Lotte
Joachim Jauer lässt seine Emotionen raus

Freitag, 04.06.2010, 16:06 Uhr

Alt-Lotte - Aus der ZDF-Sendung „Kennzeichen D“ erinnert man Joachim Jauer als äußerst sachlichen, beinahe preußisch unterkühlten Journalisten. Im Talk am Kamin der evangelischen Kirche in Alt-Lotte verriet die Vitalität des inzwischen 70-Jährigen, dass er seine starken Emotionen in den Jahrzehnten der Berichterstattung aus dem Ostblock professionell unterdrückt hat. Hier ließ er sie raus.

Ungefiltert schilderte er die perfidesten Seiten des real existierenden Sozialismus. Etwa die Hinrichtung der Anführer des Ungarn-Aufstandes 1956. Kniend seien sie „mit dem Kopf in Scheiße gesteckt und durch Genickschuss“ getötet worden, bevor man sie mit dem Gesicht nach unten einbetonierte und auf einem Schindanger verscharrte. Entdeckt wurde das erst 1989.

Das Motiv jener, die vor 20 Jahren die friedliche Revolution in den Ländern des Warschauer Pakts betrieben, darunter überdurchschnittlich vieler Christen, sei eben nicht, wie abfällig behauptet, die Banane gewesen, versicherte Jauer. Es sei der Wille gewesen, wie es Václav Havel formulierte, „endlich in der Wahrheit zu leben“.

Mit deutlichem Abscheu erzählte der gebürtige Berliner aus seinen fünf Jahren in der DDR, dass ehrliche Eltern ihre Kinder das Lügen lehren mussten, um sich vor staatlicher Verfolgung zuschützen. Die DDR sei bei der Unterdrückung der Wahrheit am gründlichsten gewesen. Im Gegensatz zu anderen Ländern Osteuropas habe es dort gar keine westlichen Zeitungen gegeben.

Dass es vor gut 20 Jahren in all diesen Ländern die Kirchen gewesen seien, aus denen Widerspruch kam, lag, so Jauer, daran, dass nur dort der für die Wahrheit nötige Freiraum erhalten geblieben sei. Den journalistischen Anspruch, immer auch die andere Seite zu hören, habe er bei seiner Arbeit nur in den evangelischen Pfarrhäusern - später in Polen in den katholischen - erfüllen können.

Der schlechte Ruf, den die Polen in Deutschland haben, ärgert Joachim Jauer sehr. Ihre katholischen Bischöfe seien es gewesen, die 1965 als erste Vergebung für die Verbrechen zwischen beiden Nationen gewährten und erbaten. Und der polnische Papst Johannes Paul habe 1979 die Oppositionsbewegung losgetreten, deren Erfolg Michail Gorbatschow 1989 zuließ.

Nicht nur zu den Menschen und ihren Pfarrern hatte Jauer als Korrespondent Kontakt, auch zu historischen Figuren wie Gorbatschow und Karol Wojtyla, aber auch zu Machthabern wie Honecker und Jaruzelski, der 1981 in Polen das Kriegsrecht verhängte. Grund war die Entstehung der Gewerkschaft Solidarnosc, die ihren Namen aus den Predigten ableitete, die Johannes Paul 1979 während seiner ersten Pilgerreise als Papst in Polen hielt. „Solidarnosc und die katholische Kirche in Polen sind nicht zu trennen“, sagte Jauer. Und die Wirkung des Papst-Wortes „Der Geist Gottes verändere das Schicksal dieser Erde, dieser Nation“ war nicht mehr zu stoppen.

„Urbi et Gorbi - Christen als Wegbereiter der Wende“ hat Joachim Jauer sein Buch über seine Eindrücke betitelt. Er war dabei, als die Ungarn am 2. Mai 1989 die Drähte des Grenzzaunes nach Österreich zerschnitten und als Anfang Oktober tausende DDR-Deutsche auf dem Gelände der bundesdeutschen Botschaft in Prag kampierten. Und die tiefe Rührung jener historischen Tage ergriff ihn auch über 20 Jahre danach wieder.

Mit seinem Buch will Jauer auch dem Vergessen der kommunistischen Diktatur entgegenwirken. Obwohl er sich als politisch eher links stehend bekennt, ließ er keinen Zweifel daran, dass er der zur Linken umgewandelten SED/PDS wegen ihrer unbewältigten Vergangenheit nichts abgewinnen kann.

Bedauerlicherweise wohnten seinem anregenden Vortrag im Männerkreis nur 40 Zuhörer bei, ein Drittel davon ausnahmsweise Frauen. Zu bedauern sind jedoch nur jene, die ihn verpassten.

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