„Der Kontrabass“im Haus Hehwerth
Schmunzeln über verbitterten Musiker

Alt-Lotte -

Eine abenteuerliche Reise in die Gefühlswelten eines leidlich begabten Musikers, der an seinen eigenen Ansprüchen, gepaart mit einer guten Portion Bequemlichkeit, scheitert, brachte gut 60 Zuschauer im Haus Hehwerth zum Schmunzeln. Dort war „Der Kontrabass“ von Patrick Süskind zu sehen.

Sonntag, 17.02.2013, 18:02 Uhr

Musikwissenschaft der besonderen Art: „Der Kontrabass“ gewährte am Samstag dem Publikum im Haus Hewerth bisweilen erstaunliche Einblicke in die Befindlichkeiten und Erkenntnisse eines Orchestermusikers, authentisch verkörpert durch den Osnabrücker Darsteller Helmut Thiele.
Musikwissenschaft der besonderen Art: „Der Kontrabass“ gewährte am Samstag dem Publikum im Haus Hewerth bisweilen erstaunliche Einblicke in die Befindlichkeiten und Erkenntnisse eines Orchestermusikers, authentisch verkörpert durch den Osnabrücker Darsteller Helmut Thiele. Foto: Astrid Springer

Ein völlig zerschlissener Morgenmantel, zerlesene Bücher nebst Büsten von Mozart, Wagner und Beethoven, vergilbte Notenblätter, leere Bierflaschen, ein völlig verbeulter Kühlschrank, auf dem sich die Kronkorken der vergangenen Monate türmen und ein mannshoher Kontrabass zierten am Samstag die Bühne im Haus Hehwert.

Etwa sechzig Besucher waren der Einladung der Lotter Bürgergemeinschaft gefolgt, um das Stück „Der Kontrabass“ von Patrick Süskind anzuschauen, und die akribisch zusammengestellte Kulisse vermittelte ihnen bereits vor Beginn des Stückes ein feinsinniges Bild vom Befinden des in die Jahre gekommenen Protagonisten. Im Verlauf des Einakters wurde schnell klar: Mit seinem Kontrabass verbindet den Musiker eine tief greifende Hassliebe.

Dazu trägt unter anderem die Schwierigkeit bei, mit seinem Kontrabass Anerkennung zu ernten, „Und dass, obwohl kein Orchester ohne die Bässe auskommt“, beschwerte sich der Protagonist lautstark über die Ungerechtigkeit der Welt.

Verkörpert wurde dieser durch den Osnabrücker Schauspieler Helmut Thiele . Der einstige Wiener nahm seine Zuschauer in dem Monolog mit auf eine abenteuerliche Reise in die Gefühlswelten eines leidlich begabten Musikers, der an seinen eigenen Ansprüchen, gepaart mit einer guten Portion Bequemlichkeit scheitert. Dessen teils pathologische Wahrnehmung, die nicht zuletzt auf einen ungezügelten Alkoholgenuss zurückzuführen ist, mündet schließlich in einem Feuerwerk von Schuldzuweisungen, die er allesamt seinem Kontrabass anlastet.

Ganz nebenbei erhält der Zuschauer einen breiten Überblick über das Genre der Klassik samt Hörbeispielen, wobei der Protagonist an Wagner kein gutes Haar lässt: Die Walküre komme daher wie eine Filmmusik zum Weißen Hai, und überhaupt sei Wagner musikalisch gesehen bestenfalls Unterprima. Auch Mozart sei weit überschätzt, der habe lediglich Glück gehabt, zum richtigen Zeitpunkt geboren zu sein, skandierte der einsame Kontrabassist in seinem schäbigen Zimmer.

Dass sich hinter all dem Zynismus sein seit Jahren erfolgloses Streben nach Liebe und Anerkennung verbirgt, begreift der Zuschauer spätestens, als er sein Instrument sogar für die unerfüllte Liebe zur blutjungen Mezzosopranistin Sarah verantwortlich macht.

Der in seinem Stolz verletzte Künstler bietet dabei allen gebrochenen Biografien Projektionsfläche, die einst nach Höherem strebten und sich letztlich mit einem pragmatischen Lebensentwurf anfreunden mussten. Solche Schicksale schien auch das Lotter Publikum durchaus zu kennen, jedenfalls reagierte es mit viel wissendem Gelächter, als der Protagonist gezielt Landärzte und Buchhalter mit seiner Situation als zwar unglücklichem, aber immerhin lebenslang abgesichertem Orchestermusiker verglich.

Die Schrulligkeit und die teils pathologischen Gefühlslagen des vereinsamten Musikers setzte Thiele mit eindringlicher Dichte um, seine authentisch gespielten Emotionen und die ausdrucksstarke Körpersprache vermittelten das Leid des Künstlers hautnah. Dabei schien er beinahe mit der Figur zu verschmelzen – was nicht zuletzt darin begründet sein dürfte, dass er mit diesem Stück bereits seit 1985 auf deutschsprachigen Bühnen erfolgreich ist und kürzlich seine 250. Aufführung gab.

Unter den Zuschauern war auch der einstige Musiklehrer Heinz Berge, der durchblicken ließ, dass er das Urteil über Wagner eben noch nachvollziehen könne, bei Mozart wolle er aber deutlich intervenieren, der gehöre nämlich zu seinen Lieblingskomponisten, stellte er lachend klar.

In lockerer Runde wurde nach der Vorstellung noch viel über das Stück diskutiert, dabei knüpfte Thiele, der mit seinen gegelten Haaren und seinem jungenhaften Wiener Dialekt an Falco erinnerte, bei seinen Erläuterungen nahtlos an die Leidenschaft seines Protagonisten an. Da verwundert es nicht mehr, dass er für den Aufbau der Kulisse jeweils etwa dreieinhalb Stunden investiert.

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