Tabuthema Demenz
Wenn sich die Mutter-Kind-Beziehung umkehrt

Alt-Lotte -

Nicht alltäglich ist bei Studenten das Thema Demenz in ihrer Bachelorarbeit. Für Carina Jannaber aus Alt-Lotte lag es indes nahe. Die junge Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) Alt-Lotte lebt in einer Dreigenerationensituation und kennt die Praxis intensiver Unterstützung älterer Menschen.

Donnerstag, 02.02.2012, 14:02 Uhr

Tabuthema Demenz : Wenn sich die Mutter-Kind-Beziehung umkehrt
Über Demenz hat Carina Jannaber bei der AsF referiert. Foto: Ursula Holtgrewe

In ihrer Arbeit vergleicht sie im städtischen und ländlichen Bereich Töchter, die Mütter pflegen. Dazu referierte sie am Mittwoch im Haus Hehwerth : „Was war gestern? – Häusliche Pflege der demenzkranken Mutter“ lautete der Titel.

„Es gibt eine große Hemmschwelle, über das Thema zu sprechen“, sagt Carina Jannaber . Andererseits sei ihre heimische offen diskutierte Situation der Grund gewesen, sich des Themas anzunehmen. Pflege sei seit Generationen größtenteils Frauensache.

Noch vor rund 40 Jahren war es selbstverständlich, dass die nicht berufstätige Hausfrau Mutter oder Schwiegermutter pflegte. „Seit Jahren ist es für Berufstätige eine Doppelbelastung, die sie häufig allein nicht bewältigen können“, beschreibt Carina Jannaber eine Situation, die eine Veränderung des Familiensystems verursachen könne.

Ihre Interviewpartnerinnen beschrieben auch Sorgen und freudige Erlebnisse. Ein wichtiger Schritt sei, sich überhaupt bewusst zu werden, dass die Mutter dement sei. Als „Mutter-Kind-Beziehung, die verdreht ist“, beschreibt eine Tochter die Veränderung, die für sie bedeute, nun mit der Mutter wie mit einem Kind umzugehen.

Die Ungewissheit über den Verlauf einer fortschreitenden Wesensveränderung der Mutter, vielleicht hin zu Aggressivität, bewegt und belastet die pflegende Tochter außerdem.

Eine gravierende Umstellung sei es, für die Mutter mitdenken zu müssen. Beispiel: „Hoffentlich hat sie den Elektroherd ausgeschaltet.“ Hilfreich, so die Interviewte, seien der tägliche Kontakt und die sich so ergebende bessere Einschätzung, wie selbstständig die Seniorin noch ist.

„Das Ziel ist, die Mutter so mobil wie möglich zu erhalten. Dazu gehört auch, mit ihr unter Menschen oder einfach nur spazieren zu gehen. Wichtig ist auch, etwas zu unternehmen, was der Mutter früher Freude bereitet hat“, weiß Carina Jannaber. Die Interviews hätten gezeigt, dass es auch freudige Situationen gebe: wenn die Mutter einen Tag wie früher habe. Dann sei Kaffeetrinken mit der gesamten Familie ein schönes Erlebnis für alle.

Gleichwohl steigen Belastung und Verantwortung der Tochter für die Mutter im Lauf der Zeit. Hilfe gibt es unter anderem bei Pflegediensten mit stundenweiser Betreuung, wenn die Tochter Zeit zum Abschalten braucht.

Geheilt werden kann Demenz noch nicht. Aber: „Jeder kann vorbeugend etwas tun“, weiß Carina Jannaber. Vernünftige ausgewogene Ernährung gehört ebenso dazu wie kognitives Training, Tanzen und Bewegung generell. „Und ab und zu ein Glas Rotwein“, berichtet Carina Jannaber schmunzelnd.

Vertiefen wird die AsF das Thema „Pflege“ in einer Podiumsdiskussion mit Experten. Sie findet statt am kommenden Mittwoch, 8. Februar, um 20 Uhr im Haus Hehwerth. Thema: „Hilfe! Was tun, wenn in der Familie ein Pflegefall eintritt?“

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