Tatarstan baue ein deutscher Berater einen Riesenbetrieb auf: die Agrarholding „Goldene Ähre“ mit Zuckerrübenanbau auf 55 000 Hektar. Für die Ernte stehen 108 Mähdrescher in Reih und Glied. 15000 Mitarbeiter bewirtschaften in 19 Teilunternehmen über 400 000 Hektar.

Deutsche Auswanderer mit Pioniergeist hätten es dort sehr schwer. Ein Bayer habe 2006 in der Ukraine 700 Hektar Zuckerrüben angebaut. 2007 vertrocknete sein Getreide. Ein anderer Einwanderer klagte über Skrupellosigkeit seines Nachbarn bis hin zu Grundbuchmanipulationen. Er war zusammengeschlagen worden, Spritzmittel wurden ihm gestohlen.

Einen Anwalt zu nehmen lohne nicht, denn „der Deutsche zahlt den Anwalt, der Ukrainer den Richter“, habe er geantwortet. Es gebe viele gute Einheimische mit Ehrgefühl, aber die Hemmschwelle, sich kaufen zu lassen, sei gering.

Schwer sei es auch, gute Mitarbeiter zu finden, denn nach Jahrzehnten des Sozialismus falle es den Einheimischen schwer, selbstständig zu arbeiten.

Geld sei reichlich vorhanden, aber ungleich verteilt, berichtete Höner. In Kiew könne man Fußgängerzonen, teure Autos, Supermärkte mit 24 Stunden Öffnungszeit und unterirdische Möbelgeschäfte finden. Der Kontrast dazu zeige sich in Südrussland: überall kaputte Straßen und renovierungsbedürftige Häuser.

Mit einem abenteuerlichen Flugobjekt ist Höner von Moskau in die Republik Tatarstan geflogen: „Die drei Piloten hatten einen großen Schraubenzieher für alle Fälle sichtbar angebracht. Wir flogen bei geöffneter Tür, da konnte man wenigstens gute Fotos machen“, erzählte er etwas sarkastisch.

Der Referent berichtete aber auch über enorme Gastfreundschaft, unendliche Trinksprüche und viel, viel Wodka: „Der 3., 7. und 21. Trinkspruch geht immer auf die Frauen.“ So weit sei er aber nie gekommen.

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