Wiedergründung einer Stalking-Selbsthilfegruppe für das Tecklenburger Land
Immer noch ein Tabu-Thema

Tecklenburger land -

Ein Jahr gab es sie nicht mehr, jetzt wurde sie wiedergegründet: die Selbsthilfegruppe für Stalking-Betroffene im Tecklenburger Band. Bis zu sechs Frauen treffen sich derzeit in dieser Gruppe, um einander Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten.

Donnerstag, 22.09.2016, 07:09 Uhr

Stalker meist sind es Männer – können den Opfern das Leben zur Hölle machen.
Stalker meist sind es Männer – können den Opfern das Leben zur Hölle machen.

Schon die Erfahrung, dass man nicht allein ist und der Austausch mit anderen Betroffenen, sei eine Unterstützung, sagt Diplom-Sozialpädagogin Julia Gakstatter , Leiterin des Netzwerks Selbsthilfe und Ehrenamt in Emsdetten. Und: „So eine Gruppe kann Vieles leisten, aber es hat auch Grenzen. Es gibt auch Situationen, da braucht es professionelle Hilfe.“

Früher war das Emsdettener Netzwerk Ansprechpartner für Betroffene, die zur Selbsthilfegruppe kommen wollten (es gab bereits früher – seit Mai 2011 – eine Stalkinggruppe in Ibbenbüren ). Da es aber um ein so sensibles Thema gehe, habe man entschieden, dass es einfacher für Betroffene sei, vor Ort einen Ansprechpartner zu haben.

Diese Aufgabe übernimmt jetzt Nayla Yildiz , Leiterin der Kontakt- und Beratungsstelle für psychisch Erkrankte und Behinderte e.V., Große Straße 34, in Ibbenbüren. „Ich verstehe mich als Filter“, sagt sie. Im Gespräch mit Betroffenen könne sie beraten, ob die Selbsthilfegruppe das Richtige ist, oder ob andere Hilfeangebote im konkreten Fall geeigneter wären. Den Kontakt suchen können Frauen aus dem ganzen Tecklenburger Land.

Sowohl Gakstatter wie auch Yildiz betonen, dass es sich bei dieser Stalking-Gruppe um eine Selbsthilfegruppe im klassischen Sinne handele, die Gruppe werde bei ihren Treffen nicht von einer professionellen Kraft betreut.

Die Treffen der Gruppe finden jeweils in einem geschützten Raum statt. Die Adresse des Treffpunktes nennt die Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin Nayla Yildiz den Betroffenen erst nach Kontaktaufnahme mit ihr ( ✆ 05451/999250-0).

Männer können sich der Gruppe vorerst nicht anschließen, derzeit ist es eine reine Frauengruppe. „Fast 90 Prozent aller Stalkingopfer sind Frauen“, sagt Julia Gak-statter dazu.

Neben den regelmäßigen Treffen soll es mindestens einmal im Jahr eine Veranstaltung der Selbsthilfegruppe, zum Beispiel einen Fachvortrag, geben.

Engagieren sich für die Selbsthilfegruppe „Stalking“ (von links): Julia Gakstatter (Netzwerk Selbsthilfe und Ehrenamt), Elisabeth Morais, Barbara Timmermann und Nayla Yildiz (Kontakt- und Beratungsstelle des Förderkreises für psychisch Erkrankte und Behinderte e.V.)

Engagieren sich für die Selbsthilfegruppe „Stalking“ (von links): Julia Gakstatter (Netzwerk Selbsthilfe und Ehrenamt), Elisabeth Morais, Barbara Timmermann und Nayla Yildiz (Kontakt- und Beratungsstelle des Förderkreises für psychisch Erkrankte und Behinderte e.V.) Foto: Cornelia Ruholl

Noch immer sei Stalking ein Tabu-Thema, betont Barbara Timmermann. Deshalb sprächen viele lieber nicht darüber. „Viele trauen sich nicht“, sagt sie. Und Elisabeth Morais sagt auch, warum: Viele Ansprechpartner bei Behörden oder Gerichten sähen das Geschehen als nicht gravierend an. „Viele halten das für unwichtig“, so Morais. Deshalb haben sie und Barbara Timmermann sich entschlossen, nicht in der Anonymität zu bleiben, bewusst Gesicht zu zeigen. „Ich will mich nicht verstecken“, sagt Morais.

Das sei „total mutig“, meint Julia Gakstatter. Aber, mit Blick auf andere Stalkingopfer macht sie deutlich: „Das ist der Weg dieser Beiden, gewesen, aber das ist nicht immer sinnvoll.“ Deshalb betont sie, dass es in der Gruppe natürlich auch möglich sei, anonym zu bleiben.

Es gebe landesweit in NRW nur wenige Selbsthilfegruppen zum Thema Stalking, so Gakstatter. Dies sei im Kreis Steinfurt fast die Einzige und im Selbsthilfe-Netz seien landesweit nur zwei bis drei gelistet.

Stalking-Hilfe

Stalking ist das wiederholte Belästigen und Verfolgen einer Person über einen langen Zeitraum hinweg. Strafbar ist das seit März 2007 (§238 Nachstellung).Fachliche Hilfen finden Stalking-Opfer beim Frauenhaus Rheine ( ✆  0 59 71/12 7 93), bei der Frauenberatungsstelle Rheine ( ✆  0 59 71/800 73 70), beim Opferschutzbeauftragten der Kripo ( ✆ 0 59 71/93 859 12), bei der Caritas Ibbenbüren, Sekretariat für Familien- und Eheberatung ( ✆  0 54 51/500 223) und in Notfällen: 110.Stalking-Opfer sollten ein Stalking-Tagebuch führen, Anrufbeantworter-Texte speichern, E-Mails und SMS sichern sowie alles in schriftlicher Form sammeln und mögliche Zeugen benennen. ( Quelle: Stalking Selbsthilfegruppe Ibbenbüren )

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Angst und Ohnmacht löst Stalking bei den Opfern aus. Und daraus entwickeln sich Depressionen, psychosomatische Beschwerden, Misstrauen und generell Furcht. Und die betroffenen Frauen der Selbsthilfegruppe beklagen, dass sie oft nicht ernst genommen würden, selbst von Richtern oder Behörden wie den Jugendämtern nicht. „Man wird einfach nicht wahrgenommen.“ Hier habe bislang auch die gerade verabschiedete Änderung des Strafrechts noch keine Wirkung gezeigt.

Und die Täter ? Sie gebe es in allen sozialen Schichten, sagt Julia Gakstatter. Wenig Selbstbewusstsein und geringer Selbstwert seien meist kennzeichnend, auch wenn sie beruflich oft durchaus in machtvollen Positionen seien. Auch ein Suchtproblem der Täter spiele dabei oft eine Rolle. Immer werde massiv Druck ausgeübt, nicht selten zum Beispiel über gemeinsame Kinder. Durch immer neue Forderungen und Drohungen sorgten Täter dann dafür, dass es immer wieder gemeinsame Termine gibt“, beschreibt Yildiz, wie schwierig es ist, ein solches Netz von (Psycho-)Terror zu überwinden.

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