Feuchttücher werden in Kanalisation und Kläranlagen zum Problemfall
Zersetzungsresistente Wiedergänger

Lotte -

Sie werden als „sanft reinigend“ und „umweltfreundlich“ angepriesen, sind aber alles andere als das: Feuchttücher, die in der Babypflege oder als zusätzliche Hygiene nach dem Toilettengang angeboten werden, mutieren in Kläranlagen zum Problemstoff.

Mittwoch, 28.09.2016, 15:09 Uhr

Zersetzungsresistente Problembereiter: Wenn die Belüftungsstränge im Belebungsbecken der Zentralkläranlage Wersen gereinigt werden, tauchen auch die Feuchttücher im Sediment auf.
Zersetzungsresistente Problembereiter: Wenn die Belüftungsstränge im Belebungsbecken der Zentralkläranlage Wersen gereinigt werden, tauchen auch die Feuchttücher im Sediment auf. Foto: Gemeinde Lotte

Anders als normales Klopapier gehören sie jedoch nicht ins WC, sondern wie Binden, Windeln und Tampons in den Mülleimer. Denn im Abwasser sorgen sie auch in Lotte für erhebliche Probleme sowohl im Klärwerk Alt-Lotte als auch in der Zentralkläranlage Wersen.

Denn im Gegensatz zu Toilettenpapier sind die feuchten, angenehm duftenden Tücher aus besonders reißfestem Vlies. Selbst wenn auf der Verpackung steht, dass sie abbaubar seien, lösen sie sich auf dem Weg durch die Abwasserrohre eben nicht auf, sondern zerfasern, verbinden sich miteinander und bilden dicke Klumpen, die Pumpen verstopfen, zusammen mit Sand den Materialabrieb am Pumpenlaufwerk beschleunigen oder – wie in Wersen – sich im Belebungsbecken im Sediment absetzen und die Belüftungsstränge zusetzen, wie Klärwerksleiter Dirk Brönstrup und Abwasserbetriebsleiterin Astrid Hickmann erläutern.

Das Abwasser aus der Kanalisation, dass in den Kläranlagen ankommt, passiert laut Brönstrup zunächst einen Grob-, dann einen Feinrechen, bevor es in das Belebungsbecken geleitet wird, wo die Bakterien dann ihre zersetzende Arbeit leisten. Eine Zerkleinerung gibt es hier nicht. Die allenfalls zerfaserten, manchmal aber auch noch nach Jahren im Sediment des Belebungsbeckens komplett erhaltenen Feuchttücher „flutschen“, sofern sie sich nicht um die Rechen wickeln und diese verstopfen, „durchs Sieb durch“ und sinken im Belebungsbecken auf den Boden, berichtet Brönstrup.

Etwa alle zehn bis 15 Jahre wird in der Wersener Anlage das Belebungsbecken kurzzeitig aus dem Betrieb genommen, um die Belüftungsstränge zu reinigen: „Da hängt dann alles voll“, so der Klärwerksleiter und zeigt ein Foto von der jüngsten Reinigungsaktion: „Die Feuchttücher sind noch deutlich zu erkennen!“ Noch größere Probleme gebe es überall da, „wo wir Abwasser hochpumpen“, ergänzt Astrid Hickmann. Das sei besonders in der Kläranlage Alt-Lotte der Fall, wo regelmäßig ein dickes Knäuel aus zähen, unverrotteten Fasern die Hauptpumpe verstopft, aber auch an den Pumpstationen in Wersen.

Einmal im Monat, früher sogar bis zu dreimal in der Woche, müssen die Pumpen von solchen Verstopfungen gereinigt werden. Dass die Frequenz rückläufig ist, liegt nicht etwa am Rückgang der unsachgemäßen Feuchttücherentsorgung, sondern an neuen Pumpen mit entsprechender Steuerung, die zwischendurch ihre Drehrichtung ändern und sich so selber freispülen. Damit hätten die Hersteller von Klärwerkstechnik schon auf das inzwischen flächendeckende Problem reagiert, erklärt Brönstrup.

Aber das reicht eben nicht, betont auch Lottes Umweltbeauftragte Ursula Wilm-Chemnitz. Man könne so zwar den Transportablauf verbessern, bekomme aber die Feuchttücher nicht weg, die mühsam herausgeholt und als Abfall entsorgt werden müssen. Von wegen „abbaubar“: „Es steht ja nicht dabei, in welchem Jahrhundert“, kommentiert die Abwasserbetriebsleiterin dieses Werbeversprechen.

Teuer und letztlich von den Bürger über die Abwassergebühren zu bezahlen ist auch noch ein weiterer Effekt der reißfesten Tücher: Zusammen mit Sand, der sich auch immer im Abwasser findet, werden sie zu einer Art Schmirgelpapier, das die Laufräder der Pumpen abschleift und so einen häufigeren Austausch erforderlich macht. „So ein Rückkonus kostet 800 bis 1000 Euro, das Gegenaggregat noch einmal so viel. Dazu kommen dann noch die Reparaturkosten“, rechnet Brönstrup vor.

Was also kann man tun, um die Probleme zu lösen? Auf jeden Fall gehören die feuchten Tücher nicht ins Klo, sondern in den Mülleimer. „Man sollte sich auch fragen, brauche ich das überhaupt?“, meint Lottes Umweltbeauftragte Ursula Wilm-Chemnitz. Denn die anderen beiden Lösungswege, nämlich die Klärwerkstechnik zu optimieren oder die Feuchttücher-Hersteller zu einer Materialänderung zu zwingen, sind teuer und nicht von heute auf morgen umsetzbar: „Der Gesetzgeber müsste die Hersteller zu konkreteren Angaben über die Abbaubarkeit verpflichten“, so Astrid Hickmann. Die Frage sei allerdings, ob es technisch überhaupt machbar sei, reißfeste und zugleich schnell zersetzbare Feuchttücher zu produzieren.

Da ist es doch wohl die einfachste und umweltverträglichste Lösung, sich einen geschlossenen Müllbehälter neben das WC zu stellen und alles, was nicht in die Toilette gehört, darin zu entsorgen.

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